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Kategorien > Nachdenkliches > Verzweiflung

Gespräche eines Selbstmörders

von Mathias

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Abwärts geht es. Ziemlich steil sogar. So hoch sieht es von dort unten gar nicht aus, denke ich und trete einen Schritt zurück. Der Abgrund ist jetzt vielleicht knappe 45cm von meinen Zehenspitzen entfernt. Vielleicht sind es auch 48cm. So richtig sicher bin ich mir dabei nicht. Leider habe ich auch kein Lineal dabei um sicher zu gehen. Aber im Prinzip ist es auch egal. Jedenfalls stehe ich unweit einer Kante, die ca. 25 Stockwerke in die Tiefe führt. Bei den Stockwerken bin ich mir recht sicher, da die Anzeige des Fahrstuhls eine riesige 24 angezeigt hat und ich dann noch ein Stockwerk zu Fuß zurücklegen mußte um auf das Dach zu gelangen.
Warum ich hier rauf gekommen bin und nun hier knapp 45cm oder 48cm entfernt von einer Kante in den dunklen Nachthimmel der großen Stadt starre, willst du wissen. Ich hoffe es stört dich nicht, dass wir uns duzen. Ich bin Mathias. 25 Jahre jung und kurz davor, den größten Fehler meines Lebens zu begehen.
Es ist schon lustig, wie klein alles wirkt, wenn man erstmal vom 25. Stockwerk auf die Welt hinab blickt. Hecktisch blinken Lichter, Hupen Autos, hasten Menschen von einem Termin zum nächsten. Von Stockwerk 25 wirkt alles anders, einfacher und übersichtlicher.
Wo war ich stehen geblieben? Und bitte keine schlechten Wortwitze wie 45cm vor dem Abgrund. Denn eigentlich ist mir im Moment nicht zum Lachen zu mute. Sicherlich eine ganz verständliche Situation so kurz vor einer so wichtigen Entscheidung. Eigentlich ist die Entscheidung sogar so wichtig, dass ich das soooo, ganz neumodisch mit vielen o's in die Länge ziehen könnte um die Wichtigkeit noch zu unterstreichen. Da ich die Wichtigkeit der Entscheidung durch den letzten Satz, meines Erachtens, jedoch genug hervorgehoben habe verzichte ich an dieser Stelle auf den Einsatz dieses stilistischen Mittels. Natürlich fragst du jetzt, was so wichtig an dieser Entscheidung sein soll? Darauf kann ich nur erwidern, vielleicht ist diese eine Entscheidung auch meine letzte Entscheidung. Natürlich würdest du jetzt zu mir so Sachen sagen wie mach bloß keinen Blödsinn oder überleg doch mal, was du deiner Familie und deinen Freunden damit antust? Hoffentlich verstehst du jetzt das mit dem Duzen. Wenn schon eine Person bei einem so wichtigen Schritt im Leben, nämlich dem aus dem Leben mit dabei sein muss, dann doch bitte jemand, der einen duzt. Vermittelt irgendwie etwas Freundschaftliches.
Ein kleines Lächeln huscht mir über das Gesicht. Die Metapher mit dem großen Schritt bringt mich dann doch kurz zum Schmunzeln. Nicht so sehr wie den lila Hasen, doch mehr als in den letzten Tagen zusammen. Eigentlich doch traurig, oder findest du nicht? Da steht man mitten im November, mitten in der großen Stadt am Rand eines tiefen Abgrundes und amüsiert sich über die Doppeldeutigkeit des Sprichwortes „ein wahrlich großer Schritt“. Im Gegensatz zu Neil Armstrong bleibt es jedoch ein kleiner Schritt für mich und die Menschheit zusammen. Sicherlich wäre im ersten Moment die Hölle los. Polizei, Feuerwehr, Notarzt und Gaffer hätten bestimmt für den Augenblick genug zu erledigen, die Überreste von mir von der Straße zu beseitigen, bzw. genug Bilder von meinen sterblichen Überresten zu fotografieren. Für den Moment hättest du hier oben dann sicherlich mehr Ruhe. Zumindest bis jemand auf die Idee kommt, du hättest mir den entscheidenden Stoß verpasst, der mich auf die letzte Reise geschickt hat. Keine Angst, ich warte mit meinem Entschluss, bis du außer Reichweite bist. Schließlich muss ich ja nicht auch noch dein Leben versauen und dich irgendwann hier oben wieder sehen.
