Geschichten aus Lurruken, Teil V: Flucht nach Magg
von
Andre Schuchardt
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in Niráce' Innerem.
„Nein!“ schrie er zornig und sprang auf, „Ich weiß was ihr wollt. Ihr nehmt mich nicht mit euch!“
Und er rannte zur Tür und hinaus auf den Gang und in die Eingangshalle des Hauses. Dort traf er auf Ticqaille.
„Herr, was ist los?“ fragte dieser verwundert, doch besorgt bei dessen gehetztem Anblick.
„Bring mich zurück nach Lían! Sofort! Zu Umean! Ich bin hier nicht mehr sicher!“ antwortete jener und Ticqaille erschauderte innerlich.
Und so reiste Niráce noch in dieser Nacht wieder ab. Mauce hinterließ er nicht mehr als die Nachricht, dass sie nicht sein Gemach betreten solle. Doch sie tat es und fand es vor wie immer, lediglich das Bett etwas unordentlich aufgrund Niráce' schneller Flucht und sandte ihm diese Erkenntnis nach. Doch Niráce wusste, dass es alles nur Teil ihres Plans war, so sagte er uns. Mich konnte das nun kaum noch überraschen und so begrüßte ich ihn bei seiner Ankunft nur ruhig doch ein wenig angewidert. Ich wollte nicht wahr haben, was er da sprach. In Lían waren wir auch bald so weit, und in Maggir dann würde er sicher sein, so behauptete und erhoffte es sich zumindest Niráce.
III
Niráce traf am Morgen bei uns ein. Geschlafen hatte er unterwegs in der Kutsche. Umean begrüßte ihn bei seiner Ankunft, Sarroux und ich begleiteten sie.
„Niráce, mein Lieber! Ich hoffe, ihr habt euch erholt?” hieß sie ihn willkommen.
Niráce sah sie zweifelnd an, dann stieg er aus der Kutsche.
„Erholt? Pah! Wo ich auch hingehe, überall stellt man mir nach und versucht mich zu entführen – wie steht es mit der Umsiedlung?” kam er sofort zum Punkt.
„Lasst uns das unterwegs besprechen. Ich bringe euch zu euren Gemächern”, sprach Umean, deren Laune dank seiner Antwort wieder gedämpft war.
„Also, wie weit seid ihr?” knüpfte er an seine Frage an, sobald wir unterwegs waren.
„Wir haben den Palast in Maggir soweit vorbereiten lassen. In ein paar Tagen werden die ersten Herren und Damen bereit sein, abreisen zu können. Ich habe dem Herrn Rouq in diesem Punkt die Leitung übertragen. Er regelt die Abreisen der Edlen. Später dann wird die Dienerschaft, soweit nötig, verlegt. Dies übernimmt Rennois. - Wann wollt ihr gehen?” fragte sie.
Niráce blickte kurz düster um sich, als suche er jemanden.
„Am liebsten würde ich sofort wieder weg hier”, sprach er.
„Ich schätze, das wird nicht möglich sein”, entgegnete Umean vorsichtig und sah ihn musternd an, „ich konnte die Edlen nur überzeugen euch zu gehorchen, wenn ihr als Letzter geht.”
„Dann habe ich wohl keine Wahl”, sprach Niráce wenig überzeugend, „wann wäre es so weit, dass ich gehen kann?“
„In spätestens zwei Wochen wohl“, sprach Umean nachdenklich.
„Fein. Beeilt euch bitte. - Doch ich möchte den Palast nicht verlassen, ohne mich gebührlich von ihm zu verabschieden – bereitet ein Fest vor“, sprach er und sah sich wieder kurz um.
Umean nickte ihm nur zu.
Zwei Tage brauchten wir, um ein Abschiedsfest für den Palast vorzubereiten, das drei Tage dauern sollte. Auftakt sollte ein Ball sein. Am dritten Abend nach Niráce' Ankunft in Lían wurde so zum fröhlichen Beisammensein in den Palast geladen. Edle aus Palast, Stadt und vom Land waren anwesend, auch höhere Bürger der Stadt. Ich hatte allerlei zu tun diesen Abend, so auch Gaunie und die anderen Bediensteten.
