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Kategorien > Mysterie > Unheimliches

Gott im Park

von Beautiful Experience

Ich bin sicher, es war im Januar, und es war so gegen fünfzehn Uhr, als ich in den Park ging.
Den ganzen Tag schon hatte es ein seltsames Zwielicht: Wolken wie grau-gewordene Brautschleier, Brautkleider am zehnten Hochzeitstag.
Der Tag war grau, und der Tag war kalt. Trotzdem zog es mich hinaus - hinaus aus unserem angenehm warmen Zuhause und hinein in die unfreundliche Kälte draußen.
Ich war wie ein Astronaut, der sein Raumschiff verlassen hatte, am Seil hängend wie an einer Nabelschnur, umgeben von Kälte, Leere und Endlosigkeit.
Meine Hände steckten warm in den Taschen, meine Gesichtshaut brannte in eiskaltem Feuer. Atemwolken glitten aus meinem Mund und flüchteten vor mir; sie ließen mich zurück wie einen zur Hölle Verdammten.


Vor mir wartete das schmiedeeiserne Tor des Parks (es wartete, wartete auf mich - wartete darauf, dass ich es öffnen würde...) und dahinter: die tausend Stufen, die emporführten, immer weiter emporführten: erst zum Brunnen, dann zu den Terassen und dann, ganz am Ende...
Ich weiß nicht, warum ich gekommen war.
Ich weiß auch nicht, was mich hinausgetrieben hatte an diesem dahinsiechenden Tag, wo kaum jemand freiwillig seine warme Wohnstube verläßt und garantiert niemand Lust verspürt, sich an einem verlassenen Ort aufzuhalten...an einem Ort wie diesem.
Doch ich war da. Ich war da ganz ohne Grund, einem Impuls folgend.


Ich fröstelte und passierte das schmiedeeiserne Tor.


Hinter mir, tief unter mir lag die Stadt.
Achtzehnte, neunzehnte Stufe. Ich horchte...
Zwanzigste, einundzwanzigste Stufe. Kein Mensch da.
Außer mir.
Keine Goldfische im Teich. Kein Plätschern im Brunnen.
Viel zu kalt. Abgestellt.
Gedanken klackten wie Eiswürfel in meinem Kopf aneinander: träge, kantig und kalt.
Keine Blume, die im Januar blüht. Kein Baum, der Blätter trägt.
Sträucher wie bösartig lauernde Kettenhunde.


Ich achte auf jeden Schritt, den ich mache.
Meine Augen erfassen die kleinste Bewegung.
Ich bin wachsam. Nichts wird mich wirklich überraschen.


Ich erreiche die erste, die unterste Terasse.
Ich sehe Aschenboden und leere Ruhebänke. Eine Amsel, aufgeschreckt, flattert davon.
Meine Augen folgen ihrem Flug - über die Hecke zur oberen Terasse, zur Himmelsterasse: hier sitzen die Götter.
Ich kann die Ruhebänke erkennen: zwei auf jeder Seite.
Ich erinnere mich: für jedes einen.


Plötzlich fühle ich mich krank und um Jahre gealtert. Ich spüre die Kälte und blicke verloren um mich. Wie lange bin ich schon hier?
Wie lange bin ich im Park?
Ich erinnere mich nicht daran, die Stufen zur oberen Plattform betreten zu haben, doch ich bin oben angelangt.


Der steinerne Götze ragt vor meinem Angesicht auf, ehrfurchtgebietend, respektheischend, gestützt auf sein unbarmherziges Schwert...


Ich erinnere mich: es war irgendwann im Sommer, als ich das erste Mal im Park war. Es wurde bereits dunkel, als die letzten gingen.
Ich saß auf meiner Bank, ganz am rechten Ende der Himmelsterasse.
Keine Menschenseele mehr da, allein die zwei spielenden Kinder.
Ich plazierte die Tüte mit den Gummibärchen direkt neben meinem linken Oberschenkel auf der Sitzfläche, und zwar so, dass die Kinder sie bemerken mußten.
Auf keinen Fall sollte es aufdringlich wirken.
Ich nahm mein zweites, ich nahm mein achtes Gummibärchen. Ich schloß die Augen und ließ den Geschmack auf meiner Zunge vergehen. Unglaublich süß.
Es dauerte nicht lange, bis sie zu mir kamen.
Alles andere war dann einfach.
Ich verscharrte ihre noch warmen Körper irgendwo im Wald westlich des Parks.
Dann übergab ich mich.


