Heim der Hundertjährigen
von
Eva Markert
Mit langen Strahlenfingern tastete die Sonne durch die apfelsinenfarbigen
Vorhänge über die schmächtige Gestalt der schlafenden Greisin. Sie
streichelte ihre knotigen Hände, strich ihr sacht die schlaffen Arme
entlang, ließ ihr schütteres weißes Haar wie Perlmutt aufschimmern, wärmte
ihr bleiches Gesicht und ließ leuchtende Kringel auf dem braunen Linoleum
tanzen.
Die alte Frau bemerkte von alledem nichts. Erst als die Zimmertür mit einem
Ruck geöffnet wurde und die Schwester resolut wie immer hereinpolterte,
öffnete sie ihre halbblinden Augen zu Schlitzen und blinzelte ins Licht.
"Guten Morgen, Frau Schulz!" rief Schwester Carola mit ihrer lauten Stimme
und riss mit einem Ratsch die Vorhänge auf. "Heute ist ja Ihr großer Tag!
Deshalb wollen wir Sie schnell ganz besonders hübsch machen." Sie sprach
langsam und deutlich, denn Berta Schulz konnte ohne ihr Hörgerät fast nichts
mehr verstehen.
Nach einer Weile saß die alte Frau mit frisch gewaschenen Haaren und in
ihrem schönsten Festtagskleid am Tisch. Darüber hatte ihr die Schwester wie
immer einen großen Latz aus weißem Frotteestoff gebunden.
Als sie in ihrem Rollstuhl in den Esssaal hin-eingefahren worden war, hatten
alle geklatscht, gelächelt und ihr gratuliert, so als ob sie heute schon
Geburtstag hätte. Vergessen schienen all die hässlichen Gerüchte und
Verdächtigungen, die seit Agathes Tod die Runde gemacht hatten. Agathe war
gestürzt und kurz darauf im Krankenhaus verstorben. An einem
Oberschenkelhalsbruch, hieß es. Was hatte man sich nicht alles erzählt! Dass
Berta Agathes Tabletten versteckt oder sie vertauscht hätte und Agathe
deshalb schwindlig geworden wäre. Dass sie stürzte, weil Berta ihr
absichtlich ein Bein gestellt oder ihr ein Hindernis in den Weg gelegt
hätte. Dass sie Agathe aus dem Weg räumen wollte, nur um ihren eigenen
Geburtstag zu einem großen Ereignis werden zu lassen.
"Es ist tatsächlich merkwürdig", dachte Berta. "Jetzt werde ich gefeiert,
aber nur, weil Agathe gestorben ist." Sie hatte ein ungutes Gefühl. Deutlich
spürte sie, dass überall unter der Oberfläche noch Neid und Misstrauen
gärten.
Seufzend schob sie ihren Teller mit dem Marmeladenbrot beiseite, das
Schwester Carola ihr in mundgerechte Bissen zurechtgeschnitten hatte. Ihr
war gar nicht nach Essen zumute. Vorsichtig nahm sie einen Schluck Tee. Als
sie ihre Schnabeltasse aus Plastik wieder absetzte, zitterten ihre Hände
noch stärker als sonst.
In diesem Augenblick kam die Heimleiterin die Tür in den Esssaal
hereingerannt. "Schwester Carola!" rief sie aufgeregt. "Schnell! Bringen Sie
Frau Schulz sofort auf ihr Zimmer! Die Reporter sind gerade angekommen."
Mit fliegenden Fingern nahm Schwester Carola Berta den Latz ab. In der Mitte
hatte er einen großen roten Marmeladenklecks mit mehreren braunen Spritzern
darum herum. "Habe ich diese Flecken gemacht?" fragte sich Berta verwundert.
Sie hatte gar nichts bemerkt.
Ihr Zimmer war noch leer, als sie dort ankamen. Schwester Carola stellte sie
am Fenster bei der Sitzgruppe ab. Schnell richtete sie ihr noch einmal das
Haar. Als es an der Tür klopfte, setzte sie ihr allerfreundlichstes Lächeln
auf.
Die Heimleiterin führte zwei Männer herein. Einer der beiden hatte eine
Kamera bei sich.
"Frau Schulz, dies sind die Herren von der Morgenpost", stellte die
Heimleiterin sie vor. Die beiden Männer nickten ihr zu. Berta sah zu ihrem
Erstaunen, dass der Mann mit der Kamera trotz seiner grauen Haare einen
richtigen langen Pferdeschwanz hatte.
Dann wandte die Heimleiterin sich an die Reporter. "Und das ist unsere Frau
Schulz", stellte sie Berta feierlich vor.
Berta musste plötzlich laut lachen. "Unsere Frau Schulz", hatte die
Heimleiterin gesagt. Die Männer sahen sie befremdet an.
