Geh und töte den Zwerg!
von
Dogan I
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Wenn diese scheiß Kälte nicht gewesen wäre, hätte ich es vielleicht ertragen können, aber trotz des dicken Pelzmantels, der Pelzschuhe, der Pelzhandschuhe und der Pelzmütze war mir kalt.
Nicht mal die Ausrottung der Bären im umliegenden Wald hatte geholfen, um mich warm zu bekommen. Ich fror trotzdem. Die Rotze, die aus meiner Nase lief war an meiner Oberlippe festgefroren, meine Ohren fühlten sich an, als würden sie jeden Augenblick abfallen und durch die winzigen Ritzen in der Kleidung kroch die Kälte hinein und erledigte den Rest.
Die Beine steif, die Füße taub und eine Stinkwut in mir. So stapfte ich Schritt für Schritt den Berg hinauf und sah selbst aus wie ein Bär.
Ich hoffte nur, nicht auf einen echten brummigen Riesen zu treffen. Einen, den die Dorfbewohner vergessen hatten und der entweder Blutrache für seine gemeuchelten Artgenossen fordern würde, oder den Drang verspürte, die Population seiner Art durch Bespringen meiner Person zu steigern. Aber mir war alles egal. Es gab kein Zurück. Da musste ich durch und mit jedem Schritt, den ich den Berg hochging stieg meine Wut und sie half mir dabei, nicht aufzugeben.
„Geh und töte den Zwerg“, haben sie gesagt und ich hörte immer noch ihre Stimmen in meinem Ohr. Alle gemeinsam hatten sie es gebrüllt. Erst war es nur der Bürgermeister. Er reckte den Arm nach oben und schrie es förmlich heraus. Der Dorfarzt stimmte mit ein, dann Hans, der Rübenbauer und irgendwann haben sie alle im Rhythmus gebrüllt. „Geh und töte den Zwerg!“ Und dabei haben sie es dem Bürgermeister nachgemacht und auch ihre Fäuste in den Himmel gestreckt. „Geh und töte den Zwerg!“
Dämliche Arschgeigen! Ich stand nur mit offenem Mund vor ihnen, hörte nebenbei, wie der eisige Wind gegen die Fenster des Wirtshauses peitschte und hatte bei dem Wetter absolut keine Lust auf ein Berg zu steigen und einen Kleinwüchsigen abzumurksen.
So etwas fällt denen auch nur im tiefsten Winter ein. Im Sommer wäre das vielleicht etwas anderes gewesen und ich hätte mich dann auch nicht so gesträubt. Leichte Klamotten, ein fröhliches Lied auf den Lippen, den Berg hinauf gehüpft und den Zwerg gekillt. Nichts leichter als das. Aber es musste natürlich im Winter sein. Und natürlich musste es wieder ich sein. Streit, lange Diskussionen, Abstimmungen und irgendwie fiel am Ende die Wahl immer auf mich. Als gebe es keinen anderen im Dorf, der besser dafür geeignet wäre. Was war denn mit dem Jäger? Oder mit dem Dorfwachmann? Was war denn mit denen? Nein, ich musste es sein.
„Du hast keine Familie. Du bist Junggeselle. Du hast keine Frau und keine kleinen Kinder, die du allein lässt.“
Immer die gleichen Sprüche, immer die gleichen Argumente. Wie soll man denn eine Familie gründen, wie eine Frau kennen lernen, wie Kinder zeugen, wenn man in diesem Scheißfell den Scheißberg im Scheißwinter hochklettert, um einen Scheißzwerg zu töten?
Der Schnee fiel in dicken eisigen Flocken, versperrte mir die Sicht und hinderte mich beim Gehen. Manchmal fiel er mir einfach locker auf die Mütze, manchmal peitschte er mir ins Gesicht und manchmal versank ich darin und hatte Mühe und Not wieder heraus zu kommen. Der reinste Alptraum und mit jedem Meter verfluchte ich die Bastarde aus dem Dorf, die im kuschelig warmen Wirtshaus saßen, ihr Bier tranken und stolz auf sich waren, mich wieder überredet zu haben, ihre dämlichen Ideen umzusetzen.
Ich wusste nicht mal, wie weit es noch war. Am frühen Abend hatten sie mich verabschiedet und nun musste es tiefe Nacht sein. Wenn sich der Schneefall etwas lichtete, konnte ich die hellen Sterne im Himmel sehen und der hellste von ihnen wies mir den Weg zu den Burgruinen, in denen der Zwerg wohnte.
