Grüße aus dem Jenseits
von
Phantom
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Grüße aus dem Jenseits
Seit Sven Krämer begonnen hatte, mit den Toten zu reden, ging es in seinem Leben wieder bergauf. Unermüdlich hetzte er von Auftrag zu Auftrag - allein heute standen drei Hausbesuche an. Ohne Fleiß kein Preis.
Er räusperte sich wie ein Theaterschauspieler kurz vor einem großen Auftritt, als er den Klingelknopf drückte. Das Messingschild an der Tür verriet in verschnörkelten Buchstaben, dass hier die Familie Polke wohnte. Oder besser gesagt Mutter Polke, das einzige verbliebene Familienmitglied.
Er hörte schwere, schleppende Schritte in der Wohnung.
Die Tür wurde geöffnet, und im ersten Augenblick wusste Krämer nicht, ob er einem Mann oder einer Frau gegenüberstand. Die Person, die ihn von oben bis unten musterte und dabei keine Miene verzog, hatte kräftige Schultern und ein aufgedunsenes Gesicht - teigige Haut spannte sich über einen breiten Schädel mit markanten Wangenknochen. Der schmale Mund, das wuchtige Kinn und die buschigen Augenbrauen wirkten maskulin, doch der Lippenstift, der etwas nachlässig über die dünnen Lippen gemalt worden war, sowie das hoffnungslos altmodische Kleid ließen den Rückschluss zu, dass es sich hier um eine Frau handelte.
Mutter Polke.
Sie war korpulent, um nicht zu sagen fett. So fett, dass sich ihre Speckrollen wie übereinander gestapelte Schlauchboote unter dem Kleid abzeichneten.
„Guten Tag, Frau Polke. Ich bin Sven Krämer.“
Er bemühte sich, seine Stimme männlich-herb und doch zugleich sensibel klingen zu lassen. Sein Äußeres machte nicht viel her, aber seine Art zu sprechen wirkte auf Frauen jedweden Alters ausgesprochen anziehend.
Gertrud Polke nickte, und endlich hoben sich ihre Mundwinkel zu einem scheuen Lächeln. Sie reichte ihm die Hand. „Schön, dass Sie da sind. Kommen Sie bitte herein.“ Ihre Stimme, die Krämer bereits vom Telefon her kannte, wirkte leise und unsicher, ganz anders, als ihr Äußeres vermuten ließ.
Krämer betrat den Flur des bescheidenen Häuschens und hätte am liebsten auf der Stelle kehrtgemacht. Die Luft war muffig und verbraucht. Gerüche vom Essen mischten sich mit dem Dunst von Alkohol und dem stechenden Aroma von Schweiß. Er vermutete, dass die Räume tagelang nicht ordentlich gelüftet worden waren.
Derartige Nachlässigkeiten waren bei Menschen, die gerade erst einen geliebten Angehörigen verloren hatten, nicht ungewöhnlich. Die schmerzvolle Realität des Todes löste bei den Hinterbliebenen oft Lethargie und Unachtsamkeit aus. Traurig, traurig.
Aber wozu gab es ihn, Sven Krämer, den Mittler zwischen den Welten, den großen Brückenbauer zwischen dem Diesseits und dem Jenseits? Er verwandelte Trauer in Hoffnung, Schmerz in Zuversicht und Verzweifelung in Frohlocken. Natürlich sprach er nicht wirklich mit Verstorbenen, aber seine Rolle als Medium wusste er überaus glaubwürdig zu inszenieren. Sein erster größerer Auftritt im Nachmittagsprogramm eines Privatsenders lag jetzt ein halbes Jahr zurück. Er hatte mit verschiedenen Talkshow-Redaktionen Kontakt aufgenommen und beharrlich mit seinen medialen Fähigkeiten geprahlt. Schließlich hatte man ihm erlaubt, bei Kai um Drei aufzutreten und einen verzweifelten Rentner mit seiner früh verstorbenen Tochter sprechen zu lassen. Tausende von Anrufen und E-Mails ergriffener Zuschauer waren daraufhin beim Sender eingegangen.
Zwei weitere Auftritte im Regionalfernsehen waren gefolgt, dazu eine Reihe von Interviews in Zeitungen und Magazinen, Auftritte auf Esoterik-Messen und natürlich etliche Besuche bei verzweifelten Hinterbliebenen.
Um seine Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden, lehnte es Krämer in der Regel kategorisch ab, für seine Dienste bezahlt zu werden. Dennoch drängten ihm viele zufriedene Kunden eine Belohnung geradezu auf, und eine alte Dame hatte ihn nach einem erfolgreichen Versöhnungsgespräch mit ihrem zwanzig Jahren zuvor verblichenen Gatten sogar als Alleinerben ihres mehr oder weniger stattlichen Vermögens vorgesehen.