"Frau Schulz", fuhr die Heimleiterin fort, "die beiden Herren wollen Ihnen
jetzt ein paar Fragen stellen. Aber bitte, meine Herren, nehmen Sie doch
Platz!"
Die Männer setzten sich, und auch die Heimleiterin zog sich einen Stuhl
heran. Schwester Carola stand noch einen Augenblick unschlüssig herum, dann
glitt sie aus dem Zimmer und schloss geräuschlos die Tür hinter sich.
Berta lächelte in sich hinein. Sie fühlte sich wichtig. Sicher würden
die anderen sie jetzt beneiden! Besonders diese Frau... diese Frau... Wie
hieß sie noch gleich? Berta fiel der Name nicht ein. War es nicht Lange?
Der eine Mann zog einen Block hervor und begann. "Frau Schulze", sagte
er, "Ihre Mitbewohnerin ist ja leider kürzlich verstorben, und daher sind
Sie nun die älteste Einwohnerin der Stadt. Wie alt war Ihre Konkurrentin -
wenn ich mal so sagen darf - und wie alt sind Sie?"
Der Mann mit dem Pferdeschwanz stand wieder auf und betrachtete Berta
prüfend von allen Seiten durch seine Kamera.
"Frau Schulz wird morgen hundertzwei Jahre alt", antwortete die Heimleiterin
so stolz, als ob das allein ihr zu verdanken wäre. "Frau Schneider wäre in
ein paar Tagen 103 geworden. Vielleicht darf ich noch hinzufügen, dass in
unserem Heim
überdurchschnittlich viele Hochbetagte leben. Darüber soll demnächst
übrigens auch im Regionalprogramm des Fernsehens und im Radio berichtet
werden. Frau Lange, unsere Zweitälteste, ist zum Beispiel schon 101 Jahre
und 7 Monate alt, und wir haben noch einen Hundertjährigen und mehrere
Bewohner, die schon weit über 90 sind. "
"102/103 - viele Alte" schrieb der Reporter auf seinen Block. "Und wie lange
lebt Frau Schulze schon hier in diesem Heim?" erkundigte er sich dann.
"Seit fast fünfundzwanzig Jahren", antwortete die Heimleiterin.
"Hatte sie von Anfang an dieses Zimmer?" wollte der Fotograf wissen und sah
sich um.
"Zunächst wohnte Frau Schulz mit Frau Schneider in einem geräumigen
Doppelzimmer", erklärte die Heimleiterin. "Aber an Frau Schneiders
neunzigstem Geburtstag konnten beide Damen in ein Einzelzimmer umziehen.
Nicht wahr, Frau Schulz, das war damals eine schöne Überraschung?" rief sie
Berta ins Ohr.
Berta zuckte zusammen. Die Stimme der Heimleiterin wurde durch das Hörgerät
um ein Vielfaches verstärkt und vibrierte unerträglich laut in ihrem Kopf.
Ja, sie erinnerte sich noch genau, wie froh sie damals gewesen war. Die
langen Jahre mit Agathe in einem Zimmer waren alles andere als leicht
gewesen.
"Nicht wahr, Frau Schulz?" wiederholte die Heimleiterin.
Berta war verwirrt. Was meinte die Heimleiterin jetzt? Aber sie nickte
pflichtschuldigst.
"Und wie geht es Ihnen gesundheitlich?" wandte sich der Reporter an Berta.
"Frau Schulz hat ein bisschen Schwierigkeiten mit den Augen und Ohren ...",
erklärte die Heimleiterin.
"Und die Beine wollen auch nicht mehr so richtig!" rief Berta dazwischen.
"... aber abgesehen davon ist sie körperlich und geistig voll auf der Höhe",
vollendete die Heimleiterin ihren Satz.
"Wie verbringen Sie denn Ihre Tage hier?" wollte der Reporter wissen. "Haben
Sie Hobbys? Lesen Sie zum Beispiel unsere Zeitung? Sehen Sie oft fern? Haben
Sie viele Freunde im Heim? Bekommen Sie regelmäßig Besuch?"
Das waren zu viele Fragen auf einmal. Berta musste erst einmal nachdenken.
Ja - wie verbrachte sie eigentlich ihre Tage? Es war nicht so einfach, die
Zeit herumzubringen, wenn man kaum noch hören und sehen, geschweige denn
laufen konnte.
"Es gibt in unserem Haus sehr viele Aktivitäten für die Bewohner", erzählte
die Heimleiterin. "Konzerte und Lesungen zum Beispiel, Ausstellungen oder
Bastelnachmittage, und regelmäßig einmal im Monat veranstalten wir einen
bunten Abend. Gele-gentlich findet auch ein Tanztee für die alten Leute
statt, oder wir machen mit einer kleineren Gruppe Ausflüge in die nähere
Umgebung. Das alles kommt bei unseren Bewohnern sehr gut an, nicht wahr,
Frau Schulz?"
