Gedanken eines Todesengels
von
Raindrop
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Schon wieder ein Selbstmörder, den ich ans Himmelstor bringen soll. Schon wieder einer, der mit seinem Leben nicht klargekommen ist, der seine Probleme nicht in den Griff bekommen hat, der aufgegeben hat. Die Verzweiflung war wieder stärker als der Lebenswille. Was mögen all die Menschen denken, kurz bevor sie sterben? Was mag sie bewegt haben, sich umzubringen, dieses wertvolle Geschenk namens Leben einfach wegzuwerfen? Vielleicht der Tod eines geliebten Menschen? Oder eine Schuld, die auf den eigenen Schultern lastet? Ich weiß es nicht, und ich werde es wohl auch nie wissen. Doch es interessiert mich. Ich glaube, es gibt keine Probleme, die man nicht auch anders lösen kann. Doch das Sterben ist der leichtere Weg. Man wird auf einen Schlag all seine Probleme los und kann wieder frei atmen. Man kann die Verantwortung auf andere Schultern laden, sich alldem entziehen. Und doch bleibt eine Aufgabe unerfüllt.
Es deprimiert mich immer sehr, wenn ich einen Selbstmörder mitnehmen muss. Ich schäme mich für ihre Feigheit, kann ihnen kaum in die Augen sehen. Solche Leute sind mir zuwider. Ich kann solche Leute nicht respektieren. Todesengel ist eigentlich nicht der richtige Beruf für mich. Vielleicht sollte ich darüber nachdenken, Schutzengel zu werden. All die guten Seelen zu beschützen, die es verdient haben, die nicht einfach aus dem Leben gerissen werden dürfen, weil sonst ein wichtiger Platz leer bliebe. Viel zu viele Leute werden zu früh aus dem Leben gerissen, hinterlassen eine Lücke, ein Loch, das man nicht einfach wieder stopfen kann.
Manchmal packt mich die Melancholie, wenn ich wieder eine arme Seele ans Himmelstor geleiten soll. Dann denke ich, es hat doch eigentlich gar keinen Sinn zu leben. Immer wieder stößt man auf Probleme, immer wieder wirft einen etwas aus der Bahn und immer wieder wird man deprimiert. Dann verstehe ich all die Selbstmörder, die ihrem Leben ein abruptes Ende setzen, das eigentlich erst später geplant war. Viele gute Menschen werden schon mit wenigen Jahren aus dem Leben gerissen, während die wahren Übeltäter noch Jahre auf der Erde weilen und dort Unheil anrichten.
Doch immer, wenn ich auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt bin, dann sehe ich irgendwo wieder die Hoffnung und weiß, es gibt sie noch. Und solange es die Hoffnung noch gibt hat jedes Leben einen Sinn. Die Hoffnung ist ein unbezahlbares Gut, was trotzdem jeder irgendwo finden kann. Man muss nur an der richtigen Stelle suchen und vor allem darf man nie aufgeben, nie aufhören nach ihr zu suchen.
Wenn ich die Hoffnung wieder entdeckt habe, wie ein Stern am Horizont, der mir den Weg durch das Lebenslabyrinth weist, dann weiß ich wieder, warum das Leben so kostbar ist, zu kostbar um es einfach zu vergeuden und es mit Füßen zu treten. Dann richte ich mich auf, straffe meinen Körper und freue mich meines Daseins.
An all das dachte ich, während ich von der Brücke über die weite Landschaft blickte. Ich seufzte. Ich sollte besser weiterfliegen, es gab schließlich noch andere Tote, die ich ans Himmelstor führen musste.
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Kommentare
Inu schrieb am 2009-06-08 17:03:35:
Wirklich supi geschrieben! =)
Yasha schrieb am 2009-06-08 17:02:19:
Wirklich supi geschrieben! =D
Raindrop schrieb am 2009-02-05 22:05:47:
Danke für eure Komplimente, das baut einen richtig auf! Schreibe gerade schon an was Neuem, bin damit aber noch nicht so zufrieden. Wenn ich es überarbeitet hab, stell ich es auch noch hier rein.
Liebe Grüße,
Raindrop
PS: Dieser Krimi "Tod in der Hölle" ist NICHT von mir. Ich habe keine Ahnung, wer das geschrieben hat.
Traumfänger schrieb am 2009-01-13 14:29:03:
Wunderschön.
Deine Gedanken sind wirklich toll und deine Ausdrucksweise auch. Ich wünschte, es würden mehr Menschen so über das Thema Selbstmord denken.
Ganz große klasse.
Viele Grüße,
Silke
TJ Omar schrieb am 2009-01-12 21:57:05:
Gefällt mir. Einfach geschrieben, gut formuliert. Der Gedankengang find ich recht gut. Mach weiter so.
MfG TJ Omar
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