Half Bunny
von
CommanderHansTier
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Sie fühlte sich schwerelos und unglaublich leicht. Gleichmäßig und langsam atmete sie ein und spreizte die Finger und Zehen, um die Leichtigkeit in sich aufzunehmen. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Und sie erinnerte sich wieder. In einem zylindrischen Tank aus durchsichtigem Glas schwebte sie in einer durchsichtigen Flüssigkeit. Mit Schläuchen in den Adern und einer Atemmaske. Sie wusste nicht, ob es Tag oder Nacht war, oder wie lange sie schon hier war. Zu lange war sie schon hier gefangen. Außerhalb des Tanks war ein Raum mit weißen Wänden und weißer Decke. Überall waren große Geräte, vollgestellte Tische und Regale. Männer und Frauen in weißen Kitteln liefen umher, machten Notizen oder arbeiteten an leuchtenden Bildschirmen. Doch sie war anders als diese Männer und Frauen. Deshalb war sie auch in diesem Tank gefangen, seit Anbeginn ihrer Zeit.
Es geschah immer das Selbe. Männer und Frauen kamen und gingen. Sie machten sich Notizen, arbeiteten an irgendwelchen Geräten. Niemand hatte einen freundlichen Blick für sie in ihrem Tank übrig. Immer nur ein kurzer Blick der Überzeugung, dass sie nicht weglaufen würde. So war es immer gewesen. Immer, wenn sie die Augen öffnete, fiel ihr all dies wieder ein. Sie fühlte sich einsam und verlassen, abgeschottet von allem Leben in einer endlosen Stille.
Doch nun änderte sich alles. Während sie wach war, begann der Raum zu beben. Teile fielen von der Decke. Die Männer und Frauen rannten panisch zum Ausgang. Einige schafften es, andere nicht. Die herunterfallenden Deckenplatten erschlugen zwei Frauen und drei Männer wurden von einem viel zu schnell herunter fallenden Stützträger zerquetscht. Hinter dem Träger züngelte eine Stichflamme hinterher. Dann bebte der Tank selbst und ein weiterer Träger brach durch die Glaswand und zerfetzte die Schläuche über ihr. Der Tank explodierte nach außen und eine Welle aus Glassplittern und Flüssigkeit ergoss sich über den Boden. Sie hockte auf dem Boden ihres ehemaligen Zuhauses, zog sich die Schläuche aus den Armen und riss die Atemmaske herunter. Sie atmete tief ein und musste sofort husten. Keuchend und würgend spuckte sie einen Schleimklumpen aus und schloss für einen Moment vor Übelkeit die Augen. Zitternd erhob sie sich und betrachtete sich zum ersten mal selbst. Sie war keine von den anderen, die geflohen waren. Sie hatte keine blasse Haut, haarlos und weiß. Hellbraunes Fell klebte an ihrem nackten Körper. Vorsichtig tapste sie vorwärts. Vor einem gesprungenen Spiegel blieb sie stehen. Eine sonderbare Gestalt blickte zurück. Sie sah zwar vom Grundaufbau wie die Männer und Frauen aus, die sie immer gesehen hatte, doch war sie anders. Es war nicht nur das Fell. Ihr Kopf hatte statt eines menschlichen Mundes eine lang gezogene Schnauze wie die eines Hasen. Langes, hellblaues Haar fiel von ihrem Kopf und zwei Hasenohren ragten nach oben. Auf der Rückseite hatte sie einen Stummelschwanz, ebenso wie Hasen. Ihre Brüste waren groß und fest, die Scheide zwischen den Beinen sogar durch das Fell zu erkennen. Sie blickte zurück in den verwüsteten Raum. Alles lag still da. An einer Maschine blinkte ein Licht und auf dem Bildschirm leuchtete etwas immer wieder auf. Vorsichtig ging die Häsin zur Maschine. Auf dem Bildschirm waren zwei senkrechte Striche und dazwischen war der Umriss eines Wesens mit langen Ohren, der rot blinkte. Darüber stand mit weißen Buchstaben SARI-Unit. Zögernd legte die Häsin ihre Hand auf den Schriftzug. „Ist das mein Name?“ flüsterte sie leise. „Sari?“
