Geradewegs in den Himmel
von
Kalliope
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Das Mädchen saß im Schneidersitz auf der grünen Hügelkuppe, die Hände hatte sie fest im weichen Gras verankert und ihre Haare wehten im Wind. Sie blickte hinunter ins Tal, auf die Stadt, die umliegenden Dörfer, die Felder und Wälder. Kurz, auf alles, was ihr schon ein Leben lang so vertraut war wie das Gesicht ihrer Mutter.
Sie dachte an die vielen Stunden, die sie hier auf dem Berg geweint, gelacht und geträumt hatte, oft mit ihrer Katze, die ihr wie ein Schoßhund folgte, manchmal mit Freunden, doch meistens allein. Wie bald sollte diese Zeit vorüber sein... bald würde sie gehen müssen, wohin auch immer, und sie war sich sicher, nicht wiederzukehren, jedenfalls nicht für längere Zeit.
Sie versuchte, sich diesen Tag vorzustellen, den Tag des Abschieds, doch es gelang ihr nicht. Nicht in solch einem Moment des Friedens und der Harmonie, in dem sie sich gerade befand.
Anders war das an Tagen, an denen sie voller Unzufriedenheit und Überdruss war und sie sich förmlich nach diesem Tag sehnte, an dem alles anders werden würde. In solchen Momenten fragte sie sich ernsthaft, was es denn war, was sie hier noch hielt.
Doch sie hatte nicht die leiseste Ahnung, und es verwirrte sie sehr, nicht zu wissen, was in ihr vorging. Sie wusste nur, dass nicht die Dinge, wegen denen man für gewöhnlich nicht von einem Ort weggehen wollte, ihre Gründe sein konnten.
Das Mädchen würde nicht viele Freunde zurücklassen; niemanden, der sie liebte, außer vielleicht ihrer Familie. Und sie war auch keinem Menschen noch etwas schuldig, und das war gut so. Sie mochte es nicht sein, denn solche Sachen würde sie nur bis in alle Unendlichkeit aufschieben.
Genauso, wie sie alles andere immer so weit hinausschob, wie es nur ging; alle Vorbereitungen, die sie zu treffen hatte für ihr neues Leben. Sie hatte noch nichts von Bedeutung erledigt, es fiel ihr alles so schwer. Nägel mit Köpfen waren noch nie ihr Ding gewesen.
Und das war auch der Grund dafür, warum sie sich den Tag ihres Abschieds von der Heimat und allen gewohnten Dingen nicht vorstellen konnte. Weil das Mädchen nicht wusste, wann und wohin sie gehen würde und was sie dort tun würde. Dass das ihr eigenes Verschulden war, war ihr durchaus bewusst. Aber es fiel ihr nicht ein, daran etwas zu ändern. Denn das würde ja bedeuten, der Ferne wieder ein Stück näher zu kommen.
Aber war das nicht das, was sie wollte? Sie wusste es nicht, und sie wusste auch nicht, dass sie noch lernen musste, dass ihr der Rückweg durch das Vorwärtsgehen nicht verbaut wurde, auch wenn man nicht wieder an derselben Stelle ankam.
Das Mädchen legte sich auf den Rücken und starrte in den azurblauen Himmel.
Der Himmel war überall auf der Welt derselbe; zumindest am Tag, wenn man die Sterne nicht sah, dachte sie. Das war ein Trost; wenngleich auch keine Auskunft über ihr Schicksal.
Da erinnerte sie sich an die Worte, die sie einmal vor langer Zeit irgendwo gehört hatte. Du kannst dein Schicksal nicht aufhalten. Es ist vorherbestimmt, und nur ein anderer Mensch, der dich mehr liebt als sich selbst, kann es ändern.
Wenn diese Worte stimmten, dann würde, auf irgendeine Art, jede Entscheidung die richtige sein, egal welche, weil sie zu ihrem Weg gehörte. Also musste sie diese einfach treffen, und es spielte keine Rolle, warum sie noch zögerte. Das war verblüffend logisch, und auf so etwas hatte sie gewartet. Sie würde einfach ihr Glück versuchen, mit dem, was ihr am meisten gefiel.
Warum nur hatte sie aufgehört, auf ihr Gefühl zu hören? Einst war ihr nichts wichtiger gewesen, wie sie sich jetzt wieder erinnerte; fühlen bedeutete für sie das pure Leben. Vielleicht hatte sie das irgendwann einfach vergessen, weil es so viele Dinge gab, um die man sich kümmern musste.
Über dieser Erkenntnis fühlte sie Tränen in sich aufsteigen, Tränen des Schmerzes und der Erleichterung. Sie rannen die Wangen des Mädchens hinab und ins grüne Gras, wie der Zweifel, der sie seit Monaten plagte.
Und wie sie weinend im Gras lag, begriff sie langsam, dass Abschied nehmen zum Leben dazu gehört und dass die Vorbereitungen dafür notwendig waren, um den Schmerz zu lindern.
Vielleicht war beim Wiederkommen alles umso schöner, weil der Wunsch, unbedingt weggehen zu müssen, dann nicht mehr da war, dachte sie voller Hoffnung.
Auf einmal spürte sie keine Bedenken mehr, sondern nur noch große Lust herauszufinden, ob es wirklich so war. Gehen und dann eines Tages wiederkehren, wenn alles anders ist und doch genauso wie früher.
Und wie zur Bestätigung tanzte in dem Moment eines der letzten grünen Blätter des Jahres an der Nasenspitze des Mädchens vorbei und flog weiter, geradewegs in den Himmel.
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