Geschichten aus Lurruken, Teil V: Flucht nach Magg
von
Andre Schuchardt
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dazwischen gingen. Blutend verließ Aurís das Spielfeld. Er ward nie wieder in der Nähe von Niráce anzutreffen und verließ drei Tage später völlig überhastet den Hof.
Die restliche Zeit bis zum neunten Tag nach der ersten Nacht blieb alles ruhig. Niráce entsandte erste Truppen gen Ahém, von wo aus sie per Schiff weiter nach Sadun sollten, um dann gegen Begót vorzugehen. Einige der Herren und Damen waren nach wie vor gegen kriegerische Handlungen, doch Niráce ließ sich nicht dazwischen reden. Immer wieder sprach er nur davon, er würde nicht versagen und niemanden enttäuschen, sprach von Miloux Laqualle und Mágin Journas, von General Merchánis und dem Herrn Baránoux, von Málaines und Jáneur. Kaum jemand verstand, was er damit meinte, doch viele befiel eine dunkle Vorahnung und so einige der etwas Feinfühligeren beschlich bereits die Angst vor dem Kommenden.
An diesem Abend übertrieb es Niráce sehr mit dem Wein. Bald belästigte er die Dienstmädchen, um sie kurz darauf wieder zu verdächtigen ihm etwas antun zu wollen. Schnell war er an dem Punkt, an dem er wirklich jeden beschuldigte, wankte, lallte und Leute mit Weinkelchen bewarf. Die Herren Rouq und Fonouille packten ihn auf Umeans Anweisung und sperrten ihn mit Hilfe zweier Wächter in seine eigenen Gemächer. Man hörte ihn drinnen noch eine Weile toben und randalieren, bevor es endlich ruhiger wurde und man annahm, er sei eingeschlafen. Doch später sollte er anderes erzählen.
Nachdem er seine Gemächer betreten hatte, wurde er sofort angesprochen.
„Niráce, ich habe euch erwartet“, sprach eine ruhige Männerstimme aus dem dunklen Schlafgemach.
„Wer ist da?“ rief Niráce in die Dunkelheit.
Und ein Mann trat vor, bis an den Rand des Vorgemachs.
„Ich glaube, ihr solltet mich kennen“, sagte das junge, gefasst wirkende Gesicht, hinter dessen Augen aber eine abgrundtiefe Bosheit funkelte.
„Ihr seid Sámeidan, der Sohn von Jáneur“, sprach Niráce, kaum noch überrascht, hier einen seit 300 Jahren Toten vor sich zu sehen, und dank des vielen Weines auch weniger schreckhaft.
„Ja, das stimmt. Der bin ich“, bestätigte der junge Mann, der einst sein eigenes Land mit Terror und Krieg überzogen hatte, bloß um sich an Silûne zu rächen.
„Seid ihr auch gekommen, mich zu holen – so wie die anderen?“ wagte Niráce zu fragen.
„Nun. - Ich bin hier, euch meine Bewunderung auszusprechen. Ihr habt unserem Geschlecht wahrhaftig alle Ehre gemacht. Wir werden froh sein, euch bei uns willkommen zu heißen“, sprach Sámeidan.
„Ich werde niemals mit euch gehen!“ sprach Niráce, auf eine sonderbare Art jetzt Mut findend.
„Als hättet ihr da eine Wahl!“ kicherte eine wilde Frauenstimme vergnügt und Niráce wurde zu Boden gerissen.
Auf ihm saß eine Frau, deren vom Wahn verzerrte Züge kaum noch erkennen ließen, wie sie einst wohl ausgesehen hatte. Sie kicherte wie wild und hielt ihn mit unmenschlicher Kraft am Boden.
„Kennt ihr auch schon meine Tochter?“ fragte Sámeidan mit einem bösen Unterton in der Stimme.
„Sie ist mein ganzer Stolz“, fuhr er ohne zu warten fort, „sie hat mich bei allem noch weit übertroffen. Ihr beide wisst wirklich, wie ihr mit eurem Volk umzugehen habt. Du wirst bei uns gut aufgehoben sein, mein lieber Niráce.“
„Nein, ihr Wahnsinnigen lasst die Finger von ihm!“ mischte sich eine weitere Frauenstimme ein.
„Fort mit euch Gestalten des Bösen!“ sprach sie und verstummt und verschwunden waren Sámeidan und seine wahnsinnige Tochter Amoujain.