Den Grund, warum der Kurze daran glauben musste, habe ich auch nicht ganz verstanden. In jenem Jahr brachten einige Frauen Totgeburten zur Welt und nach langem Hin und Her, hatten sie einen Schuldigen ausgemacht. Der Zwerg aus der Burg. Er soll das Dorf mit einem Fluch belegt haben.
So ein Schwachsinn! Aber so ist es nun mal. Einer bringt ein Gerücht in Umlauf, die anderen plappern es nach und zum Schluss glauben sie den Mist, den sie selbst in die Welt gesetzt haben. Dagegen kannst du nichts machen. Du kannst nur nicken, vielleicht „Ja ja“ sagen und dich dem Mob fügen. Ich hätte mich auch auflehnen können, ich hätte ihnen mit langen blumigen Worten erklären können, wie dämlich ihre Anschuldigungen waren. Doch wie hätte es geendet? Sie hätten mich als Ketzer beschimpft und mich am nächsten Baum aufgeknüpft. So war diese Bande. Wenn man sich alleine mit ihnen unterhielt, konnten sie ganz liebevoll sein. Sie waren intelligent, hilfsbereit und verständnisvoll, aber sobald sie sich zusammenrotteten, irgendwelche hanebüchenen Märchen in die Welt setzten, dann waren sie unnachgiebig und erbarmungslos.
Von weitem hörte ich einen Wolf heulen. Erst dachte ich, dass es der Wind war, aber je mehr ich meine gefrorenen Ohren in die Richtung streckte, konnte ich es deutlich hören. Es war wirklich ein Wolf! Ich hatte sogar Angst vor Hunden, auch wenn sie nur ganz klein waren und als hätte ich nicht genug Probleme, kam die Furcht von einem hungrigen Wolf gerissen zu werden hinzu.
Ich griff zu dem langen Messer, das mir die Dorfbewohner gegeben hatten, um den Zwerg aufzuschlitzen. Damit würde ich mich zur Wehr setzen. Das heißt, wenn ich beim Anblick des Wolfes nicht stotternd zur Salzsäule erstarre.
Ich kroch schneller, der Berg war nicht sehr steil, aber der meterhohe Schnee, meine festgefrorenen Glieder und die Müdigkeit waren für einen aufrechten Gang nicht gerade förderlich. „Geh und töte den Zwerg!“ Ich hasste diese ekelhaften Stimmen in meinem Kopf.
Es verging eine Zeit, das Heulen des Wolfes wurde abwechselnd mal leiser und mal lauter. Und abwechselnd änderte sich meine Stimmung von mies in sehr mies.
Irgendwann kam ich an einem Felsvorsprung an und hatte mal Gelegenheit mich etwas auszuruhen. Ich war geschützt vor dem Schnee, konnte meine steifen Glieder warm rubbeln und den roten glänzenden Apfel betrachten, den die Dorfbewohner mir als Wegproviant gegeben hatten.
Wieder so eine Sache. Ich bat um etwas Brot, um etwas Dörrfleisch und vielleicht etwas Speck. Aber sie gaben mir einen Apfel, obwohl sie genau wussten, wie sehr ich Obst hasste. Sie faselten etwas von Vitaminen, von leichter Kost und dass ein voller Magen schlecht für den Killerinstinkt sei.
Ich nahm mir vor, nach meiner Rückkehr das Dorf zu verlassen. Einfach nur weit weg von diesen Schwachmaten. Vielleicht in ein anderes Dorf, oder in die Stadt. Irgendwohin, wo es normale Menschen gab.
Die Rast tat gut. Ich spürte wieder Leben in meinen Beinen, wieder Leben in meinen Armen und auch wieder Leben in meinem Kopf. Ich würde einfach wegziehen, meine Habseligkeiten zusammen packen, die Kutsche besteigen und nicht zurückblicken, wenn wir die Dorfgrenze passierten. Ich würde ein völlig neues Leben anfangen. Neue Menschen kennen lernen. Einen neuen Beruf ausüben und die bösen Erinnerungen würden
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Kommentare
NAZ schrieb am 2006-02-21 10:55:32:
Geh unt töte den Zwerg! Geh und töte den Zwerg! Absolut lesenswert, anspruchsvoll, unterhaltsam. Einfach genial!
Geh und töte den Zwerg!
Mythoswolf schrieb am 2006-02-20 14:48:13:
Herrlich.
Deinb Stil ist echt klasse, und das Gebet deines Prots ist der Hammer xD
Und ist es nicht immer so? Sobald man einmal tut, was die mehrheit verlangt, wird man auf ewig ausgenutzt ;)
. schrieb am 2006-02-19 13:08:32:
niiicht schlecht! zwar etwas lang geraten, aber gaaar nicht übel
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