Geiz oder Geist
von
dschaar
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Als im letzten Jahrhundert Marcus und Augustin, zwei Schwaben verbittert um einen Pfennig stritten und nicht aufhören wollten bis jeder sein Recht bekam, war vorherzusehen, daß die beiden auf keinen Fall durch eigenes Denken auf eine Gefällige Lösung kommen würden. Nach langem Zureden auf beiden Seiten kam insofern eine Einigung zustande, als das Marcus und Augustin einverstanden waren vor Gericht entscheiden zu lassen. Da das Objekt der Begierde, in diesem Fall der Pfennig, einerseits keinem der beiden, andererseits jedem der beiden zustand, befand sich der Richter in einer schwierigen Situation. Besonders weil er die mißliche Lage der beiden sehr gut nachvollziehen konnte da er auch Schwabe war. So dauerte seine Entscheidung auf den Tag genau sechs Monate.
Der Richter befand folgendes:
Marcus und Augustin hatten eine Zeit von weiteren sechs Monaten zur Verfügung gestellt bekommen, so das sie Gelegenheit bekamen, eine Maschine zu besorgen, zu basteln oder erfinden zu lassen, die es ermöglichte, den Pfennig an einer Seite zu befestigen um dann wenn der andere mit seinem Gerät gleiches getan, an beiden Seiten gezogen werden konnte. Nach dem Reißen des Geldstückes, sollte der Recht bekommen dessen Ende größer sein würde.
Bei dem Erfindergeist der Schwaben war es keine Überraschung, daß die Frist auf beiden Seiten um zwei Monate unterschritten werden konnte. Marcus kam mit einem blauen Unicum daher, wogegen Augustins Maschine rot war. Nach Kurzem Bitten, besonders auch wegen der Einsicht bezüglich der Dringlichkeit der Entscheidung, wurde ein früherer Termin gefunden um dem Recht endlich seinen Weg zu ebnen.
Allein die Dimension der beiden Maschinen und das Getöse das diese in der Probephase produzierten, sorgten für ein Volksfest ähnliches Spektakel zu dem aus der ganzen Umgebung angereist wurde. Werner war damals noch ein junger Sproß und eigentlich eher zufällig dabei. Was er da sah sollte allerdings sein ganzes Leben und das vieler anderer gründlich verändern.
Am entscheidenden Tag um die Mittagsstunde wurden auf dem Marktplatz zu Stuttgart beide Maschinen noch mal nachgesehen. Der Richter, die zwei Kontrahenten und der Bürgermeister, der sich dieses einmalige Ereignis nicht entgehen lassen wollte, hatten einen Sitzplatz der eigens für dieses Event besorgt wurde. Die Zuschauer reihten sich stehend um Sie herum. Die Spannung war kaum mehr zu überbieten. Spekulationen übertrafen sich, Wetten wurden abgeschlossen. Wer wird siegen Marcus oder Augustin? Rot oder blau? Blau oder rot?
Endlich war es so weit und beide Maschinen sollten synchron anfangen zu ziehen. Dies klappte freilich nicht auf Anhieb. Noch unendlich lange schien es zu dauern.
Als das Gespött über die Erfinder in der Menge lauter und lauter wurde, und das Gelächter auszubrechen drohte, geschah das was keiner mehr für möglich hielt. Beide Maschinen zogen gleichzeitig mit gleicher Kraft an dem Geldstücke; blau rechts lang und rot links lang.
Was nun geschah war sensationell. Der Pfennig brach nicht wie vermutet in zwei sondern fing an sich zu verformen. Die Maschinen zogen, eine jede in Ihre Richtung, gleichmäßig und mindestens fünfzig Meter weit vom Anfangspunkt, so daß sich zwischen ihnen ein dünner Draht bildete der immer dünner wurde bis er zuletzt, als er unendlich dünn geworden und nur noch für gute Augen von nahem sichtbar war, an einer Stelle riß.
Entscheidend für unsere kleine Story ist nicht so sehr die Antwort darauf, wessen Ende des Pfennigs länger war. Viel wichtiger und weiter in seiner Tragweite war, dass Werner endlich wußte wie er billigen Draht herstellen konnte um in aller Welt seine Telegrafenmasten mit selbigem zu bespannen.
Der Rest ist Geschichte.
D.S.
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