Der Dialog mit den Toten war ein zukunftsträchtiges Geschäft. Krämer kannte Kollegen, die mit ihren Live-Darbietungen große Hallen füllten – zu gepfefferten Eintrittspreisen. Schon bald, daran gab es keinen Zweifel, würde auch er ein etabliertes Star-Medium sein und Eintrittskarten, Bücher und DVDs in immensen Stückzahlen verhökern. Doch bis es soweit war, musste er noch ein wenig durch die Haushalte tingeln, um die Basis für seinen Ruhm zu verbreitern. Die meisten zufriedenen Kunden empfahlen ihn sofort weiter. Auch Mutter Polke würde dies tun, wenn er sich jetzt keine Fehler erlaubte.
Sie führte ihn in ein winziges Wohnzimmer. Die mit bordeauxrotem Stoff bezogenen Polstermöbel waren schlicht und sauber. Auf dem Couchtisch lag eine Ausgabe der GALA. Vergeblich versuchte Krämer, die Titel der wenigen Bücher zu erkennen, die in der rustikalen Eichewand standen. Es war immer von Vorteil, so viel wie möglich über die Eigenarten und Vorlieben seiner Kunden in Erfahrung zu bringen. Gertrud Polke wies ihm einen der Sessel zu, und Krämer versank förmlich in dem ungewöhnlich weichen Sitzpolster.
„Möchten Sie Tee oder Kaffee?“, fragte sie, während ihr Blick auf den Teppich gerichtet war.
Sie sieht mich nicht an. Wahrscheinlich aus Verlegenheit. Sie ist nicht sehr souverän im Umgang mit Fremden.
„Kaffee, bitte.“
Während sie in der Küche verschwand, sortierte Krämer gedanklich die Fakten, die er im Vorfeld ermittelt hatte.
Gertrud Polke: 49 Jahre alt, Fleischfachverkäuferin, Halbtagsjob, verwitwet.
Ehemann Theo: Schlosser, lange arbeitslos, schwerer Alkoholiker, hat vor sechs Monaten den Löffel abgegeben.
Sohn Rainer: Auszubildender, tödlicher Motorradunfall vor knapp vier Wochen. Wurde nur 18 Jahre alt.
Mutter Polke hatte am Telefon erklärt, dass sie vor allem an einem Gespräch mit ihrem Sohn interessiert war. Zu Lebzeiten ein netter, durchaus beliebter junger Mann, wie Krämer wusste. Er war gerade erst von zu Hause ausgezogen, als sich das Drama auf der A7 ereignete. Der Zusammenstoß mit einem Reisebus, der plötzlich aus seiner Spur ausscherte. Krämer hatte unter einem Vorwand mit Rainers ehemaligen Mitschülern, Kollegen und Freunden telefoniert und sich schlau gemacht. Außerdem hatte er Fotos des Verunglückten aufgetrieben. Gute Vorbereitung war der halbe Erfolg. Allerdings konnte jeder noch so kleine Fehler die Illusion sofort zunichte machen – mit unkalkulierbaren Folgen.
Es dauerte nicht lang, bis die Gastgeberin wieder erschien und eine große Tasse Kaffee sowie Milch und Zucker auf den Couchtisch stellte. Krämer bedankte sich brav und goss so viel Milch in den Kaffee, dass die Tasse beinahe überlief. Dann nahm er einen vorsichtigen Schluck und nickte zufrieden.
Gertrud Polke schob einen zweiten Sessel heran und setzte sich Krämer genau gegenüber. Sie sank noch tiefer ein als ihr Gast, und das Sitzmöbel protestierte mit einem unheilvollen Ächzen und Knarren.
„Frau Polke, zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich mit Ihrem Anliegen an mich gewandt haben. Es ist sicherlich nicht leicht, sich einem
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Kommentare
Phantom schrieb am 2007-01-07 16:07:40:
Hallo Petra, vielen Dank für deinen Kommentar. Freut mich sehr, dass dir die Geschichte zusagt.
LG, Phantom
Petra.Koch@Literarisches-Kaleidoskop.de schrieb am 2007-01-05 16:55:33:
Die Geschichte ist gut geschrieben, schöner sprachlicher Ausdruck, spannend, der Mittellteil zum schmunzeln und das Ende nicht ganz voraussehbar. Prima. Ganz so wie ich Geschichten mag. Weiter so!
Liebe Grüße Petra
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