Sie betrat den Gang vor ihrem ehemaligen Zuhause. Irgendwo heulte eine Warnsirene und links von ihr drehte eine rote Warnlampe monoton ihre Runden und tauchte den Gang in ein unheimliches Licht. Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte, links oder rechts, oder ob sie überhaupt gehen sollte. Doch irgendetwas tief in ihr sagte ihr, dass sie gehen musste. Schließlich wandte sie sich nach rechts, von dem unheimlichen Licht weg und lief den Gang entlang. Zu beiden Seiten waren Türen, doch sie beschloss, keine davon zu beachten. Der Gang mündete in einen Pausenraum. Hier lag ein halbes Dutzend der Männer und Frauen mit weißem Kittel verstreut. Sie waren gestorben durch heruntergefallenen Deckenteile. Einer von ihnen war von einem Süßigkeitenautomaten erschlagen worden. Ganz am Rand, bei der nächsten Tür, entdeckte sie einen weiteren Toten. Dieser trug bläuliche Kleidung und darüber eine dicke schwarze Weste. Neben ihm lag etwas auf dem Boden. Es war klein, schwarz und unscheinbar. Vorsichtig hob die Häsin es auf. Sie wusste sofort, was es war. Zwar konnte sie sich nicht erklären, woher sie es wusste, aber sie wusste, es war eine Pistole.
Die Gänge und Korridore waren verlassen. Mit der Pistole im Anschlag schlich Sari durch den Komplex, was immer es auch sein mochte. Alles war leise und still, nirgendwo war etwas lebendiges zu sehen. Und in ihr bohrten Fragen. Wer war sie? Was war sie? Wo war sie? Warum war sie so, wie sie war? Sie wusste es nicht. Doch sie wusste, wenn sie weiter ging, würde sie die Antworten finden. Vor ihr lag eine Tür. Sie hatte keine Klinke, doch daneben war ein Zahlenschloss. Zaghaft tippte Sari eine willkürliche Kombination ein. Ein entmutigendes Geräusch ertönte und eine Stimme sagte „Zugang verweigert!“ Mit leichter Wut schlug sie mit dem Kolben der Waffe auf das Zahlenfeld. Ein positives Klicken ertönte und die Tür schob sich zischend auf. Dahinter lag ein gut drei Meter breiter und zwanzig Meter langer Steg. Darunter war nichts als Schwärze. Der Raum war groß und beinhaltete neben dem Steg noch einen langen Metallstrang, der durch die Mitte des Raumes verlief und auf beiden Seiten in dunklen Gängen verschwand. Der Steg endete einen Meter vor dem Metallstrang. Sari lief den Steg entlang und stand dann vor dem Abgrund, und blickte hinunter. Die Schwärze schien grenzenlos hinab zu reichen. Sie ging in die Knie und sprang auf den Metallstrang. Sie sprang höher als sie erwartet hatte und wäre beinahe in die Tiefe gestürzt. Im Sprung drehte sie sich herum und landete gerade noch auf dem vielleicht zwanzig Zentimeter breiten Metallstrang. Als sie ihn jetzt näher betrachten konnte, fiel ihr auf, dass er mit schrägen Linien, schwarz und gelb abwechselnd, bemalt war. In der Mitte war eine kleine Vertiefung, die dem Verlauf des Strangs in beide Richtungen folgte. Nun hatte sie wieder zwei Möglichkeiten und musste sich für eine entscheiden. Sie überlegte einige Zeit und lauschte. Von der linken Seite aus spürte sie einen sanften Luftzug. Sie wandte sich in die Richtung und bewegte sich im Laufschritt auf dem Strang entlang in die Dunkelheit. Es war keine vollständige Dunkelheit. Immer wieder sorgten Deckenlampen für etwas weißes, kaltes Licht. Der Boden war jetzt einen Meter unter ihr und der Metallstrang war mit dem Boden über mehrere dicke Betonsockel verbunden. Nach einiger Zeit erreichte sie einen weiteren großen Raum mit bodenlosem Abgrund. Dieser hatte neben dem Strang, auf dem sie lief, noch einen
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