Berta hatte kaum etwas verstanden, aber sie nickte wieder. Die Situation
begann, ihr über den Kopf zu wachsen.
"Morgen werden Sie also 102 Jahre alt", sagte der Reporter. "Wie wird der
älteste Mensch der Stadt diesen Ehrentag begehen? Wollen Sie ihn groß feiern
oder lieber nur im kleinen Kreis? Mit der Familie oder mit den anderen
Heiminsassen?"
Berta wurde unruhig. Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht.
Hätte sie das nicht eigentlich schon längst tun müssen?
Eins war allerdings sicher: viel Besuch würde sie nicht bekommen. Ihre
Tochter war schon vor einigen Jahren gestorben, und ihre beiden Enkel
wohnten weit entfernt. Der eine schrieb ihr ab und zu, und eine Schwester
las ihr dann seinen Brief ein- oder zweimal vor. Aber telefonieren konnte
Berta nicht mehr mit ihm. Dazu war ihr Gehör zu schlecht. Ihre Urenkel
kannte sie kaum. Sie würde sie wahrscheinlich noch nicht einmal erkennen.
Berta merkte plötzlich, wie die Heimleiterin ihr die Hand tätschelte. "Wir
haben uns schon etwas Schönes für Sie ausgedacht ", sagte sie geheimnisvoll.
"Und sicher werden auch viele Leute den ältesten Menschen der Stadt
beglückwünschen wollen. Höchstwahrscheinlich kommt sogar der Bürgermeister
zum Gratulieren ..."
Berta seufzte. Dass der Bürgermeister kommen wollte, machte ihr auf einmal
richtiggehend Angst. Sie fühlte sich plötzlich restlos überfordert.
"Nun wollen wir Sie aber nicht länger stören, Frau Schulze", sagte der
Reporter zum Glück gerade und stand auf. "Morgen können Sie wahrscheinlich
den Bericht über sich in unserem Blatt lesen." Und damit reichte er ihr die
Hand zum Abschied. Der Fotograf mit dem grauen Pferdeschwanz schoss noch ein
letztes Bild. Dann fiel endlich die Tür hinter ihnen und der Heimleiterin
zu.
Berta atmete auf. Sie war todmüde. Und zum ersten Mal bereute sie. Zum
Beispiel bereute sie, dass sie dem ganzen Rummel überhaupt zugestimmt hatte.
Angst und bange wurde ihr beim Gedanken an ihren morgigen Geburtstag. Wenn
sie geahnt hätte, wie anstrengend es war, Hauptperson zu sein!
Am nächsten Morgen gab ihr Schwester Carola nach dem Gratulieren als erstes
die Zeitung und reichte ihr die Leselupe.
Der Bericht stand gleich auf der ersten Seite des Lokalteils. Ein großes
Foto zeigte die Heimleiterin, wie sie lächelnd neben Bertas Rollstuhl stand
und ihr die Hand auf die Schulter legte. "Heim der Hundertjährigen", lautete
die Schlagzeile, und darunter stand: "Älteste Bewohnerin der Stadt wird
heute 103."
"Das stimmt doch gar nicht!" dachte Berta erschrocken und las weiter.
"Heute begeht Frau Bertha Schulze, älteste Bewohnerin des Altenheims und
unserer Stadt, ihren hundertdritten Geburtstag", begann der kurze Artikel.
"Sie haben ja auch meinen Namen ganz falsch geschrieben!" dachte Berta
verärgert.
"Ihren Ehrentag wird sie im Kreise ihrer großen Familie begehen", hieß
es weiter. "Auch der Bürgermeister wird unter den Gratulanten sein."
"Große Familie?" fragte sich Berta bitter. Hatte die Zeitung sie
womöglich mit Agathe verwechselt? Die hatte tatsächlich eine große Familie
gehabt! Berta hatte sie immer darum beneidet.
"Frau Schulze liest auch heute noch jeden Tag unsere Zeitung", so
endete der Artikel. "Sie trinkt regelmäßig ihr Gläschen Wein und nimmt gern
an den vielen Aktivitäten des Altenheims teil."
"Über wen berichten die da eigentlich?" fragte sich Berta empört. Mit ihr
hatte der Artikel jedenfalls gar nichts zu tun!
Tränen der Enttäuschung brannten in ihren Augen, Tränen des Zorns, Tränen
der Ohnmacht. Warum nur hatte sie das alles getan? Was hatte es ihr
gebracht? Wozu hatte sie Agathe ihren Rollstuhl in den Rücken gerammt, so
dass sie gestürzt war? Wo-für war Agathe gestorben?
Vergebens. Es war alles vergebens.
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen