Gespräch zwischen verstorbenen Mädchen
von
Moonwish
1
Draußen regnet es. Schwere Tropfen fallen vom Nachthimmel herab und nässen die tintenschwarze Erde. In der Kirche herrscht Stille. Nur des Mondes kalte Strahlen liebkosen die eisigen Fenster.
Zwei Mädchen ruhen verlassen auf dem Boden. Die Körper kaum vorhanden im Licht der nächtlichen Sonne. Die Augen ewig geschlossen.
"Wie immer um diese Zeit", murmelt die Jüngere und atmet tief ein. Ihre Brust hebt sich, doch bleibt die Luft still um sie herum. Unbeweglich.
"Wie immer", wiederholt die Zweite und öffnet ihre Lider. Schwarz senkt sich die Kirchendecke herab, nur durch graue Schatten unterbrochen. Wie lang war es her, dass sie all jene Farben betrachtet hatte, die die Welt ihr einst bot?
"Unser Kalender. Unser Maßstab der Ewigkeit. Unsere Uhr."
"Unser Kalender ist längst durchlebt. Die Ewigkeit bietet keine Zeit mehr. Die Ewigkeit ist tot, zeitlos und doch immerdar."
Blau zuckt ein Blitz durch das Gewölke, gefolt von lautem Donner. Hagel bricht ein und prasselt gegen die Scheiben.
"Genauso wie wir. Ob uns je wieder das Glück zuteil wird, das wir einst hatten?"
Langsam schüttelt die Ältere den Kopf und blickt zu den Bänken, auf denen vor vielen Jahren Menschen saßen. Gläubige, die ihren Herrn anbeteten. Was hatte er ihnen gebracht?
"Gestern saß eine junge Frau bei den Treppen. Sie hielt etwas in ihren Händen."
"Ein Baby."
"Tot."
"Einsam."
"Wie wir es bis ganz zum Schluss waren."
Wieder zuckt ein Blitz und erhellt für einen Bruchteil das Innere der Kirche. Regen fließt wie Tinte von den Wänden.
"Was wird mit ihr geschehen?", flüsterte die Jüngere und streicht über ihren Bauch. Das, was einst ihr gröstes Glück war, wurde ihr genommen. Gewaltsam von ihr getrennt, das Herz entzweit. Verloren hatte sie es und nie wieder gefunden.
"Sie wird wieder kommen. Genauso wie du wiedergekommen bist. Nur wird sie es selbst sein. Nicht wie bei dir ..."
"Wie bei mir ... Ich wünschte, sie würde nicht wieder kommen. Sie belügt sich."
Träge nickt die Ältere. "Die Ewigkeit ist kein Paradies. Selbst mit ihrem Kleinen nicht."
"Welcher Ausweg bleibt ihr?"
"Keiner."
Eine Krähe schreit in der Ferne, ruft und warnt aufgebracht, bevor der letzte Blitz durch die Nacht zuckt.
"Uns blieb auch kein Ausweg."
"Nie. Nicht einmal eine Chance."
"Hexen nannten sie uns. Töchter alles Bösen."
Unwillkürlich lächeln beide.
"Wie sie lachten, als du verblutetest."
"Wie sie blickten, als du branntest."
Draußen zieht eine Wolke vor den weißen Mond, sodass das Licht erlischt. Dunkel breitet sich über die Bänke der Kirche, verschlingt beide.
----------------------------------------------
Etwas verstörend, ich weiß.
Aber nein: Ich bin nicht gefährdet oder sonst was!
1
Kommentare
Finsterdrache schrieb am 2011-12-02 10:58:04:
Eine wirklich seltsame Geschichte (natürlich positiv gemeint ;-) ) Aber der Schreibstil....WOOOOWW...einfach atemberaubend magisch...
UNBEDINGT MEHR SCHREIBEN XD XD XD
LG Finsterdrache
Veronica Wallner schrieb am 2009-11-07 09:15:44:
wow......................................................................bin sprachlos.............................................................................
finde die geschichte echt gut, besonders das man sich vieles hinzu denken muss, echt toll
Lg Veronica
Kommentar hinzufügen