Heirate mich
von
Matthias Augustin
1
Dunkelheit umgab ihn, als er stehen blieb.
Die Büsche und Bäume waren erstarrt im vergeblichen Wachstum, von sorgfältiger Menschenhand bis zur Unkenntlichkeit zurechtgestutzt. Schritte knirschten auf dem Schotterweg, entfernten sich in die Dunkelheit. Eine Pforte quietschte gequält, dann war alles still.
Er sah auf den Boden vor dem Grabstein, dessen Inschrift er nicht mehr aus dem Kopf bekam. Die Buchstaben summten in seinen Gedanken, ließen ihn vor Furcht erstarren, lähmten seine Muskeln.
Er vergrub die Hände in den Jackentaschen, suchte darin nach Trost, bis er den Anhänger fand. Seine Finger umschlossen ihn und drehten ihn in der hohlen Hand.
Eine Eule schrie.
Er wünschte sich, sie wäre wieder da. Er wünschte sich, sie würde ihn umarmen, würde ihn mit ihrem strahlenden Lächeln anschauen, ihren Kopf an seinen Körper schmiegen, ihn liebkosen. Er wünschte sich, er könnte sie fest in seinen Armen halten, ihr Geborgenheit schenken, sich selbst mit ihr so sicher fühlen wie damals. Er wünschte sich, sie wäre nicht in einer engen Holzkiste in der nassen, kalten Erde begraben.
Wieder schrie die Eule.
Tränen liefen ihm übers Gesicht. Ein Wimmern drang aus seinem Inneren, bohrte sich durch seine Haut an die kalte Oberfläche. Er sog die beklemmende Luft in seine Lungen und ging in die Hocke.
„Du fehlst mir.“
Die Worte blieben unbeantwortet, ungehört von den Ohren, an die sie gerichtet waren.
Er schluchzte auf und fiel auf die Knie, berührte ihren Grabstein mit den Händen, nahm den Geruch feuchter Erde in sich auf.
Tränen tropften auf die Kerze, die einzige Lichtquelle in der Nähe – kein Vergleich zu ihrem strahlenden Lachen.
Mit den Fingern fuhr er die eingemeißelte Inschrift nach, lautlos die Lippen bewegend, während er in Gedanken ihre letzten Worte mitsprach.
Die Glocken des Kirchturms läuteten – elf Mal. Er war allein.
„Bitte vergib mir!“
Er liebte sie. Ihre eleganten Bewegungen, ihre Art zu sprechen, ihre Zähne, ihr Lachen.
Ihre großen, dunklen Augen.
Seit zwei Monaten lag sie in diesem dunklen, kalten Grab. Seit zwei Monaten war er allein, verzweifelt, hatte Sehnsucht, spürte die Kälte, die ihn in seiner Einsamkeit mit ihr vereinte.
Noch einmal fuhr er die Inschrift mit den Fingern ab, holte Luft, saugte sie ein.
Ein kalter Wind wehte über den Friedhof, erzeugte ein tiefes Heulen, ließ ihn erschauern.
Er stand auf und ging ohne sich noch einmal umzublicken.
Seine Schritte knirschten, die Pforte quietschte.
Er stieg in den Wagen und fuhr los. Seine neue Liebe wartete auf ihn, und er zitterte vor Freude, wenn er an sie dachte. An ihr strahlendes Lächeln, ihr großen Augen, ihre Eleganz und Zärtlichkeit.
Er hielt vor ihrem Haus. Hier wohnte sie. Er war schon oft hier gewesen, hatte sie besucht, so oft er konnte. Jedes Mal, wenn er sie sah, wusste er, dass sie für ihn da war. Und er war genauso für sie da. Er wusste, sie waren füreinander bestimmt.
Er stieg aus und ging den schmalen, mit Steinplatten belegten Weg zur Haustür. Er klingelte, und schon das Geräusch der Türglocke ließ ihn vor Freude erstarren. Die Hände hinterm Rücken verschränkt, wartete er auf seine Liebe.
Die Vorfreude ließ ihn unruhig werden, von einem Fuß auf den anderen treten.
Dann öffnete sie die Tür. Ihr Anblick war wie immer überwältigend und zauberte ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht. Im Bademantel und mit zerzausten Haaren stand sie da, noch ein wenig verwirrt – er hatte sie wohl gerade aus dem Schlaf gerissen.
Er sagte „Hi“ und konnte sich das Grinsen nicht verkneifen: Sie sah so süß aus, wenn sie verschlafen war. Am liebsten würde er ihr sofort in die Arme fallen und sie so stark drücken, dass sie platzte.
Sie fragte: „Was wollen Sie?“
Mit einem gewaltigen Schlag seiner Rechten schlug er sie nieder und fing sie auf, bevor sie zu Boden fallen konnte. Er trug sie zum Auto und legte sie in den Kofferraum.
Er stand vor dem Grab seiner ehemaligen Geliebten und hielt die Kerze vor den Grabstein. Deutlich waren nun ihre letzten Worte zu sehen, die in schwarzen Lettern auf dem Marmor verewigt waren: Nein! Bitte nicht!
Er würde die Inschrift ändern müssen.
Er ging zurück zum Wagen und machte sich an die Arbeit.
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Kommentare
print4@web.de schrieb am 2008-12-19 12:00:22:
also erstmal muss ich sagen,hat mir sehr gut gefallen!
nur zum schluss bin ich sehr nachdenklich geworden.ich denke,es gibt viele möglichkeiten den hintergrund dieser tag zu verstehen.ich denke ja,das er den schmerz ungeliebt zu sein nicht mehr aushalten konnte.kann es sein das er in diese frau verliebt war,sie seine liebe aber nicht erwiedert hat?
du hättest auch etwas zum titel im zusammenhang mit der innenschrift des grabsteins schreiben sollen!
ich glaube,dazu hätte man auch noch poassende worte gefunden!
aber wirklich sehr gut
+Berkowitz+ schrieb am 2008-01-19 21:24:03:
der ihalt ist sehr wohl verständlich und ich muss sagen es ist sehr gut geschrieben. gefällt mir.
D.amned PEACEful [daviddosenbier@web.de] schrieb am 2008-01-08 01:47:40:
Echter Schocker!!! Das Ende ist hervorragend!!! Hat mich aus den Socken gehauen!
Die letzten 2 Sätze aber vielleicht streichen!
Immortal Soul (Alias I.S.) schrieb am 2008-01-07 18:20:38:
Naja, dein Schriftstil ist gut und verständlich, aber der Inhalt nicht.
Wieso erkennt sie ihn nicht? Ist er so eine Art Psycho oder Auftragskiller?
Schreibt schnell weiter, damit man's versteht.
Immortal Soul (Alias I.S.) schrieb am 2008-01-07 18:19:38:
Naja, dein Schriftstil ist gut und verständlich, aber der Inhalt nicht.
Wieso erkennt sie ihn nicht? Ist er so eine Art Psycho oder Auftragskiller?
Schreibt schnell weiter, damit man's versteht.
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