Geschichten aus Lurruken, Teil V: Flucht nach Magg
von
Andre Schuchardt
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hallte es nur.
Man fand Niráce am nächsten Abend. Ein guter Bürger der Stadt hatte den Palast benachrichtigt. Zusammen mit Umean, Sarroux und Ticqaille stürmte ich die Stufen hinter der Stadt den Berghang hinauf, zu den Grüften der verstorbenen Söhne und Töchter Tól und Omés. Dort fanden wir Niráce, wie er vergeblich versuchte, einen Weg in Raís Grabmal zu kratzen und zu schaufeln. Wir mussten ihn mit Gewalt von dort weg zerren. Er war sodann zu etwas Zusammengekauertem geworden, der Blick glasig, die Hände und Füße bar und schmutzig, das Gewand zerrissen. Er tobte wie wild und wir konnten nicht anders, als ihn bewusstlos zu schlagen und in seine Gemächer zu sperren.
Erst am nächsten Tag war er ansprechbar. Wild erzählte er die Geschichte von Raí, bei welcher ich die Bezeichnung Verräter für unsere lieben Tól und Omé entschieden ablehnen muss, und betonte immer wieder, man müsse die Grabmale zerstören und sämtliche Überreste vernichten und befreien. Umean schien halb verzweifelt ob dieses Wahns und ich konnte nur eine seltsame Mischung aus Mitleid und Verachtung spüren für dieses arme Wesen, das einst Niráce Jardgeault gewesen war.
„Wir müssen hier weg! Flieht!“ betonte er immer und immer wieder aufs Neue.
„Bald. In gut zwei Tagen werden wie fahren“, versuchte Umean ihn zu beruhigen, während Laufé zusammen mit Gaunie das Essen brachte, „solange werdet ihr euch noch gedulden müssen. - In zwei Tagen wird alles vorbei sein. Beruhigt euch doch.“
Doch Niráce sah sie nur an. Er saß aufrecht auf dem Bett, Arme um die Beine geschlungen, und wippte langsam vor und zurück.
„Nur noch zwei Tage. Ja!“ sprach er schrill und fing an zu kichern, doch vergrub er ebenso schnell sein Gesicht in seinen Armen und fing bald an zu schluchzen.
Umean eilte sofort aus dem Raum. Langsam folgte ich ihrem Beispiel, einen Blick zurück auf Niráce werfend. - Plötzlich und unerwartet sprang dieser auf und rannte auf mich und die Tür zu. Angsterfüllt ob seines Verhaltens und mordlüsternden Blickes schlug ich ebendiese vor ihm zu und verschloss sie so schnell es mir möglich war. Ich hörte ihn noch brüllen, toben und auf die Tür einschlagen.
„Passt auf ihn auf“, sagte ich zu Sarroux und Ticqaille und eilte Umean hinterher.
Es war das erste Mal, dass ich sie weinen sah.
Bis zum nächsten Tag dauerte es noch, bevor wir Niráce wieder Essen in die Gemächer bringen konnten, denn endlich war er eingeschlafen. Jedes Mal zuvor hatte er schrecklich getobt, sobald jemand die Tür auch nur berührte. Dieses Mal konnte ich die Speisen aber vorsichtig hineinbringen. Laufé wagte es nicht. Auch mich ergriff Unwohlsein, als ich in Richtung seines Schlafgemachs sah. Langsam ging ich in dessen Richtung. Dort sah ich Niráce in seinem Bett liegen und friedlich schlummern. Hätte es nicht immer so friedlich sein können? Aber ich bin froh, dass er letztlich doch noch etwas Frieden gefunden hatte.
„Herr – wie geht es euch? Ich habe euch Essen gebracht“, wagte ich ihm leise zu zu hauchen.
Doch er antwortete nicht, schnarchte nur leise. Vermutlich war es besser so. Ich warf einen letzten Blick auf ihn und ging.
„Schließt die Tür ab, sollte er wieder toben“, sprach ich zu Sarroux und gab ihm die Schlüssel.
„Wie geht es ihm?“ fragte Umean, als ich sie draußen im Garten antraf.
„Er schläft nun endlich“, sprach ich und setzte mich zu ihr auf eine Steinbank.
„Morgen bringen wir ihn nach Maggir. Ich hoffe es geht ihm dort besser“, sprach Umean.
