Für die Ehre des Vaterlandes
von
Julie Niebur
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„Wir haben Kontakt! Los, los los!“
Wie lang bin ich schon hier?
„Granate! Vorsicht!“
Spielt das überhaupt eine Rolle…
„Deckung!“
Wir müssen schon seit Stunden in diesen Graben liegen.
„Was zum…. Watson, komm sofort zurück!“
BAMM. Watson fällt zurück in den Graben. Blut kommt unter seinem Helm zum Vorschein und läuft langsam über sein Gesicht. Er hätte auf den Colonel hören sollen.
„Sanitäter, schnell!“
Es ist bereits zu spät. Nichts mehr zu retten. Ich habe gehört, er war erst 19… noch fast ein Kind.
„… Verdammte Mistkerle!“
Der Colonel ist jedes Mal tief betroffen, wenn einer seiner Rekruten fällt. Komisch… wenn ich den armen Jungen sehe fühle ich… nichts Besonderes. Kein Mitgefühl, oder Reue ihn nicht beschützt zu haben… eigentlich ist das traurig.
„Okay. Sie mögen vielleicht in der Überzahl sein, aber mit präzisem, taktischem Vorgehen werden wir die feindliche Linie durchstoßen können!“
Motivierende Worte. Trotzdem kann ich die Angst der Soldaten an ihren Augen ablesen. Die meisten von ihnen wollten nichts mit dem Krieg zutun haben, sondern sich ein sicheres Plätzchen mit ihren Familien suchen. Auch ich wollte das zusammen mit meiner Frau Mary durchstehen… wie ich sie vermisse. Ihre Stimme, ihr Duft… einfach alles. Doch eines Tages wurde ich in die nächste Kaserne bestellt. „Kämpft für das Vaterland“, hieß es, „Seid Stolz darauf, für die Gute Sache zu kämpfen… und vielleicht auch zu sterben“. In nur drei Monaten wurde mir beigebracht, wie ich in kürzester Zeit einen Mann umbringen konnte. Mittlerweile sind es 23… das sind 23 Kerben, die ich in das Holz meines Gewehres geschlagen habe. Das mache ich allerdings nicht, um mich an „Heldenhaften Taten“ zurück zu erinnern… somit weiß ich immer, wie viele Sünden ich später einmal in der Hölle abzusitzen werde.
„Campell und Johnson kommen mit mir, Davis und Emmerich geben Deckung!“
Es geht wieder los. Ein erneuter Kampf um die Ehre des Vaterlandes… ein erneutes bangen um das eigene Leben. Ich überprüfe ein letztes Mal das Magazin, bevor es in meiner Waffe verschwindet. Jede noch so kleine Ladehemmung könnte meinen Tod bedeuten.
„3…2… Los!“
Adrenalin durchfließt meinen Körper und verleiht mir neue Kraft. Vorsichtig robbe ich auf den Bauch aus dem tiefen Graben hervor. Die Überreste meiner toten Kameraden säumen den Boden vor mir. Ein paar Meter weiter hinten erspähe ich einen ersten Blick auf den Feind – der Feind, den unser Land für uns ausgesucht hat. Der flache Lauf meiner Flinte visiert sein Ziel an… meine Hände zittern ganz furchtbar. Tief im Unterbewusstsein schreit eine laute Stimme zu mir hinauf: „Es ist falsch, was du da tust! Leg die Waffe nieder und flüchte so schnell du kannst!“ Flüchten? Nein… jeder Fahnenflüchtige wird auf der Stelle erschossen… da spielt es auch keine Rolle, ob du eine Familie hast, die auf dich wartet.
„Da vorne… rechts, rechts!“
Davis Kommentare klingen wie ein Rauschen in meinen Ohren. Es ist wirklich schwer ihn zu verstehen, bei all den Explosionen und Schreien. Trotzdem weiß ich, worauf er mich aufmerksam machen will. Meine ganzen Sinne erstarren kurzzeitig zu Eis, als mein Finger den Abzug nach unten drückt. Jedes Mal ist es so schnell wieder vorbei, wie es angefangen hat. Der Mann in der grauen Uniform sackt leblos zusammen… Blattschuss. Für einen Moment fühle ich mich erleichtert… einer weniger, Gott sei es gedankt. Doch da kommen immer mehr. Campell fällt auf die Knie. Er schreit kurz auf, bevor ihn eine zweite Kugel von der Seite trifft. Erst jetzt erkenne ich, mit wie vielen wir es eigentlich zutun haben. Der Colonel hat gelogen. Aber er hat sicher seine Befehle…
„Johnson, runter sofort!“
Der gute Ray Johnson wird durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Vor drei Tagen zeigte er mir Fotos von seinen Kindern… ihnen wird jetzt eine schwere Zeit bevorstehen. Der Colonel konnte sich hinter einer Backsteinmauer retten… allerdings wird das keine langfristige Lösung sein. Ich nehme erneut Ziel auf den Feind…
„Granate!“
Nein… Mary… meine Glieder sind taub. Hilf mir… ich…
An meine heißgeliebte Frau:
Du wirst diesen Brief erhalten, wenn ich bereits tief unter der Erde begraben liege. Du solltest nur wissen das es mir Leid tut… ich konnte mein Versprechen nicht einhalten. Nur zu gerne wäre ich nach dem Krieg zu dir zurückgekehrt. Ich würde dir um den Hals fallen und dir sagen, wie sehr ich dich vermisst habe.
Es verging keine Nacht auf dem Schlachtfeld, an der ich nicht an dich gedacht habe. Deine Stimme, deine Art zu lachen und der Duft nach Rosenblüten…
Ich liebe dich mein Schatz. Und ich werde auch im Jenseits jede schöne Erinnerung an dich behalten. Wenn deine Tränen um mich versiegt sind… wünsche ich mir von Herzen, dass du ein neues Leben beginnst… ich möchte nur, dass du glücklich wirst.
In Liebe,
Harold
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Kommentare
jojo schrieb am 2010-03-06 09:05:33:
Coole Geschiche. Sehr realistisch geschrieben und sie macht Lust auf mehr.
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