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Gestalt Venedigs

von BSK

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Gestalt Venedigs


Der warme Fahrtwind blies mit ins Gesicht, als wir die Kuppen und Kirchen Venedigs ausmachen konnten. Meine Frisur wurde ganz zerzaust und mir schossen Tränen in die Augen, aber bei dem Anblick meiner Traumstadt war dies vergessen und ich hörte nur noch mein Herz, das schneller klopfte und die Wellen, die von unserem Boot wie durch ein Messer getrennt wurden und auf die darauffolgenden stürzten. Langsam wurden die Häuser und bemalten Pfähle größer und als der Halteplatz in Sicht trat wurde der Motor leiser und leiser bis er nur noch erschöpft ächzte. Wieder auf festem Boden stehend, der wegen der wilden Fahrt noch schwankte, hatte wir Venedig erreicht. An diesem Tag hatte der Himmel sein reinstes Blau angenommen und war leergefegt von Wolken. Die Sonne ließ das Wasser funkeln und glitzern wie Brillianten und spiegelte sich in dem edlen Schwarz der Gondeln, die wieder und wieder stolz an uns vorüberzogen. Sie tauchte den Markusdom in helles Licht und veranlasste das Gold in seiner schönsten Pracht zu schimmern, sodass es mich blendete. Wir gingen auch in den mit Gold, Silber, Mosaiken und wertvollsten Schätzen ausgestatteten Dom, wo uns die Schönheit der Bilder an der Decke hoch über uns und die Kunst des Bodens faszinierte. Nach längerem Aufenthalt dort gingen wir durch die kleinen, engen, oben mit Wäschenleinen bespannten Gässchen zu der Rialto-Brücke, welche majestätisch und elegant das Festland überquerte und verziert ist mit Steinhauereien aus früheren Zeiten und vielen kleinen Lädchen, in denen man traditionellen Schmuck und Touristenkitsch kaufen kann.


Gegen Abend kehrten wir noch ein und als es dunkel ward begannen wir den Rückweg zu unserem Schiff, welches uns fortbringen würde. Der Abend ist wohl die schönste Zeit in Venedig: Die Laternen beginnen schwach zu leuchten, tauchen die Gebäude in zartes Licht, kaum mehr Tagestouristen in den Straßen und an jeder Ecke spielt leise Musik.
Auf einer Holzbrücke konnte ich nicht anders als stehenzubleiben, da der Anblick des „Kanal Grande“ atemberaubend und bezaubernd war und mir wohl nie wieder aus dem Kopfe gehen würde. Dieses Bild der Herrlichkeit kann man nicht beschreiben, weil es sonst für diese Schönheit verletzend sein könnte. Und doch will ich es versuchen:
Leise klingt das Lied „Kleine Nachtigall“ von Mozart in süßen Flötentönen zu mir herauf und ich blicke den „Kanal Grande“ entlang, in dessen Wasser sich die rötlichen Lichter spiegeln und die Gondeln lautlos und kraftvoll dahingleiten. Der Mond wirft sein silbriges Licht auf die Wasseroberfläche und aufgrund der kleinen Wellen sieht es aus, als ob sich tausender kleiner Fischchen unter dem Wasser tummeln würden. Ich rieche den salzigen Meeresduft, der in meine Nase dringt und spüre das weiche Holz der Brücke unter meinen Fingern. Der Wind treibt Wellen gegen die Boote, sodass ein leises Plätschern zu hören ist. Die Laternen tauchen nun alle Häuser in goldenes Licht und es ist still.... nur die Flöten sind zu hören. Ich hätte noch ewig dastehen können, doch die Zeit drängte mich weiterzugehen.


Ich erreichte das Meer, welches sich vor mir endlos danhinstreckte und sah den Tauben zu, die sich auf den Markusplatz versammelten, um nach Brotkrümeln zu suchen, welche die Touristen hinterlassen hatten. Neben mir erhob sich der Dogenpalast, der im Abendlich noch gewaltiger aussah und an dessen Wänden plötzlich die Töne einer Geige hallten. Neugierig sah ich genauer hin und entdeckte eine Gestalt. Sie wiegte sich im Winde, während ihre Finger auf der Geige auf und nieder glitten. Das Haar war zerzaust und um sie herum war eine Atmosphäre der Ruhe und des Glücks, der Traurigkeit und der Freude. Ich ging auf sie zu und erkannte, dass es ein Junge war.
Als er mich ansah verschwamm die Welt um mich herum, sodass ich nur noch in diese Augen sehen konnte, die tief wie ein Ozean waren und doch einem Stern gleichsahen. So strahlten sie, so verführten sie. Sie waren die Liebe, die Hoffnung und ein Geheimnis selbst, was konnte sie erlöschen, was konnte ihnen an Schönheit überragen? Seine Lippen schienen weich und kraftvoll zu sein und sein Lächeln verkörperte den Sonnenaufgang, mit solcher Lebensfreude und Bezauberndheit.

Dieser Junge war die Gestalt Venedigs. In ihm konnte man all die Eigenschaften und Schönheiten dieser Stadt wiederentdecken. Venedig ist die Stadt der Liebenden und der Geheimnisse. Nichts kommt mehr an den Glanz der Sterne heran, nichts wird je so bezaubernd und golden wirken. Nirgends werden die Geigentönen so atemberaubend erklingen wie in Venedig, nirgends kann so viel Lebensfreude und Mut geschöpft werden. Und nirgends wird es einen Menschen geben, mit den Augen der Liebe und einem Lächeln, das man für immer in sich tragen wird und das in jeder Zeit des Dunklen wieder Mut und Kraft zum Leben gibt.
Nur schwer riss ich mich von seinem Anblick los und rannte auf das Boot, welches mich soeben aus meinen Gedanken gerissen hatte. Noch einmal drehte ich mich um und lächelte und auf einmal wurden die Töne melancholischer und trauriger. Es klang wie ein Abschiedsgruß und als ich die Hand hob um zu winken, verbeugte er sich ohne zu spielen aufzuhören.

Wieder blies mit der kühle Fahrtwind ins Gesicht und ich sah mich zu der erleuchteten Stadt um bis sie fast verschwunden war, obwohl ich wusste, dass ich wieder kommen würde. Vor uns sahen wir noch die Schleierwolken wie aus roter Zuckerwatte und den dunkelblauen, mit Sternen übersäten Himmel.
Und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob der Junge wirklich dort gewesen war, ob er Realität gewesen war. Oder ein Traumbild, von dem ich mein ganzes Leben lang zehren sollte.

Venedig war in früheren Zeiten die „Stadt des Mutes“, doch heute ist sie als die „Stadt der Liebenden“ bekannt.

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