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Kategorien > Besinnliches > zum Nachdenken

Frühlingserwachen

von Dr.Soltberg

1

Die Insel des Sommers erwacht, als Aurora im Äther zu baden beginnt und diamantenes Feuer den einsamen Nachthimmel zu vernarben scheint.
Das Rauschen der getauten Quellen formt eine Symphonie des Lebens und huldigt der Natur.
Fernab jedweder Zivilisation besteht die Sommerinsel weiterhin.
Bernstein strahlt von Sol und ist dabei den Wellen, welche die Insel umgeben, nicht unähnlich.
Der endlose Horizont bleibt gefroren. Die Menschen fliehen von diesem Ort.
Einsamkeit wird bald zum Synonym der Sommerinsel, denn etwas Verborgenes wohnt diesem Ort inne.

Einsam saß auch der Poet auf einem gefallenen Baumstamm nahe der Quelle und musterte seine Spiegelung im reinsten Wasser, welches durch konzentrische Kreise fallender Tropfen zu einem Kunstwerk von unendlicher Schönheit wurde. Der Bernsteinsee betrachtet den Poeten stumm, während der eisige Wind ihn berührte, umarmte und Geheimes flüsterte.
Die Tränen des Poeten nähren den See und der Poet wurde stärker in seiner Eigenschaft als namenloser Unmensch.
Die Festung der Menschen brannte und er ist der einzige, der dies zu sehen vermochte.
Sich dessen bewusst schwieg er weiter, als der einzig wahre Pantheist. Feuer über und Eis unter dem Herzen tragend.
Das sanfte Rauschen der Quelle verschmolz mit dem Flüstern des Windes und den Rufen der Vögel und dem Rascheln der Gräser.
Kraftlos legte der Poet den Kopf in die Hände und schloss die Augen. Das Blätterdach über ihm, der goldene See und das knöchelhohe, sich wiegende Gras trockneten seine Tränen.
Er wurde eins mit der Natur. Liebte und fürchtete sie.
Er verlor sich in seiner Selbst, drang in die tiefsten Ebenen seiner Seele ein und badete in der lähmenden Einsamkeit des Nonkonformen, während der Wind anschwoll und einen eisigen Chor bildete um eine Hymne auf die Natur zu komponieren. Alles hallte in seinem Kopf wider. Er fühlte Glück und Traurigkeit. Erhob sich in unmenschliche, verbotene Sphären und begann jede Facette des Lebens zu lieben.
Ein Elch trat aus dem Schatten der Bäume und näherte sich dem letzten Menschen auf der Insel des Sommers.
Mit jedem erhabenen Schritt des wunderschönen Tieres schienen Hölzer aufeinander zu schlagen, als wollten sie ihm applaudieren. Er ging langsam auf den Poeten zu.
Dieser hob den Kopf aus den Händen, als er das sanfte Knacken hörte und blickte dem Herrscher der Insel des Sommers in die dunklen Augen.
Der Elch, ein Kunstwerk an sich, hielt inne und hob das verwobene Geweih über den starken Körper. Fast wehmütig betrachtete er den Poeten. Äonen zerfielen in jenen Sekunden zu Staub. Bevor der Poet, voller Ruhe und Erleuchtung, sich bewegen konnte, sprach Lord Sommerinsel zu ihm.
Der Wind flaute ab und die Vögel schwiegen. Alles schien verzückt zu lauschen und der Poet erkannte seine Aufgabe.



Lord Sommerinsel: Siehe dir diese Kinder an. Sie hüpfen in die Flammen und erflehen den Feuergott um Fruchtbarkeit. Wir können es ihnen nicht vergelten. Sie wissen nichts.

Der Poet: Welcher Mensch würde einen Gottessohn nicht dem aknegezeichneten Gesicht eines Handwerkers vorziehen?

Lord Sommerinsel: Du unterstützt also die letzten Menschen, die so denken in ihrem Handeln?

Der Poet: Natürlich. Wir müssen neue Generationen mit neuem Wissen schaffen. Sie sollen wissen, dass die alten Götter hier noch existieren.

Lord Sommerinsel: Was ist mit eurem wahren Gott? Was ist mit ihm, wo doch so viele Kirchen und Klöster zu seinem Gedenken erbaut wurden? Was wird aus ihm?

Der Poet: Oh, Er ist tot. Sollte er sich denn beklagen? Er hatte seine Chance! Und die Sprache –meine Worte-… Sie blies ihn fort. Er wurde eins mit der Natur.

Lord Sommerinsel: Alle Menschen sind schon vor langer Zeit von der Insel geflohen. Sie sollten nie wiederkehren.