Viele bekannte Herren und Damen waren gekommen, so auch die Herren Rouq und Fonouille, die Dame Goulís und sogar die wunderschöne Dame Annous aus Maggir. Nur einer fehlte diesen Abend noch: Niráce Jardgeault. Dieser hatte den Großteil der Tage vor diesem Ball in seinen Gemächern verbracht und wollte dort etwas vorbereiten, so hatte er uns gesagt. Wir alle wunderten uns sehr, doch ließen ihn in Ruhe schaffen. Es ist nicht ganz klar, was er wirklich tat oder wollte, und bis heute gibt mir dies viele Rätsel auf. Zum besseren Verständnis schildere ich es so, wie er es uns erzählte. Andere Quellen kann ich leider nicht aufweisen, und seine Geschichte klingt doch schon reichlich abstrus und seltsam. Aber lasst es einfach auf euch wirken und bildet euch eure Meinung.
Niráce war die ganze Zeit eifrigst darauf bedacht sich zu rächen, so sagte er später. Sich zu rächen für die Schmach, die man ihm bescherte. Zu rächen an den Edlen, die ihn verspottet hatten, und an allen, die ihm nicht glaubten, die ihm nicht gehorchten. Sein – zugegebenermaßen etwas kindischer – Plan war es, die anderen zu erschrecken, sie die Furcht spüren zu lassen, die er immer wieder ertragen musste, immer wieder spüren musste, und über die jeder nur lachte und ihn mitleidig ansehen ließen. Erreichen wollte er dies durch – nun ja, durch eine kopflose Puppe. So sonderbar es auch klingt; Niráce hatte seit seiner Ankunft in Lían nicht mehr geschlafen und verhielt sich mehr als nur sonderlich. Wir hätten mehr ahnen sollen.
An dem Abend des Balls, als die meisten Gäste bereits feierten und tanzten, da ohne Niráce begonnen wurde, saß dieser noch in seinen Gemächern im Kalten und Dunklen und bastelte an dieser – Puppe, um sie noch 'grauenerregender zu machen', wie er sich ausdrückte. Bald immerhin meinte er, dass sie nun endlich genügen würde. Er stand von seinem kalten einsamen Arbeitstisch auf und...
...wurde freudig von der Dame Annous begrüßt.
„Niráce, mein Lieber! So setzt euch doch“, sprach sie zu ihm und brachte ihn dazu, es sich mit ihr auf dem Sofa bequem zu machen.
Der Saal war hell erleuchtet. Die Damen und Herren tanzten an ihnen vorbei, die Musiker spielten, die Bediensteten verteilten Wein und Essen. Seltsam nur, dass er niemanden von ihnen kannte. Doch hier in dieser Ecke waren sie zu zweit allein.
„Teuerste Annous, es ist mir ein Vergnügen“, sprach Niráce und nahm ihre Hand zwischen die seinen.
Diese zierliche Puppenhand war nicht genug, entschied er. Ein kalter Wind blies durch das offene Fenster. So langsam konnte er in der Dunkelheit kaum noch etwas erkennen. Ein Messer musste her für diese Hand. Doch woher solch ein kleines Messer nehmen? - Das diese Hand ergreifen könnte? - Ach und der Kopf! Der Kopf störte immer noch. Zornig riss er ihn der Puppe vom Körper. Nun war sie endlich kopflos, nun sein Plan fast vollkommen. Hätte sie doch nur ein Messer! Er stand auf und...
...sie zog ihn zum Bett.
„Niráce!“ hauchte Annous mit brünstiger Stimme, derweil sie Niráce in sein Bett zerrte. Das Licht des Feuers flackerte unruhig an der Wand.
„Es ist viel zu warm – so zieht euch aus!“ verlangte Annous nachdrücklich, und so tat er.
An seinen Knöpfen zerrend, drehte er sich um sich selber, immer schneller und schneller.
Abrupt blieb er stehen, als er in der dunklen Ecke eine Bewegung sah. Ein kalter Luftsog zerrte an den Gardinen – und da huschte es los. Die Puppe sprang im kopflosen Wahn auf ihn zu und rannte, das Messer erhoben und damit wild auf die Luft einstechend. Das schwache Sternlicht zeichnete ihr einen abstrusen Schatten. Erschrocken ging Niráce einen Schritt zurück...
...und Annous folgte ihm. Gewandt tanzten die beiden um
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