Die nasse Kälte kriecht mir nun in die Knochen, läßt mich zittern bis ins Mark. Ich beginne zu ahnen, warum ich hierhergekommen bin - warum ich wieder und immer wieder hierher zurückgekommen bin.
Ich presse meine Hände ganz fest, ganz warm in die Taschen. Mir entschlüpft ein irres Lachen.


Erst sechs Wochen später fand man die Kleinen. Die besorgten Eltern hatten sie als vermißt gemeldet. Das taten sie alle. Es gab niemanden, der sie nicht vermißt hätte - und ob sie es glauben oder nicht: mir selbst tat das alles am meisten weh.
Heute weiß ich: der steinerne Götze war schuld. Aber zu Beginn...
Ich sagte schon, dass ich mich übergab, nachdem ich sie verscharrt hatte.
Ich übergab mich jedesmal.
Zehn Tage nach den ersten beiden fand man den kleinen Tobias, drei Wochen später Nicole und Sandra, etwas später - ich weiß nicht mehr genau wann - fand man den kleinen Sven.
Keines der Kinder war älter als zehn Jahre geworden.


Es machte mir keinen Spaß, die Kleinen zu töten. Es war auch nicht so, dass es mich irgendwie angemacht hätte - nein, absolut nicht.
Aber bedenken sie: die Kinder waren allein im Park!
Kleine Kinder, die am späten Nachmittag und am frühen Abend allein im Park waren! Sollte man diese Kinder nicht vor ihren verantwortungslosen Eltern schützen?
Ach, sie glauben, ich verwickele mich in Widersprüche? Ich versuche, mein pathologisches Verhalten, meine Perversion zu legitimieren und mich als Menschenfreund darzustellen, der kleine Kinder dadurch vor ihren Eltern schützt, dass er sie umbringt - und andererseits einem imaginären Götzen die Schuld zuschiebt, um härterer Strafe zu entgehen und lediglich lebenslang therapiert zu werden? Da liegen sie nun wirklich falsch!
Ich bin selbst Vater zweier Kinder. Sie müßten inzwischen...ja, sie sind inzwischen zwölf und vierzehn Jahre alt. Tolle Jungs waren das! Meine Frau...meine Ex-Frau schickt mir jedes Jahr Bilder von ihnen, damit ich sehen kann, wie sie größer werden. Joe - der Ältere - hat inzwischen schon eine Freundin, und glauben sie mir, ich bin verdammt stolz auf meinen Sohn!
Keiner der beiden hat sich durch das, was damals mit unserer Familie passiert ist, aus der Bahn werfen lassen.
Fragen sie meine Kinder, was für ein Vater ich war! Ich behaupte, ich war ein guter, ein verantwortungsvoller Vater. Ich hätte meine kleinen Kinder niemals zu fortgeschrittener Zeit an einem abgelegenen Ort alleingelassen!
Dennoch war es der Götze. Ich höre IHN noch ganz deutlich; ich höre IHN, wenn ich träume und manchmal auch, wenn ich wach bin: WAS SOLL AUS DIESEN KINDERN WERDEN? jammerte er. WAS SOLL AUS DIESEN ARMEN, ALLEINGELASSENEN KINDERN NUR WERDEN?
Und sagen sie mir: hätten sie eine befriedigende, eine positive Antwort darauf gewußt?
Ich rettete sie, um ihnen das mal zu sagen! In den Momenten, als ich sie erwürgte und erstach, lächelte ich. Ich war euphorisch, weil es das Beste für sie war. Doch danach bekam ich immer einen "Kater". Dann überkam mich der Katzenjammer - tagelang war ich niedergeschlagen.


Ganz schlimm war die Sache mit dem kleinen Tobias. Das war der Augenblick, als ich wußte, dass es trotz aller Berechtigung aufhören mußte.
Ich erwischte ihn nicht richtig, brachte ihm nur eine Fleischwunde bei.
Der Junge geriet in Panik und rannte weg. Ich verfolgte ihn - wußte, dass ich es zu Ende bringen mußte.
Meine Euphorie verflog, als ich ihn dann festhielt und er mir mit schreckgeweiteten Augen und weit offenem Mund ins Gesicht schaute.
Ich stach trotzdem zu - panisch, überhastet, ohne Überlegung. Es dauerte endlose Ewigkeiten, bis er zu schreien aufhörte. Ich stellte das Radio in meinem Kopf leiser und wartete auf das beruhigende Hintergrundrauschen, das sich aber diesmal nicht einstellen wollte.
Kniete sehr lange vor seinem kälter werdenden Körper.
Wußte, dass es aufhören mußte.
Ich erinnere mich: für jedes Kind einen.
Nur so konnte ich der Macht des Götzen entrinnen.
Ich trennte mir mit dem blutverkrusteten Messer den kleinen Finger der rechten Hand ab. Ich glaube nicht, dass ich geschrien habe (bezweifle, dass ich es konnte).
Den Finger verscharrte ich mit dem Kind.