Was mich jetzt hier her verschlagen hat möchtest du gern wissen? Tja, neben dem Fahrstuhl und der letzten Treppe eine ganze Menge. Gut, ich habe jetzt keine tödliche Krankheit oder Schulden. Ok, Ok Schulden natürlich. Aber die hat heutzutage doch eh jeder. Auch das „Liebesding“ ist nicht unmittelbar Schuld. Eigentlich ist es auch nicht nur ein Faktor, sondern viele, viele Kleine in der Summe. Also sozusagen mehrere Summanden.
Du möchtest gern mehr darüber erfahren? Na gut, eigentlich hatte ich zwar nicht vor gehabt mit jemandem darüber zu reden, aber im Anbetracht der Umstände kann ich sicherlich einmal eine Ausnahme machen. Am besten wir setzen uns erst einmal hin, nicht das durch einen Windstoß noch etwas passiert, was wir beide nicht wollen. Zumindest jetzt noch nicht.
Ziemlich ruhig hier oben. Du redest wohl nicht sehr viel? Schon komisch, nur 25 Stockwerke über dem "normalen" Leben und doch ganz anders. Normal setz ich übrigens immer gern in Gänsefüsschen. Weil wer kann von sich schon behaupten normal zu sein? Da gibt es zum Beispiel schon die unterschiedlichsten Konstellationen bei der Partnerwahl. Da gibt es die Heteros, die Schwulen, die Lesben, auch wenn das glaub ich bloß weibliche Schwule sind. Dann sind da noch die Kranken, die auf kleine Kinder stehen oder die die auch gern ihr Schwein oder ihre Milchkuh ehelichen würden. Schon witzig wie viele Facetten das menschliche Zusammenleben schon in diesem einen Punkt bietet. Erschreckend sind auch die verschiedenen musikalischen Geschmäcker. Westbam und Marusha dort und Paul Anka und Frank Sinatra auf der anderen Seite. Und dazwischen Eminem, die Okelz, Placebo und irgendwo auch die Ärzte. Wenn man die noch unter Musik zählen möchte. Eigentlich wäre etwas Musik jetzt nicht schlecht. Oder? Also wenn ich mir den Soundtrack meines Lebens zusammenstellen dürfte, dann wären Oasis, Sinatra und Johny Cash die, die um die Poleposition kämpfen würden.
Da hinten am Horizont scheint etwas passiert zu sein. Überall Blaulicht. Schade, dass es soweit weg ist und man nichts mitbekommt. Bestimmt ein Überfall, oder vielleicht ein Feuer. Siehst du, selbst bei Katastrophen unterschiedlichste Möglichkeiten. Wahrscheinlich ist ein Familienvater ausgetickt und hat seine gesamte Familie bestialisch nieder gemetzelt. Vielleicht weil sein Steak nicht richtig zu bereitet war. Leute tun heute so etwas. Scheinbar Kleinigkeiten bringen das Fass dann schnell schon mal zum überlaufen. Der falsche Wein zum Fisch, Kopf ab, die falsche Farbe der Visitenkarte, ausweiden. Etwa so wie in „American Psycho“. Halt nur hier. Im Prinzip also "Große Stadt Psycho". Verübeln kann man es den Tätern aber eigentlich gar nicht. Im Film sagen die Anwälte dann immer, die Gesellschaft hat Schuld und im tiefsten Innern haben sie Recht. Ist jedenfalls meine Meinung. Da gehst du dein ganzes beschissenes Leben hart Arbeiten, schiebst Sonderschichten, gehst auch mal samstags oder sonntags und dann erfährst du mit 50, dass deine Arbeit ab Morgen von einer Maschine erledigt wird. Diese kommt übrigens irgendwo aus China oder Taiwan. Diese Maschine jedenfalls erledigt deine Arbeit zwar nicht besser, aber schneller und billiger. Mit 50 kommst du dann vielleicht das erste Mal in deinem Leben zur Agentur für arbeit und wirst behandelt wie eine Nummer.
Und am Abend kommst du dann nach Haus und findest ein halb rohes Steak auf deinem Teller.