Zurück blieb nur jemand, den Niráce doch noch von früher kannte.
„Steh auf“, sprach Míjousa milde.
Niráce tat wie ihm geheißen. Er war sprachlos. Das letzte Mal hatte er Míjousa auf ihrem Sterbebett gesehen, wenige Tage, bevor er ihre Nachfolge antreten sollte.
„Seit dem Tag, an dem ich dich bei mir am Hofe aufgenommen hatte“, fuhr sie fort, „wusste ich, dass es eines Tages so weit kommen musste.“
„Míjousa, du bist tot...“, sprach Niráce erstaunt und langsam.
„Ja, das stimmt wohl. Und du bist es auch bald, wenn du nicht aufpasst. Die Geschehnisse der letzten Nächte waren nur die Vorboten. Es könnte noch Schlimmeres kommen. Wir werden versuchen, sie aufzuhalten, doch letztlich werden sie wieder kommen. Lían ist nicht mehr sicher für dich, zu viele böse Mächte wie Sámeidan und Amoujain gibt es hier. Verlasse den Palast und die Stadt und rette dich!“ sprach sie mit allem Nachdruck, den sie aufbieten konnte.
„Aber wo soll ich hin...?“ fragte Niráce noch, doch Míjousa war bereits fort.
„Verlasse Lían!“ hörte er nur noch aus der Ferne.
Nach dem ich ja nun nicht mehr bereit war, Niráce morgens zu wecken, übernahm Sarroux diese Aufgabe, einer der hart gesottenen Wächter des Palastes. Sarroux erzählte mir später getreu, was er vorgefunden hatte. Er musste nicht weit gehen, kauerte Niráce doch direkt neben der Eingangstür zu seinen Gemächern. Er hatte nicht fliehen können, da die Tür ja versperrt gewesen war. Sarroux musste ihn auch nicht wecken, da er die ganze Nacht wohl nicht geschlafen hatte. Niráce schien die ganze Zeit dort gehockt zu haben, seine Fingernägel abkauend und sonst nur vor sich hin zitternd, in Richtung seines Schlafgemachs starrend.
„Herr?“ machte Sarroux langsam auf sich aufmerksam.
Langsam drehte Niráce ihm den Blick zu. Seine Augen waren verheult, Tränen liefen ihm noch über die Wangen.
„Wir müssen von hier fliehen! Sie wollen mich holen!“ sprach er, Schrecken und Verzweiflung aus seiner Stimme triefen lassend, dass es Sarroux das Mark gefror.
II
Sarroux holte Umean, doch bevor diese bei Niráce eintraf, hatte jener sich bereits von selbst erhoben. Sarroux und meine Wenigkeit begleiteten Umean, weshalb ich nun auch aus erster Hand über die weiteren Geschehnisse sowie die Nacht davor berichten kann. Wie wild eilte Niráce in seinen Gemächern umher und stopfte Taschen und Truhen mit seinen wichtigsten Besitztümern voll.
„Niráce, was tut ihr da?“ fragte Umean bei unserem Eintreffen.
Dieser hielt ein und sah uns mit seinen rastlosen, angsterfüllten Augen an. Doch eine gewisse Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit ging ebenso von ihnen aus.
„Ich werde auf das Landgut meiner Eltern fahren“, erklärte er ernst und nachdrücklich, „ich bin hier nicht mehr sicher. Umean, ihr bleibt hier und bereitet alles vor. - Der Palast zieht nach Maggir um!“
„Was? Aber warum?“ fragte Umean, sichtlich überrascht.
„Es wird Schreckliches geschehen, bleiben wir hier! An diesem Ort gibt es zahlreiche böse Mächte, zu viel Schlechtigkeit ging von hier aus! Der Palast kann nicht mehr genutzt werden!“ erwiderte Niráce, sichtlich ungeduldig und ein wenig erbost darüber, dass man ihm nicht sofort gehorchte.
„Aber das könnt ihr nicht tun! Ihr müsst euch mit den Herren und Damen absprechen. Und sie werden euch sicher widersprechen!“ stellte Umean reichlich ungehalten fest.
Niráce funkelte sie dafür böse an. Dann blickte er hinter sich, als hätte er dort etwas gehört. Als er Umean wieder ansah, konnten wir auf den Grunde seines Wahns blicken. Und ich musste an mich
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