Warum ich in letzter Zeit immer so spät nach Hause komme?
Damit wir uns einen ganz tollen Urlaub leisten, damit wir noch öfter ins Kino gehen können!
Die Kleinen waren neugierig, ja mißtrauisch geworden.
Warum ist Papi abends so traurig?
Warum erzählt er uns abends nur noch ganz selten eine Gute-Nacht-Geschichte?
Papa arbeitet viel. Er ist abends abgespannt und müde. Sein Tag ist sehr, sehr lange gewesen.
Überaus anstrengend.
Sehr grausam.
(Alptraumhaft schön...)
Papa sucht den heiligen Gral. Papa hat eine göttliche Mission.
Er befreit alle, die da mühselig und beladen, die verlorengegangen und alleingelassen sind.
Papa schneidet sie aus ihren Larven, er entfaltet ihre kleinen Flügel.
Er läßt sie aufsteigen und macht sie zu Engeln im Himmel...


Das mit meinen Fingern war schwerer zu verbergen.
Ich täuschte eine Allergie, ein großflächiges, unansehnliches Ekzem vor und trug einen Handschuh. Ich muß ihnen wohl nicht sagen, dass es ein Fäustling war.
Dabei kam mir entgegen, dass ich mein ganzes Leben lang ein recht gespaltenes, sehr angespanntes Verhältnis zu Ärzten hatte: ich ging nur dann zu einem, wenn mir der Kopf zwischen die Eier zu rutschen drohte.
Nach Nicole und Sandra wurde es schwierig, nach dem kleinen Sven war es schlichtweg unmöglich, dem Fäustling ohne die vorhandene Faust Halt zu geben.
Ich brach völlig zusammen; ich tat verzweifelt. Ich äußerte meine schreckliche Angst davor, dass sie mich, einen verunstalteten Krüppel, nicht mehr lieben könnte - ja, dass sie sich vor mir ekeln müßte, wenn ich sie nur einmal leicht berührte. Darum trug ich den Handschuh, darum die absurde Lüge vom Ekzem.
Mit meiner ungeschickten linken Hand hatte ich mir bei Gartenarbeiten versehentlich vier Finger abgetrennt - ein bedauerlicher, ein schrecklicher Unfall.
Erst heute weiß ich, wie sehr sie mich geliebt haben muß.
Ja, sie glaubte mir auch das. Sogar das.
Ich denke, sie hätte mir fast alles geglaubt.


Ob an meiner Arbeitsstelle niemandem etwas aufgefallen ist?
Meiner Sekretärin ist natürlich aufgefallen, dass ich einen Handschuh trug. Ihr fiel auch auf, dass ich diesen Handschuh ständig trug. Aber sie hätte niemals gewagt, nach dem Grund zu fragen. Sie hätte auch nie den Versuch gemacht, im Kaffeeplausch mit Kolleginnen etwas davon zu erwähnen.
Warum das so ist? Lediglich eine Frage von Macht und Position.
Sekretärinnen und andere Angestellte ertragen mit Vorliebe alle Spleens ihrer Vorgesetzten, solange das Gehalt stimmt.
Je besser das Gehalt, desto größer die Toleranz - und desto unbedingter Loyalität und Verschwiegenheit. Sie sehen, die Erkenntnisse des "sozial gefärbten Kapitalismus" finden überall ihre Anwendung und Bestätigung.
Ich gebe zu, dass auch Angst eine gewisse Rolle spielen mag. Schließlich war ich im Leitungsgremium. Ein paar Anrufe von mir und man bedauerte im Umkreis von fünfhundert Kilometern, dass alle Stellen auf unbestimmte Zeit besetzt seien.
Aber glauben sie mir: die Angst ist nur zweitrangig. Entscheidend ist die Höhe der monatlichen Gehaltsüberweisungen. Satte Arbeitnehmer sind glückliche Arbeitnehmer.
Ach ja, meine Arbeit hätte ich noch mit zwei Fingern ausführen können. Drei bis sieben Telefongespräche am Tag, mehr nicht. Wissen sie, in meinem Fall ist es tatsächlich kein Märchen: je geringer der Arbeitsaufwand, desto höher die Bezüge. Philosophisch betrachtet eine Sache von Hell und Dunkel, Feuer und Wasser, Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Yin und Yang - die magische Anziehungskraft der Gegensätze!
Am Ende hatte ich dann noch einen zuviel.