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Kommentare

pinki plüsch elephant schrieb am 2010-06-09 10:38:36:
wow! Echt verdammt gut geschrieben! Ich bewundere Leute, die sowas können....ich denke, ich werde noch eine weile über dieses "Gespräch" nachdenken und rumgrübeln. Die Idee ist aber echt gut und auch mit n bissl Humor verwirklicht, was dem ganz nen besonderen kick gibt.
cinnamon schrieb am 2006-10-30 20:39:43:
Wow, ich senke meinen Hut vor dir, denn deine Geschichte ist toll!
Vorweg erst mal, muss ich gestehen, das ich hier nur die kurzen Geschichten wirklich zu ende lese.
Die meisten öden mich sowieso schon nach den ersten paar zeilen an. Und die längeren bis langen Geschichten
Lese ich nur an, wenns mich interessiert auch mal das Ende und dann gehe ich gleich zum
Kommentieren über, aber bei deiner wollte ich einfach nicht aufhören! Und das ist nicht nur so daher gesagt,
ich habe sogar den Ton meines Mp's leiser gedreht um mich besser darauf konzentrieren zu können!!!
Und der schweigt sonst nie! NIE.
Zu deiner Geschichte:
Du hast Stil, du hast Humor und verstehst es ausgezeichnet alles auf die Gesellschaft abzuwälzen!
(Womit du ja nicht im unrecht bist!)
Besonders mochte ich die direkte Anrede, es kommt selten vor das diese nicht mit irgendeinem
pseudo- slang verbunden wird. DANKE, dass du das nicht gemacht hast.
Weiteres mochte ich die "aktuellen Einflüsse": bezug auf die filme und besonders den Teil mit der
Fielmann Werbung fand ich besonders gewitzt, da ich mich über die auch schon oft geärgert habe!
(wie über die meisten Werbungen im Übrigen)
Am anfang hatte ich zwar den eindruck hier schreibt ein kleiner Rainman (45 cm, 25 stes Stockwerk,ect)
aber das hast du gottseidank nicht übertrieben. So wie es ist find ich's sehr witzig!
Im Großen und Ganzen will ich damit sagen, dass ich deine Story ganz toll fand und
mich freun würde wieder mal was von dir zu hören.
LG Cin
su-c schrieb am 2006-10-30 18:46:53:
Die Geschichte ist wunderbar humorvoll und voll mit Kritik und einer interssanten Sicht des Lebens. Was mich etwas ins Grübeln bringt, ist, dass sich der Selbstmörder als Mathias vorstellt und dein Pseudonym ebenfalls Mathias ist.
Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass einer, der gleich vorhat seinem Leben ein Ende zu bereiten, noch so "witzig" ist. Ich zumindest würde da wahrscheinlich darüber nachdenken, wie beschissen mein Leben doch ist und versuchen, mich selbst in meiner Idee zu bestätigen, mich umzubringen.
Nun ja, wirklich wissen kann das wohl kaum jemand.
Chrissie Fowl schrieb am 2006-10-30 17:27:21:
Sehr schöne und nachdenkliche Geschichte. Hatte nicht jeder schon einmal solche Gedanken? Es ist verständlich und regt einen doch zum Nachdenken an, wie es bei einem selbst ist...
MAxImiLIan schrieb am 2006-10-30 17:13:10:
sehr schön! es hatt irgendwas nachdenkliches! die idee an sich ist sehr gut mit dem gespräch!
es flösst einem ein bisschen gänse haut ein ,es ist sehr echt geschrieben diese conversation! echt gut!gefällt mir!

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