Geschichten aus Lurruken, Teil V: Flucht nach Magg
von
Andre Schuchardt
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– Mutter?“ fragte er und das Herz blieb im fast stehen.
Sie schürzte kurz gespielt enttäuscht die Lippen, doch lächelte anschließend weiter.
„Erkennst du etwa wirklich deine eigene Mutter nicht mehr, mein Kleiner?“ fragte sie – und es klang irgendwie spöttisch.
„Wie könnte ich – du bist bei meiner Geburt doch gestorben!“ stellte Niráce zitternd mit brüchiger Stimme fest, die Schwärze am Rande seines Gesichtsfeldes schon nahen sehend.
„Ganz recht mein Sohn, wegen dir bin gestorben. Dafür solltest du wirklich bestraft werden“, sprach sie – nein, fauchte sie.
Als sie auf ihn zu kam, hielt Niráce es nicht mehr aus. Wenn er schon sterben müsste, wollte er es sich selber aussuchen. Und wenn nicht – so wollte er nicht mehr leben. Wer von uns kann ihm dies schon verdenken? Ja, was tat er wohl? – Was hätten wir beide an seiner Stelle getan? - Nun, er wich ihr aus, rannte zum Geländer des Balkons und sprang – hinab in den Abgrund.
Erst am nächsten Morgen fand man ihn. Man holte sofort Mauce sowie Ticqaille. Diese ließen Niráce ins Haus und in sein Gemach bringen, gleichzeitig sandten sie nach einem Arzt. Dieser kam nach gut zwei Stunden dann auch. Bis dahin war Niráce Quell der Besorgnis des ganzen Hauses. Der Arzt besah ihn sich genau.
„Wo haben sie ihn gefunden?“ fragte er, an Mauce gewandt.
„Er lag unter dem Balkon, vermutlich ist er runter gefallen“, sprach diese unsicher.
„Hat er sich gestern sehr betrunken?“ fragte der Arzt sie.
„Dieser Mann ist zufällig auch euer Herr! Also zeigt etwas mehr Anstand!“ fuhr ihm Ticqaille ins Wort, „Er hatte gestern nur einen Kelch Wein zu sich genommen.“
Der Arzt nickte nur schweigend und sich seinen Teil denkend.
„Wie geht es ihm nun?“ erkundigte sich Mauce besorgt.
„Er wird es überstehen. Scheinbar hat er sich sogar nicht wirklich viel getan. Aber genau kann ich es erst sagen, wenn er wieder bei Bewusstsein ist. Bis dahin sollten sie ihn schlafen lassen – und ruft mich sofort, sobald er wieder wach ist“, stellte er trocken und abgeklärt fest und verabschiedete sich bald darauf.
Doch Niráce sollte noch lange schlafen. Erst am nächsten Tag erwachte er schließlich wieder. Mauce ging sofort los, den Arzt holen.
„Herr, was ist passiert?“ fragte Ticqaille, während sie auf den Arzt warteten.
„Wo bin ich?“ erkundigte sich Niráce, sichtlich verwirrt und mitgenommen.
„In eurem Bett – in eurem Zimmer. Ihr seid gestern vom Balkon gefallen“, erklärte ihm Ticqaille.
Doch langsam begann Niráce sich zu erinnern. Es hatte also nicht geklappt. Ein verzweifeltes Lachen entrann seiner Kehle.
„Gefallen? Nein! - Ich bin gesprungen! Und ich bin ihr entkommen“, stellte er mit leichter Genugtuung fest.
„Entkommen? Wem?“ fragte Ticqaille.
„Wem wohl – meiner Mutter! Das Biest ist von den Toten auferstanden ihren eigenen Sohn umzubringen. Doch ich habe sie überlistet und bin ihr entkommen“, sprach Niráce und Ticqaille konnte nur schaudern bei dem Ton in seiner Stimme.
„Herr, der Arzt kommt bald, nach euch zu sehen. Ruht euch solange aus.“
Bei diesen Worten schien Niráce sich etwas zu entspannen.
„Ja, das werde ich wohl“, sprach er und war bald wieder eingeschlafen.
Ticqaille war mehr als dankbar darüber. Mauce sollte erst spät wieder mit dem Arzt zurück sein.
„Wie geht es ihm?“ erkundigte sich Mauce bei ihrer Ankunft.
„Er war nur kurz wach, doch schläft jetzt wieder“, antwortete Ticqaille.