Es erstaunte mich wirklich, dass es so lange dauerte.
Wissen sie, ein Teil von mir wollte niemals gefaßt werden.
Ein unkontrollierbarer Teil von mir wollte alle armen Kinder dieser beschissenen Welt - und zumindest dieser Stadt - erlösen.
Der andere Teil aber betete darum, endlich gefaßt zu werden. Er betete, dass es endlich ein Ende nehmen würde.
Er war das Agens in mir, das mich dazu veranlaßte, meine Möglichkeiten immer mehr zu beschneiden, wenn ich das mal so blumig ausdrücken darf.


Zu Beginn allen Elends war ich wirklich davon überzeugt, dass sich SEIN Einfluß nur im Bereich des Parks erstreckte. Wie schrecklich einfältig ich doch war!
Wie konnte ich meinen eigenen, nur menschlichen Einfluß höher einschätzen als SEINEN? ER war in meinem Kopf, in meiner Blutbahn und zuletzt in meinen Knochen, selbst wenn ich IHN nicht spürte, selbst wenn ich mich frei von IHM wähnte in der Hoffnung, dass mein normales, gewohntes Leben zurückkehren möge.
Doch es gab kein Zurück für mich. Es gab kein Zurück für die Kinder.
ER hatte Einfluß auf alle meine Entscheidungen.


Doch lassen sie mich zum bittersüßen Ende meiner so traurig-morbiden Geschichte kommen. Begleiten sie mich ganz bis ans Ende und empfinden sie etwas Mitleid mit mir. Schenken sie mir nur ein paar ihrer Tränen...


Michelle ließ mir keine Ausrede mehr. Bei ihr hatte es kaum Komplikationen gegeben - ich glaube nicht, dass sie sehr lange Schmerzen hatte. Die kleine, noch weiche Schale ihres Denkens gab sofort nach, als sie mit dem Fels in Berührung kam; ihre Seele verließ den nutzlosen Körper bereitwillig und schnell - nur der Geist ihres Blutes hinterließ seine Erinnerung auf der warmen und rauhen Substanz des leblosen Klumpens am Wegrand.
Aber meine geliebte, mich liebende Frau glaubte an keinen Unfall mehr. Sie bestand darauf, dass ich mich in psychiatrische Behandlung begeben sollte. Einen Zusammenhang zwischen meinen verschwindenden Fingern und der Zahl der vermißten und erlösten Kinder sah sie nicht. Die ganze Angelegenheit geriet immer mehr zu einer absurden, nachtschwarzen Komödie.


Dieser vornehm und geschmackvoll gekleidete Mann mit der fundierten Ausbildung und der Erfahrung von nahezu fünfzig Lebensjahren attestierte mir sehr sporadisch auftretende, manisch-depressive Schübe - mit einem kleinen Hang zur Selbstverstümmelung: "Glauben sie mir, ich habe schon weitaus schlimmere Sachen gesehen! Manche schneiden sich die Kniescheiben heraus, andere trennen sich ihr bestes Stück ab, einige...".


Die Ursachen seien in einer Art "schlechtem Gewissen" zu suchen, das aus der Ausübung meiner beruflichen Machtposition herrühre. Im Klartext ging der gute Mann davon aus, dass ich mich für mein Verhalten gegenüber untergebenem Personal bestrafen wollte: "Wissen sie, einige Herren aus den Vorstandsetagen lassen sich von eigens bezahlten Damen Kerzen in den Arsch bohren, wenn ich das mal so salopp ausdrücken darf.
Sie schlagen sich eben selbst auf die Finger, indem sie diese abschneiden - eine recht endgültige Methode, sich zu bestrafen."
Ich bewundere Psychiater. Ich verehre Psychologen.
Ich liebe dieses Pack geradezu, glauben sie mir!


