Haare
von
enibukaj
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Haare
Ich erinnere mich genau an ihre Haare. Sie waren kurz und braun. Als ich in den Kindergarten kam hing von der rechten Seite ein kleiner afrikanisch geflochtener Zopf. Nur an einer Haarsträne und er schmiegte sich an ihre Schulter. Dann wurden sie kurz und rot. Manchmal haben wir uns gestritten, mussten uns aber bald wieder vertragen. Es kam ein neuer Mann in ihr Leben. Da wurden ihre haare wieder dunkelbraun. Der Mann wechselte zu einer anderen Frau. sie wechselte die Haarlänge. Länger sollten sie sein. Wir waren eine tolle Zeit lang nur zu zweit. Dann kam ein anderer M0ann. Diesmal mit Hund Oscar. Den Hund fand ich toll. Sie fand den Mann noch besser. Mit der liebe wurden ihre Haare wieder kurz. zu ,,tantenmäßig’’ waren jetzt die Langen. Zu dem kurz kam noch die Farbe Obergine. Sie sah wirklich toll aus. Bei ihrer Hochzeit passte der Rock farblich zu den kurzen obergine farbenen Haaren. Ein neues Haus, neue Nachbarschaft und neue Freunde ließen sie ihre Haare noch einige male verändern. Dann ging ich fort um alleine zu wohnen. Eine spannende Zeit bis ich an einem Wochenende gebeten wurde dich zu besuchen.
Ich sitze also in der Bahn und habe ein komisches Gefühl im Magen. Ich kann dir nicht erklären wo es herkommt. Ich komme an und mein Stiefvater holt mich am Bahnhof ab. Er verhält sich völlig normal also vergesse ich das komische Gefühl. Wir freuen uns, dass wir uns wieder sehen. Du hast gekocht und ich habe großen Hunger. Wir sitzen zu dritt am Tisch und essen, ich bin völlig konzentriert auf meinen Teller. Aber irgendwas bringt mich dazu dich anzuschauen. Du siehst mich an. Seltsam. Besorgt. Traurig.
Deine Haare Glänzen im Schein der Tischlampe.
Was ist hier los?
Ich sage nichts. Du auch nicht . Wir essen weiter. Beim Abräumen denke ich mir, dass ich mir diesen Blick wohl eingeredet habe und fange an von meiner Woche zu erzählen. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendjemand zuhört und werfe einen blick aus der Küche. Da sitzt du, dein Mann steht neben dir und ihr schaut euch an. Ich höre auf zu reden weil ich weiß dass es jetzt passiert. ,,Kommst du mal her und setzt dich hin? Wir müssen mit dir reden!’’ Deine Worte treffen mich wie ein elektrischer schlag. Ich kann nichts fühlen. Dann möchte ich schreien und weinen und die ganze Welt verfluchen.
Ich sitze in der Bahn. Fahre wieder nach hause. Weg von dir. Darf ich das? Darf ich eine Frau die Brustkrebs hat einfach verlassen? Klar, du hast gesagt alles nicht so schlimm. aber das ändert nichts an der erschreckenden Tatsache. Ich will zurück weiß aber gleichzeitig, dass du das nicht wollen würdest. So sitze ich da. Weiß nicht wohin mit mir und überlege was ich jetzt machen soll. Ich entwerfe mir verschiedene Möglichkeiten. Ich könnte einerseits den Kopf verlieren, vor Sorge zusammenbrechen und alle damit verrückt machen. Ich könnte aber auch daran glauben, dass alles gut wird. Ich entscheide mich für die zweite Variante. Diese Frau kann nicht sterben, sie darf nicht sterben. Du darfst nicht sterben!
Es ist unvorstellbar, dass du einfach weg sein könntest. Die meisten Menschen kennen die Bedeutung von unvorstellbar nicht. Ich kenne sie jetzt. Ich steige aus der bahn aus, atme tief durch und gehe nach Hause.
Rational erzähle ich Verwandten und Freunden von diesem Drama uns lasse mich drücken und bemitleiden. Ich selber fühle Nichts. Ich will nichts fühlen. Ich warte bis sie fertig sind und gehe. Nach Hause ans Telefon. Du erzählst mir von der Op. Sie mussten dir eine Brust doch ganz abnehmen. Ich bekomme einen Schreck, atme durch und falle wieder in meine gewohnte Haltung zu diesem Thema zurück. Unterdrücke meine Angst und versuche ruhig und aufmunternd zu sein. Du fragst mich, wie ich damit klar komme. Ich sage es sei alles in Ordnung. Ich finde es unglaublich mit welcher Kraft du all das aushälst. Du wirkst stark und entschieden nicht aufzugeben. Du witzelst und meinst, dass die Chemo wenigstens eine gute Sache mit sich bringt. Die meisten Frauen, erzählst du mir, bekommen nach der Chemo
lockige Haare.
Darauf freust du dich wirklich. Ich...Ich weiß nicht was los ist. Wieso brichst du nicht zusammen? Du hast Krebs. Eine Krankheit die tötet. Man hat dir eine Brust genommen. Das Merkmal deiner Weiblichkeit. Ich verstehe nicht wie du das durchhälst.
An diesem Abend breche ich das erste Mal zusammen. Ich heule mich in den Schlaf und versuche mir eine Welt ohne die wichtigste Person in meinem Leben vorzustellen. Morgens wache ich auf und sehe furchtbar aus. Verquollene Augen und ein angeschwollenes, gerötetes Gesicht. Auf bohrende Fragen antworte ich mit einer Allergie auf eine Seife. Keiner braucht zu wissen, dass ich nicht stark bin. Wir telefonieren oft, du erzählst mir, wie viel du dir vorgenommen hast, um deinen Körper während der Chemo- - Therapie zu unterstützen. Akkupunktur, Ernährungsumstellung, viel Ruhe und übel-riechende chinesische Tees. Wir lachen sogar ein bisschen. Ich lege auf. Ich versuche mich auf die Schule zu konzentrieren aber es klappt nicht wirklich. Ich fange an mich aufzuregen und schmeiße die Sache für heute hin. Ich komme dich wieder besuchen. Du hast mir zwar erzählt wie du jetzt aussiehst aber der Anblick trifft mich trotzdem.
Deine Haare sind weg.
Die paar die dir geblieben sind sehen verkümmert aus. Du siehst aus wie ein lebendes Gespenst. Blass, viel zu dünn, eingefallen. So habe ich dich noch nie gesehen. Du warst immer die starke Frau, die Nichts so leicht umhaut. Ich bin geschockt aber ich behalte es für mich. Ich versichere dir, dass es nicht schlimm aussieht und dass es hundert Möglichkeiten gibt seinen Kopf auch anders zu bedecken.
In den Ferien bin ich bei dir. Ich gehe einkaufen. Dir geht es zu schlecht um mitzukommen. Wir versuchen öfter spazieren zu gehen. Dir geht es zu schlecht um weit zu laufen. Ich versuche dich aufzuheitern. Das funktioniert. Ich begleite dich zu all deinen Ärzten, aus jeder medizinischen Richtung die man sich vorstellen kann. Ich lege dich zum Mittagsschlaf hin und wecke dich wenn es Zeit ist zu essen. Dann muss ich wieder gehen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, kann nicht schlafen, fühle mich müde und erschöpft. Dann endlich, nach Monaten, hast du Alles überstanden. Die Chemo ist vorbei. Du hast die Tage gezählt und bestimmt mehr dabei gelitten als du mich hast spüren lassen. Mir geht es immer noch nicht besser. Ich renne zum Frauenarzt um mir versichern zu lassen, dass mit mir alles in Ordnung ist. Es geht aufwärts mit dir. Du wirst wieder aktiv. Meine Angst bleibt. Die Sorgen auch. Sie entdecken etwas an deiner Leber und wollen sicher gehen. Mir bleibt fast das Herz stehen.
Sie sind sich sicher. Es ist nichts Schlimmes. Am Wochenende vor deiner Reha komme ich dich wieder besuchen. Du siehst besser aus. Ich erzähle dir von meiner Angst. Du nimmst mich an der Hand und zeigst mir ein Bild mit einem Spruch darauf. Dieses Bild hängt seit ich denken kann an deiner Wand. Egal wo wir wohnten es hing immer da.
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Kommentare
Gimliy schrieb am 2008-08-10 00:08:04:
Verdammt, das ist echt sehr berührend. Ich Kann jeden nur bewundern, der in so schlimmen Zeiten stark bleiben kann.
Alles Glück für euch: Gimliy
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