Der Poet: Aber ich tue es. Meine Vorfahren haben die Künste, sowie die alte Göttlichkeit verehrt. Sie haben aus der Not geschrieben.
Und mein Vater? Mein Vater schrieb dann aus Liebe. Er brachte mir bei, die Natur zu lieben und zu fürchten. Sich auf sie zu verlassen und sie zu beruhigen, wenn dies notwendig ist.
Er brachte mich dazu, weiter zu schreiben.
Er machte mich zu-

“Der Mensch: Er machte dich zu einem Gottlosen!“

Der Poet: Ein Ungläubiger vielleicht, aber sicherlich kein Unerleuchteter.

Lord Sommerinsel: Fröne deiner Künste und der Natur, Poet! Werde wieder das, was du bist! Anders als alle Menschen und doch bist du ihr Schlüssel. Verweile auf der Insel des Sommers.


Das sagte der Herrscher über die Sommerinsel und dann schwieg er. Der Poet sah ihn an, aber er war fort. Nur ein wunderschöner Elch verschwand langsam hinter den prachtvollen Bäumen, begleitet von dem ruhigen Knacken der Äste. Die unberührte Natur erwachte wieder. Die Quelle rauschte und der See formte wieder verspielte Gebilde aus Kreisen. Jeder Grashalm wogte ihm Wind, der nun wieder den Poeten zu umarmen begann.
Wieder kehrte sich sein Geist nach innen. Er dachte an das, was geschehen war.

Dann stand er auf und ging. Lies all dies zwar hinter sich zurück, doch trug er die Insel des Sommers immer in seinem Geiste. Seine Seele und sein Herz sollten in ihr daheim sein.

Und so beginnt neuerlich sein Schaffen,
Und endet das Frühlingserwachen.

“We carry death
Out of our hearts”

Dr.Soltberg

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Kommentare

Demeter schrieb am 2009-10-02 22:59:10:
meine Lieblingsstelle ist "...das verwobene Geweih..."
wirklich schön. Deine Wortwahl gefällt mir noch besser, als vor drei Jahren ;)
Chaya_Lumine schrieb am 2009-09-08 22:21:13:
Wow!

Das ist das einzige was ich dazu sagen kann! Deine Geschichte hat mich gefangen und mich ,jede weitere sekunde die ich gelesen habe, gezwungen weiter zu lesen!

An dich kommt man einfach nicht ran, du kannst mir glauben, denn ich versuche es und wie du sehen kannst bin ich nicht mal annähernd so gut wie du.

Bitte erfülle diese Welt weiter mit deinen wundervollen Kurzgeschichten!!!

Chaya_Lumine
franke,sina schrieb am 2009-06-07 21:04:12:
unglaublich. im wahrsten sinne des wortes. kaum zu glauben das jemand mit worten so jonglieren kann wie du. einfach der wahnsinn. diese worte, diese adjektive einfach alles was deinen text ausmacht ist unglaublich. neben dir fuehlt man sich mit seinen texten und geschichten ganz klein. schoen dass man zu dir hochsehen kann... vielleicht kann ich ja was von dir lernen : )
aber so zu schreiben ist ein geschenk, und man kann keien kurs dafuer belegen.
wirklich absulut genial, du BIST ein Poet... keine Frage!!!

liebe gruesse

xxx sina xxx
Anariel schrieb am 2009-06-03 01:17:12:
Hallo mein lieber Soltberg.....

Oh was freu ich mich, wieder mal etwas von dir zu lesen.
Wie immer, auf deine Weise wunderschön.....es weicht aber ein klein wenig von deinen bisherigen Themen ab, oder irre ich mich da?
Besonders gefällt mir, die Verkehrungen...der Poet betrachtet den See, der See wiederum den Poeten...

Sind wir die Poeten, mein Lieber Soltberg?
Oder sind wir die letzten Kinder der Sommersonneninsel,
mit ihren bernsteingelben Tönen und der heißen Sonne, die erbamungslos von einem azurenem Himmel herabbrennt und die Luft flirren lässt,
mit ihren hochgewachsenen, wilden Wiesen voller Blumen, Gräser und Insektengesumm,
den ungezämten und unbegradigten Wildbächen, die hell lachen wie windspiel und Glockenklang im eisigkaltem, reinem Wasser singen,
mit ihren tiefgrünen, schattengezeichneten Wäldern in ihren wilden, sinnlichen Gerüchen
die uns verführen zu einem letzem Tanz im Feuer um dort zu verglühen, gleich den Motten in der Kerzenflamme?

Hast du sie gehört, die Kinder der verlorenen Welt:
"Komm mit uns süßes Menschenkind,
dort wo die wilden Wasser sind.
Wir wissen was du so vermisst,
in einer Welt, in der nur Trauer ist."

Nun habe ich mich hinreißen lassen.
Ich lese dich und deine Texte sehr, sehr gerne.

Mit lieben, rätselhaften Grüßen
eine Nomadin
Anariel
alyla schrieb am 2009-06-02 22:13:53:
Einfach wundervoll.

Menschen, die so mit Worten umgehen können wie du, sind selten.

Alyla

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