Geschichten aus Lurruken, Teil V: Flucht nach Magg
von
Andre Schuchardt
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Gestalt.
„Wachen!“ kreischte Niráce mit sich überschlagender Stimme.
Die Gestalt erhob wie zum Einwand seine Hand.
„Schweig! Niemand hört euch hier!“ sprach die Stimme und Niráce tat wie geheißen.
Gleichzeitig entfachten sich die Kerzen im Raum wie von allein. Und endlich erkannte Niráce etwas von der Gestalt vor sich: In eine schwere schwarze Kutte gehüllt starrte ihn das Gesicht eines älteren Mannes herrisch an. Irgendwie kam er ihm bekannt vor. Doch warum wirkte das Gesicht so – tot?
„Wer seid ihr? Was wollt ihr? Kommt ihr mich...“, fing Niráce stolpernd an, doch wieder erhob der Mann nur seine Hand.
„Schweigt still. - Niráce Jardgeault, ihr kennt mich! Seht in euch hinein. Miloux Laqualle nannte man mich einst. Erkennt ihr mich denn nicht?“ sprach die düstere, hallende Stimme.
Und wahrhaftig, Niráce erinnerte sich an alte Gemälde im Palast. Es passte: Gesichtszüge, Bart, Haare – das musste wahrhaftig Miloux Laqualle sein.
Zur Erklärung für euch, der ihr ja nicht von hier und deshalb vielleicht nicht mit der Geschichte unseres Landes vertraut seid, sollte ich an dieser Stelle vielleicht einwenden, wer genau Miloux Laqualle war: Nach dem Verschwinden von Tól und Omé herrschten ihre weiblichen Nachfahren aufgrund des Verrates von Raí bis zu einem Zwischenfall mit den Seeräubern. Genau die, an die später Niráce Begót wieder verlor. Jedenfalls wurde Laqualle der erste Sohn des Landes und führte einen lebenslangen Krieg gegen die Seeräuber und hielt so überhaupt erst Tólome zusammen.
„Laqualle?“ kam es ungläubig aus Niráce' Mund.
„Genau der und niemand weniger“, bestätigte dieser.
„Aber ihr seid tot!“
„Und schon wieder habt ihr Recht“, sprach Laqualle mit aller Gelassenheit des Todes.
„Ihr dürftet nicht hier sein!“ erwiderte Niráce und drückte sich voller Entsetzen an das Kopfende seines Bettes.
„Niráce Jardgeault, ihr habt hier nichts zu entscheiden. Ihr seid unfähig und dürftet eigentlich überhaupt nicht an der Macht in diesem Land sein. Im Namen von Tól und Omé sind wir gekommen, euch zu strafen!“
Und anklagend zeigte er mit seinem Finger auf den verängstigten Niráce.
„Aber warum! Ich erobere Begót zurück!“
Doch in dem Moment leuchtete es wieder im Nebenraum. Geblendet hob Niráce eine Hand vor sein Gesicht. Zwar erlosch das Licht schnell wieder, doch erkannte er erst, was denn geschehen war, als eine zweite Gestalt neben Miloux Laqualle erschienen war.
„Niráce Jardgeault. - Wisst ihr auch, wer ich bin?“ fragte der Neuankömmling.
Auch dieser Mann war schwarz gekuttet, auch hier blickte ihn ein altes und herrisches Gesicht fast angewidert an. Diesmal ging Niráce von selber die Reihe seiner Vorgänger durch und blieb gedanklich bei einem davon hängen.
„Mágin Journas!“ hauchte Niráce, vor Angst wie vor Ehrfurcht, vor Grauen innerlich schon selber wie tot.
Mágin Journas, der große Journas, einer der wichtigsten Begründer unseres Reiches! 500 Jahre vor Niráce machte er dasselbe, wie wenige Jahrhunderte vor ihm sein Vorgänger Miloux Laqualle, nämlich die Bekämpfung der Seeräuber und Erweiterung des Reiches. Und nun waren diese beiden Kämpfer des Reiches wieder auferstanden und gekommen ihn zu... - ja, was wollten sie eigentlich bei Niráce?
„Niráce Jardgeault. Ihr seid unfähig und des Herrschertitels nicht würdig! Wir sind gekommen, euch mit uns zu nehmen!“ erklärte Journas mit ferner unwirklicher Stimme.