Aber ich wagte an dieser Hoffnung zu zweifeln, behielt es jedoch für mich. Und oh! wie recht ich doch haben sollte. Es tut mir so Leid. Aber damals mit Umean im Garten, sprach ich noch eine Weile über unseren unsäglichen Niráce Jardgeault sowie die Vorbereitungen zum endgültigen Umzug. Schnell wurde es Abend und bald trennten wir uns. Auch wir packten nun unsere Sachen, waren wir doch fast die Letzten. Der Palast war schon leblos, kalt und leer.
„Rennois, wacht auf!“ weckte mich des Nachts eine Stimme.
Verwirrt blickte ich auf. Ich brauchte einen Moment um zu erkennen, dass Sarroux neben meinem Bett in meiner Kammer stand und auf mich herab sah. Sein Blick war gehetzt und besorgt, doch er sprach Bände.
„Was ist denn?“ sprach ich verschlafen, aber ahnte ich schon.
„Der Herr Niráce wütet wieder! Doch diesmal schlimmer denn je zuvor! Kommt schnell!“ sprach er schnell, gepresst und nachdrücklich und eilte wieder davon.
Ich hielt mich nicht lange damit auf, mein Nachtgewand noch gegen normale Kleidung zu tauschen, sondern eilte ihm sogleich hinterher. Ich war kaum aus meiner Tür, da hörte ich bereits die ersten Schreie. Es war Niráce, und es klang nach Angst und Schmerz. Vor seiner Tür traf ich Sarroux, Ticqaille und die Herrin Annous sowie den Herrn Rouq. Kurz nach mir traf auch Umean ein. Wir alle waren benachrichtigt worden oder hörten es bereits von selber. Aber es war ja auch nicht zu überhören. Die Schreie gingen einem durch Mark und Bein. Deutlich spürte man Niráce' abgrundtiefe Angst. Was mochte dort drinnen vor sich gehen? Zwischen den Schreien hörte man immer wieder, wie etwas zerbrochen oder zerschlagen wurde, teilweise klang es nach dem Krachen schwerer Möbel. Mehr als einmal traf etwas lautstark die Tür. Und dann wieder vernahmen wir die Hilfeschreie von Niráce, wie er um sein Leben fürchtete.
„So öffnet doch die Tür!“ befahl Umean endlich mit zitternd drängender Stimme, tiefe Besorgnis in den Zügen, nachdem wir alle nur wie getroffen da standen, die Herzen zu schnell schlagend.
Erst nach einigen Augenblicken schaffte Sarroux es, dem Befehl nachzukommen. Es dauerte aber noch viele Herzschläge, bevor seine bebenden Hände den Schlüssel ins Schloss bekommen hatten. Immer wieder erschraken er und wir ob der Schreie und des Lärms. Doch kaum hatte er den Schlüssel schließlich gedreht, kaum vernahm man das Klicken des Schlosses, da verstummten auch schon sämtliche Geräusche im Innern der Gemächer. Sarroux aber zögerte noch die Tür zu öffnen, so war es Umean, die ihm diese Entscheidung abnahm.
„Tól und Omé mögen uns beistehen!“ sprach sie mit einem fürchterlichen Unterton in der Stimme, als sie einen Blick ins Zimmer geworfen hatte.
Ticqaille konnte konnte sie gerade noch auffangen, als sie ohnmächtig nach hinten fiel. Vorsichtig betrat ich danach die Gemächer. Es war grauenvoll. Sämtliche Einrichtung war zertrümmert, die Vorhänge von den Fenstern gerissen, die Tische umgeworfen, Stühle zerstört, Gemälde von den Wänden gefallen oder zerrissen; ebenso lag in Fetzen der Teppich. Dolche und Messer steckten unerklärlicherweise in den Wänden, das Bett hatte durch umgefallene Kerzen Feuer gefangen – und vor allem aber klebte überall und an allem Blut, Unmengen von Blut.
„Wir müssen das Feuer löschen!“ rief ich Ticqaille zu, schien es doch das einzig Vernünftige, das mir nun in den Sinn kam und mich davor bewahrte, diesen zu verlieren – und so taten wir dann auch, zusammen mit den restlichen, mittlerweile auch eingetroffenen Bewohnern des Palastes, wie Gaunie und
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