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Gelbe Rosenblätter

von SaFi

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„Wie alt mag sie sein?“
„Wer?“
„Die Linde.“
„Sehr alt.“
„Wie alt?“
„Keine Ahnung.“
Gedankenverloren schaute ich an der riesigen Linde hoch, an ihrem kräftigen, mächtigen Stamm und den paar Blättern, die sich trotz des Wintereinbruchs standhaft am Ast festhielten. Leider konnte ich Marie, meiner Schwester, keine richtige Antwort geben. Ich wusste selbst nicht, wie alt diese Linde war. Nur eines wusste ich: Sie war da gewesen, seit ich denken konnte und noch länger.
Marie war inzwischen schon weitergegangen. Sie hockte auf dem Boden und fuhr mit der Hand durch den Schnee, der heute morgen gefallen war. Ihre dünnen, dunkelblonden Haare reichten bis zur Erde, wenn sie sich bückte und ihr blasses Gesicht verschwand fast hinter ihnen. „Glaubst du, dass es bis Heiligabend liegen bleibt?“ fragte sie, nahm ein bisschen Schnee und ließ ihn durch die dürren Finger rieseln. Sie war schrecklich sentimental. Genau wie ich. „Ich weiß es nicht“, gab ich zu. „Aber bis Heiligabend sind es ja nur noch 3 Tage. Es könnte schon sein, dass er liegen bleibt.“ Marie stand auf. „Aber es ist zu warm!“ erwiderte sie heftig und rannte aus dem Wald, wahrscheinlich nach Hause. Ich blickte ihr seufzend nach. Wahrscheinlich hatte sie recht...

Hatte sie. Am Nachmittag bereits hatte sich der vorher noch locker-flockige Schnee in eklig-braunen Matsch verwandelt. Zumindest vor unserem Haus. Marie seufzte. Ich wusste, wie sehr sie sich Schnee zu Heiligabend wünschte. In unserem ganzen Leben hatten wir nur einmal Weiße Weihnacht gehabt, aber das war lang her... Ich wollte sie aufheitern und fragte deshalb, ob sie noch mal mit mir im Wald spazieren ging. „Warum denn?“ meinte meine Schwester nur. „Was gibt’s da denn besonderes außer Matsch, Matsch und Matsch?!“ Schließlich und endlich lief sie dann doch mit. Wahrscheinlich, weil sie wusste, dass ich auch ohne sie gehen würde. Sie hasste es, wenn ich nicht da war.

