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Kategorien > Horror > Fantastisches

Geschichten aus Lurruken, Teil V: Flucht nach Magg

von Andre Schuchardt

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Laufé.
Was mir aber erst später auffallen sollte, waren ein paar Merkwürdigkeiten in dieser Angelegenheit. Das Blut, welches überall verspritzt war, war trocken, als wäre es dort schon seit Tagen, es fand sich nicht ein frischer Tropfen, nicht einmal auch nur annähernd frisch. Vor allem aber fanden wir keine Spur von Niráce Jardgeault, einem Angreifer oder irgendwelchen anderen Anzeichen oder Überbleibsel irgendeines möglicherweise Beteiligten. Es schien für uns, als wäre er einfach verschwunden.

Umean hielt es nach dieser Nacht nicht mehr im Palast aus. Planmäßig siedelten die letzten nach Maggir über, einige bereits in derselben Nacht. Mir kam dies alles wie eine Flucht vor. Wenige Zurückgebliebene suchten in den folgenden Tagen und Wochen fieberhaft nach Niráce oder Hinweisen auf seinen Verbleib, doch es fehlte jegliche Spur: Weder im Palast, noch in der Stadt, noch an den Gräbern, in den Bergen oder der Provinz. Natürlich konnte nicht verhindert werden, dass das Volk langsam anfing über diesen Vorfall zu sprechen. Während Umean bloß sein Stellvertreter blieb, entstanden allerlei Gerüchte. Die Beliebtesten sagten aus, die Geister der Verstorbenen hätten ihn geholt und in ihre Welt verschleppt. Diese Geschichten entstanden, als die Bediensteten und andere anfingen, das, was sie im Palast von seinen Wahnvorstellungen mitbekommen hatten, anderswo verzerrt wiederzugeben. Einige andere meinten, Niráce wäre nun auch mit den Überresten der Toten in die Grabmale eingemauert. Weniger Abergläubische vermuteten ihn in irgendwelchen fernen Ländern oder gar versteckt und verdeckt unter ihnen, im Volk.
Aber wie dem auch sei, was auch wahr sein möge, nach zehn Jahren wurde er für tot erklärt und die edlen Damen und Herren wählten Umean zu seiner Nachfolgerin. Das war vor gut zwanzig Jahren – nun herrscht Masjíque. Von Niráce Jardgeault jedoch sollten wir nie wieder etwas hören. Doch immer noch plagen mich des Nächtens böse Träume, in welchen er mir erscheint und mich um Hilfe anfleht, mir erzählt, wie sehr er dort, wo auch immer er jetzt sein mag, leidet. Ich halte das alles nicht mehr aus! Hoffentlich wird der Tod mir Erlösung bringen, ich spüre ihn schon nahen, denn ich bin alt. - Ihr aber, junger Freund, ihr aber möget diese Geschichte so, wie ich sie euch schilderte, unter das Volk bringen. Niráce ließ immer die nötige Ehrerweisung seinen Vorfahren gegenüber missen, vielleicht war das ja sein Fehler. Aber vielleicht war er wirklich nur wahnsinnig. Und jemand Wahnsinniges soll nie wieder hier herrschen!
Das war alles, was ich zu sagen hatte. Auf dass ihr mehr Glück mit dieser Geschichte habt, mein junger Freund. Die Geschichte des armen und bedauerlichen Niráce Jardgeault und seiner missglückten Flucht nach Maggir.








Epilog
Der alte Laudar Rennois starb bereits wenige Tage, nachdem wir uns getroffen hatten. Möge er Frieden gefunden haben. Er wird mir fehlen. Ich bringe diesen Bericht wie von ihm gewünscht an die Öffentlichkeit. Auch wenn seitdem nun bereits achtundzwanzig Jahre vergangen sind. Nie zuvor traute ich mich, dies zu wagen. Vielleicht hätte man auch mich für verrückt erklärt, hätte ich gesagt, dass ich zu vermuten weiß, was damals geschehen war. Denn auch mich besuchte Niráce Jardgeault in meinen Träumen, nachdem ich alles niedergeschrieben hatte. Und er verließ mich nicht mehr, bis zu diesem heutigen Tage. Doch nun spüre ich auch selber mein Ende nahen – ich habe also keinen Grund mehr, es geheim zu halten. Auch stürzt sich das Reich im Moment in dunkle Zeiten und hoffe nun, hiermit etwas mehr Besinnung und Eintracht sähen zu können.
Doch wer weiß – beim letzten Mal sprach Niráce Jardgeault davon, mir heute Nacht die Wahrheit zu erzählen, was in dieser einen Nacht geschah. Ich schließe damit die Berichterstattung für heute und setze sie morgen fort.

- Finn Taqour

ENDE



Kommentar

Die Gefolgschaft von Adel und Volk in Tólome bröckelte bereits während der Regentschaft von Jardgeault, konnte von Umean noch gehalten werden, zerbrach danach aber unter Masjíque zum dritten Mal in Chaos und Bürgerkrieg. Danach begann die Zeit des uns heute bekannten Reiches Tólome.
Die Geschichte von Niráce Jardgeault ist mittlerweile in die Volkssagen von Tólome eingegangen. Der Schriftsteller Maulín Vassoul versuchte sich als erster an diesem Stoff. Ungefähr 3189, während der Regentschaft von Aljúmas, erschien seine Erzählung „Das Schrecken von Lían“. Er gab an, sich damit auf einen Bericht aus dem Jahre 3045 eines gewissen Finn Taqour zu berufen, welcher den Bericht wiederum hastig und stichwortartig erzählt bekommen hatte. Tatsächlich sollte der letzte Eintrag von Taqours Vorhaben zeugen, eine Fortsetzung dessen wurde aber nicht gefunden. Dieser Bericht ist nun auch nicht mehr vorhanden, über Aljúmas kamen aber Abschriften von Vassouls Buch nach Rardisonán. Diese Erzählung hier ist lediglich eine Wiedergabe von Vassouls Geschichte, nur ein wenig an heutige Zeiten angepasst.
Es ist interessant, dass Tólome ein weiteres Mal an der Schwelle zum Bürgerkrieg steht. Damit häufen sich auch wieder die Berichte von angeblichen Traumbegegnungen mit Niráce Jardgeault, welcher klagt und mahnt. Sehen wir, was die Zukunft bringt.

Solero y Cyprilla, Toljidarin
Karison, Ojútolnán, 09.05.3994

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