Man empfahl mir eine unbestimmte Anzahl von Therapiestunden, die meine Persönlichkeit wieder festigen sollten, Stunden, die mich wieder in der Realität verankern sollten: zweimal die Woche neunzig Minuten.
Neununddreißig Tage lang bescheinigte man mir große Fortschritte.
Ich galt als annähernd gesund, bis meiner noch intakten Linken vom einen auf den anderen Tag zwei Töchter fehlten: die verbliebenen drei ähnelten frappierend der monströsen Klaue eines überaus seltsamen Vogels. Sie erinnerte mich an einen Kindheitstraum, einen Traum, den ich lange zuvor geträumt hatte:
da waren Haare unter den Krallen, braune, schwarze, blonde, rote...


Ich lachte laut auf und zog endlich meine Hände aus den Taschen - das, was von ihnen übrig war, schaute ich mir nun genauer an. Jetzt, da ich mich wieder an alles erinnerte, war es fast dazu geeignet, mich zu erheitern.
Was für ein seltsamer Vogel ich doch war! Rechts der verfärbte Stumpf mit den violett abstechenden Zahnmalen (mein kleines Andenken an Claude, der so schrecklich viel Wert auf sein verpfuschtes Leben legte) und links die gekrümmte, grausige Klaue...
Eine Schneeflocke ließ sich sanft, fast zärtlich auf meinem Daumen nieder, verharrte dort wie ein kleines, bepelztes Tier.
Der erste Schnee in diesem Jahr...
Ich ließ mich zu Füßen GOTTES nieder, schaute an IHM empor und bewunderte SEIN makelloses Schwert.
ER war bei mir, ER behütete mich - ER würde mich nicht verlassen in diesem finsteren, trostlosen Tal...
Ich betete, dass ich erfrieren würde, bevor sie mich finden konnten.



Sie holten mich dort ab
kurz vor Mitternacht.
Ich halluzinierte und sah GOTT über Wolken wandeln,
die nicht existierten: es war eine sternklare Nacht.



All das liegt nun schon sehr lange zurück und ich glaube, dass man sich draußen wohl kaum noch an mich erinnert.
Erinnerungen sind flüchtig - manchmal hat das auch gute Seiten.
Das Leben nimmt wieder seinen gewohnten Gang, die Menschen können zur geliebten Routine des Alltags zurückkehren.
Die Erinnerung an mich wird noch kurzlebiger sein als das Gedenken an diesen kleinen Unfall in der Ukraine, der die Zukunft der Menschheit verändert hat, ihre Gegenwart jedoch kaum beeinflußt. Die Menschen lachen, weinen, lieben und hassen, wie sie es immer getan haben und wohl auch immer tun werden.
Das alles weiß ich nur aus Zeitungen. Ich sah es im Fernsehen, ich hörte es im Radio.
Den Sternenhimmel sah ich nie wieder. Ich glaube nicht, dass ich ihn wirklich vermisse.
Ich will ihn nicht vermissen, und ich werde es auch nicht tun.
Es gibt nichts, was ich jenseits meines neuen Zuhauses unbedingt wiedersehen möchte. Doch es gibt vieles, vor dessen Anblick ich Angst hätte.
Wissen sie: mit drei Fingern kann ich mir tatsächlich noch ein klein wenig Glück verschaffen - ich möchte sie gerne behalten...
Weinen sie nur eine einzige Träne für mich.
Schenken sie mir nur einen ihrer guten Gedanken.



Eine Schlagzeile lautete: "DAS SCHLÄCHTERMONSTER VOM PARK: LEBENSLÄNGLICH IN SICHERUNGSVERWAHRUNG!"
Solche Zeilen beruhigen. Die Ordnung ist wiederhergestellt, der Unhold ist von der Straße.
"DAS SCHLÄCHTERMONSTER ENDGÜLTIG WEG VOM FENSTER - KINDER KÖNNEN WIEDER OHNE ANGST SPIELEN!"


Alles ist einfach viel zu schön, um wahr zu sein.
Glauben sie mir bitte: die wirklichen Monster sitzen nach wie vor draussen, draußen vorm Fernseher, in ihren Familien - und manchmal erzählen sie ihren Kindern auch eine Gute-Nacht-Geschichte...



Kommentare

info@storyparadies.de schrieb:
Ich finde "Gott im Park" ist ein wirklich mutiger Blick in die seelischen Abgründe eines kranken Täters, ich habe bisher nur ganz selten einen Autor gefunden, der es wagt einen Täter so eindringlich zu skizzieren. Bravo

Liebe Grüsse

Marina
Nakoruru@gmx.de schrieb:
die geschichte kommt mir sehr bekannt vor. hab sie schon mal auf einer anderen seite gelesen also ist sie nicht selbst ausgedacht von dir. mfg yvonne

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