„Aber das dürft ihr nicht!“ schrie Niráce panisch.
„Wir dürfen und wir müssen es! Im Namen von Tól und Omé!“ sprachen beide fast wie aus einem Munde und kamen langsam und drohend auf ihn zu.
„Nein!“ gellte da Niráce und hob abwehrend die Hände.
Und in diesem Augenblick leuchtete nebenan zum dritten Male ein Licht.
„Hört auf!“ ertönte eine weibliche, doch starke und betonte Stimme hinter den beiden.
Als diese sich mit gefühllosen Minen umdrehten, zu sehen, wer da sprach, konnte auch Niráce mehr erkennen: Eine weiß gewandete Gestalt stand da, eine Frau in ihren besten Jahren, schön und doch stark, mit langem weißem Haar, erleuchtet von einem leichten Schimmern.
„Er hat es verdient!“ sprach Laqualle zu der Frau.
„Halte uns nicht auf, Málaines!“ ergänzte Journas.
Málaines die Friedliche, Verteidigerin des Reiches und Förderin des Friedens, hob beide Hände auf Kopfhöhe und trat langsam auf die Beiden zu.
„Die Macht und der Hass haben euch verdorben. Diesen Mann wird sein gerechtes Schicksal ereilen, doch nicht aus euren Händen!“
Und damit bewegten sich ihre Hände auf die beiden zu, als wolle sie ihnen die Handflächen auf die Stirne legen. Doch tatsächlich schienen sich die beiden langsam aufzulösen, noch bevor ihre Hände sie hätten berühren können. Mit schmerzerfüllten Gesichtern lösten sich die Beiden vor den Augen von Niráce langsam auf. Als sie verschwunden waren, sah Málaines Niráce kurz an.
„Begegne deinem Schicksal. Es wird in wenigen Nächten schon zu dir kommen. Doch begegne ihm alleine. Dies war deine Warnung“, sprach sie und war auch verschwunden.
Niráce saß immer noch wie eingefroren aufrecht im Bett. Dann plötzlich schlief er ein.
Tags darauf musste er geweckt werden. - Dies sollte meine undankbare Aufgabe sein. Ich betrat sein Zimmer, ihn fest und ruhig schlafend vorfindend, ging an seinem Bett vorbei und öffnete die Vorhänge, um Licht ins Zimmer zu lassen.
„Herr, steht auf, es ist so ein schöner Tag!“ begrüßte ich ihn damals noch frohen Mutes – ach, ich Unwissender.
Niráce wachte nur langsam auf und blickte mich verwirrt an. Doch schnell schlich sich in seinen Blick der tiefste Schrecken. Im Nachthemd aufspringend, wild gestikulierend, schrie er mich bald an.
„Sie wollen mich töten!“ begann er und damit auch seine grausige, vollkommen abgehackt vorgetragene Geschichte, die ich erst nach seinem Gespräch mit Umean wirklich verstehen sollte.
Später bot sich mir ein Bild des Schreckens, doch wurde auch immer klarer, dass sein Verstand gelitten hatte. Ich kam nicht einmal mehr zu Wort, ihn zu unterbrechen, vermochte ihn nur noch zweifelnd anzusehen.
„Herr, ihr habt schlecht geträumt“, wagte ich die Wahrheit festzustellen, sobald er geendet hatte.
„Raus!“ schrie er da und verwies mich des Raumes.
Ich hatte Angst. Sowohl sein grausiger Blick als auch der Ton sagten mir, dass ich schnellstens gehen sollte, wäre mir mein Leben lieb. Und das tat ich dann, so schnell ich nur vermochte. Verwirrt und zutiefst verängstigt ging ich meinen normalen Geschäften alsbald wieder nach. Später hörte ich nun also von Umean und Gaunie und dem üblichen Klatsch im Palast den Rest der Geschichte. Den ganzen Tag über war Niráce zu kaum etwas zu gebrauchen; Umean musste bereits einen Großteil seiner Aufgaben übernehmen. Erst später am Tag war er dazu zu bewegen, seine Gemächer zu verlassen. Die Herren Rouq und Aurís begleiteten ihn eine Weile, immer auf ihn einredend, dass er nur schlecht geträumt hätte und niemand ihm irgendetwas antun wolle. Irgendwann schickte er sie einfach nur gereizt weg und ließ sich fortan von Umean begleiten. Abgesehen davon,
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