„Dann weckt ihn jetzt, damit ich ihn untersuchen kann“, sprach da der Arzt ohne jegliches Mitgefühl.
„Niráce, wacht auf“, weckte Mauce diesen.
Wenig später war er wach. Misstrauisch begrüßte er den Arzt und ließ ihn erst nach viel Zureden durch Mauce und Ticqaille Hand an sich legen. Der Arzt bescheinigte ihm, sich nichts gebrochen oder sonst etwas Schwerwiegendes getan zu haben. Auch würde er schnell wieder auf den Beinen sein, sollte sich jedoch bis dahin noch ausruhen.
„Aber was ist überhaupt geschehen?“ wagte er irgendwann zu fragen.
Mauce und Ticqaille tauschten Blicke, ob diese Frage gut sei.
„Meine Mutter wollte mich holen – doch ich konnte ihr entfliehen“, sprach Niráce im stolzen Wahn.
Der Arzt hatte keine weiteren Fragen.
„Vielleicht sollten sie noch einen etwas – anders begabten Arzt kommen lassen“, schlug er Mauce mit nachdrücklichem Blicke vor, doch diese verdüsterte nur ihr Gesicht, woraufhin er sich verabschiedete und davon eilte.
Niráce blieb den restlichen sowie den folgenden Tag im Bett, wo er auch weiter Nachrichten von Umean empfing.
In der Nacht des dritten Tages nach diesem Geschehen ereignete sich der schlimmste Vorfall. Niráce erwachte von Wasser, das auf sein Gesicht tropfte. Er öffnete verschlafen und verwirrt die Augen, doch konnte nichts erkennen. - Es fiel ein weiterer Tropfen von der Decke auf ihn herab. Überrascht stand er auf, nach zu sehen, was das sein könnte. Doch kaum hatte er sein Bett verlassen, da begann es im gesamten Zimmer zu regnen, Tropfen um Tropfen fiel herab. Niráce hatte gerade noch Zeit sich zu wundern, da brach plötzlich ein gewaltiger Schwall Wasser von oben auf sein Bett herab. Das Wasser spritzte zu allen Seiten und tränkte auch Niráce.
Als er wieder sehen konnte, saß ein junges Mädchen auf dem Bett; im Sommerkleid, die blonden Haare lockig, eine Schleife darinnen. Nass klebten sie an ihren Wangen, ebenso das Kleid an ihrem Körper. Ihr Gesicht war blass, schwach grünlich und aufgedunsen, wie es die Haut auch sonst allüberall war, ebenso wirkte sie wie aus Wachs. Ihre Arme sahen aus wie von Tieren angefressen, doch ihr Gesicht war unberührt.
„Nein“, sprach Niráce nur, als er sie erkannte, „das kann nicht wahr sein, nicht du auch noch!“
Und ihm schwindelte, das Blut verließ seinen Kopf, das Entsetzen lähmte ihn – und der Ekel vor dem Geruch des verrotteten Fleisches ließ ihm schlecht werden. - Doch das Mädchen grinste ihn nur an.
„Hallo Bruder. Wie geht es dir?“ fragte die junge Mädchenstimme.
„Du darfst nicht hier sein!“ fuhrt Niráce fort ohne zu hören.
„Ich bin es aber. Ich habe dich vermisst. Hast du mich auch vermisst?“ fragte sie bittersüß mit kindlicher Unschuld.
Da brach etwas in Niráce. Weinend sank er vor ihr auf die Knie.
„Es tut mir so Leid – ich wollte es nicht – es war ein Versehen – ich habe noch versucht dich aus dem Wasser zu ziehen“, schluchzte er.
„Aber du hast es nicht geschafft“, tadelte sie ihn, stand auf und kam auf ihn zu, „und du warst es, der mich dazu überredet hatte, auf diesen Felsen zu klettern. Du allein!“
„Es war doch nur ein Spiel – es sollte niemals soweit kommen – ich wollte das nicht“, jammerte Niráce voller Pein und Schuldgefühlen und vergrub sein weinendes Gesicht in seinen zitternden Händen.
Weiter näherte sie sich, bis sie genau vor ihm stand. Niráce war von Weinkrämpfen ergriffen.
„Das weiß ich doch alles. Und komm, wir werden weiter spielen. Wir werden viel Spaß haben. Komm mit mir“, sprach sie lockend doch mit aller unterschwelligen Boshaftigkeit, die in einer fröhlich-unschuldigen Kinderstimme liegen kann.
Und wieder rührte sich etwas
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