„Hab ich es dir nicht gesagt? Nichts als Matsch!“ Mit grimmigem Gesicht und gebeugter Haltung schlappte Marie durch den Schnee. Ich seufzte innerlich. Dabei musste ich mich doch schon längst an ihre Art gewöhnt haben. Sie war schon lange so. Genauer gesagt, seit diese Sache passierte...
Damals war Marie 7 Jahre alt und ich 9 und wir spielten mit ihrer Katze Pip. Wir lockten sie immer mit einem Stück Wurst auf der Straße hin und her. Ihr, einer kleinen, verspielten Katze von nicht mal einem Jahr, machte das Spiel natürlich Riesenspaß, deshalb konnten wir nicht aufhören. Obwohl uns Mutti gesagt hatte, wir sollten mit Pip nicht auf der Straße spielen. Aber wir hörten nicht auf sie. Kein Kind dieser Welt hört auf seine Eltern. Jedoch mussten die meisten anderen Kinder nicht so heftig dafür bezahlen, wie wir...
Das Auto kam leise. Aber schnell. Wir hatten es nicht kommen sehen. Und nicht kommen hören. Welches Kind sah und hörte schon die Welt um sich herum, wenn es spielte? Welches Kind dachte schon daran, dass etwas passieren könnte? Welches Kind konnte das voraussehen, was in diesem Moment geschah? Ich kann mich eigentlich nur noch an Einzelheiten erinnern: Das Quietschen der Bremsen, Pips klägliches Miauen, Mama, die aus dem Haus gestürzt kam, das Auto, das einfach weiterfuhr, Marie, die nicht mehr aufhören konnte, zu schreien, die winzige Katzenleiche, der Blut und Dreck im Fell klebten und deren Augen mich anstarrten, als wollten sie rufen: Wieso hilfst du mir nicht? „Aber ich kann doch nicht!“ hatte ich geschluchzt. An das, was danach passierte, konnte ich mich nicht mehr erinnern. Besser gesagt, ich wollte nicht.
Seit diesem Tag war Marie „komisch“. Sie hatte weder Freunde, noch Freundinnen und die einzige, der sie wirklich vertraute, war ich. Wahrscheinlich, weil wir dieses schreckliche Erlebnis beide verdauen mussten. „Wir zwei zusammen“, hatte sie einmal gesagt. „Wir sind die einzigen, die die Welt richtig verstehen.“
„Mira?“ Meine Schwester war stehen geblieben und schaute in den Matsch „Schau mal!“ So aufgeregt war sie selten. Ich rannte schnell zu ihr. Bei ihr angekommen wusste ich sofort, was sie meinte. Mitten im schwarz-braunen Matsch lagen 7 gelbe Rosenblätter. Ich kniete mich hin, hob sie auf und betrachtete sie genauer. „Die sind“, flüsterte ich. „noch ganz frisch! Die können eben erst hierher gekommen sein!“ Ich schaute mich um, aber nirgendwo war ein Rosenstrauch zu sehen. Was hatte das zu bedeuteten? Plötzlich sog meine Schwester hörbar Luft ein. „Da hinten!“ wisperte sie. „Mira, sieh dir das an!“ Ich schaute in die Richtung, in die sie zeigte und entdeckte, was sie meinte. Ein paar Meter entfernt lagen noch einmal 7 Rosenblätter. Wieder gelb. „Ist...ist das vielleicht so etwas wie eine Spur?“ fragte Marie mich ehrfürchtig. „Eine...eine Spur, der wir folgen müssen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Niemals“, bemerkte ich bestimmt. „Wer soll die denn gelegt haben? Ich glaube nicht mehr an Geister und so einen Mist. Und du solltest auch langsam aus dem Alter raus sein...“, fügte ich etwas hochnäsig hinzu. Meine Schwester schnaubte nur verächtlich und rannte in den Wald hinein, um der Rosenblätterspur zu folgen. „Marie!“ schrie ich ihr hinterher. „Marie, bleib stehen! Du willst doch jetzt nicht wirklich...?!“ Weg war sie. Ich stöhnte, dann sprintete ich ihr hinterher. Bald hatte ich sie eingeholt. „Du spinnst!“ keuchte ich. „In einer Stunde gibt es Abendbrot!“ Meine Schwester zog bloß die Nase kraus. „Pah, Abendbrot!“, erwiderte sie höhnisch. „Wir haben eine geheimnisvolle Spur gefunden und woran denkst du? Abendbrot!“ Ich beschloss, nichts mehr zu sagen. Marie war sowieso nicht von der Idee abzubringen. Also ging ich nur stumm neben ihr her und blieb bloß stehen, wenn sie neue Rosenblätter gefunden hatte. „Schau mal!“ flüsterte sie. „Da sind noch mehr. Und da! Und dort hinten!“ Jedes Mal, wenn sie eine neue Spur entdeckte, legte sie so ein ungeheures Tempo vor, dass ich kaum mithalten konnte. Irgendwann, ich hatte sprichwörtlich „jegliches Zeitgefühl verloren“, schrie Marie plötzlich auf. „Sie dir DAS an!“ hauchte sie und kniete sich auf den Boden. Da erst sah ich, was sie meinte: Schnee! Auf dem Waldboden lag richtiger Pulverschnee, zwar nur ein wenig und ganz dünn, aber immerhin! „Mira!“ sagte meine Schwester aufgeregt. „Mira, die Rosenblätter führen uns zum Schnee! Wenn wir... wenn wir ihnen weiterfolgen, dann... dann... wer weiß, wo sie uns dann hinbringen!“ Und schon war sie aufgesprungen und weiter gegangen. Marie schwebte förmlich über den Boden, so glücklich war sie. Ich hätte ihren Optimismus gerne geteilt, aber ich glaubte nicht daran, dass der Schnee mit den Rosenblättern zu tun hatte. Das war doch wirklich absurd! ... Oder?
Meine Hände waren klamm und eiskalt, ebenso wie meine Füße, und letztere taten auch noch weh! Ich hatte wirklich keine Lust mehr, den Rosenblättern zu folgen. „Marie, komm!“ rief ich. Und nach einem Blick auf die Uhr setzte ich hinzu: „Es ist schon viertel 6!“ Doch meine Schwester war nicht aufzuhalten. Sie drehte sich zu mir rum und

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