Hej, Hej.
von
Helmut Heimrich
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HEJ, HEJ.
Die zwei Storlummen haben schon seit einiger Zeit das Spiel ihrer Rufe und Antworten - hier bin ich, wo bist du - eingestellt und sind mit plätscherndem Treten der Wasseroberfläche dicht über dem See abgerauscht; das Geschrei der Möwen, die über dem Jagdrevier der Lachse kreisen, um sich ihren Anteil der Beute zu holen, ist verklungen; Gewitterwolken ziehen an der anderen Seite des Sees vorüber. Nypondalen sitzt vornüber gebeugt, den Kopf in seine beiden Hände gestützt auf der Terrasse seines kleinen Holzhauses in Östervallskog und beobachtet den Regen, der leise auf das Wasser fällt und skurrile Zeichnungen auf die Oberfläche malt; große und kleine Ringe entstehen, laufen ineinander und zerfallen wieder, Fische springen dazwischen und schaffen ihre eigenen Wasserspiele. Ferner Donner eines späten Sommergewitters rollt herüber. Ansonsten herrscht absolute Stille, nur ab und an unterbrochen vom tiefen Brummen einer Hummel, die gerade aufgeblühte Sternastern nach Honig absucht. Nypondalen hat beim Mähen der Wiese einen Bogen um diese letzten Blumen des Sommers gemacht. Er liebt das zarte, morbide Lila ihrer Blüten. In der absoluten Windstille kann er den Tanz der Mücken beobachten, die nimmermüde auf und ab über der Wiese schweben; in sportlicher Konkurrenz versuchen sie immer höher und höher zu steigen und lassen sich dann wie ein Stein in die Tiefe fallen um das ganze Spiel wieder und wieder aufzunehmen. Die Mücken sind jetzt außer Gefahr, denn der Wippsterz ist mit seinen Jungen, die er in dem Nest unter dem Terrassendach großgezogen hat, schon lange auf und davon. Über die andere Seite des Sees zieht fast unmerklich die graue Wolkenwand mit einem welligen Saum in der Höhe, der in strahlendem Weiß erglänzt; langsam, ganz langsam erlöscht der weiße Strahlenkranz und wird zum trüben Grau, während sich unten, wo die Wolkenkissen hinter dem See und dem Wald verschwinden, eine hellrosa Pforte öffnet und einen langen Farbstrahl über das inzwischen spiegelblanke Wasser schickt. Nypondalen sitzt hier seit etwa einer Stunde und beobachtet die langsamen Veränderungen in der Natur. Er ist wieder allein. Im tiefsten Innern hat er geahnt, dass die Zeit mit Gitta irgendwann enden würde. Aber wollte es nicht wahr haben. Er hat Angst gehabt vor einem schroffen Bruch und er will jetzt immer noch nicht begreifen, dass das Geschehen der letzten Wochen und Monate nun Vergangenheit sein soll. Er hasst Auseinandersetzungen in seinem persönlichen Leben, obwohl er keine Probleme damit hat, Konflikte in seiner Arbeitswelt zu ertragen und zu lösen. In dem Betrieb in Töcksfors, der Elemente für Mobiltelefone herstellt, hat er seit einigen Monaten die technische Leitung übernommen. Nypondalen hat sich in den letzten fünf Jahren vom Mitarbeiter in der technischen Überwachung in eine Führungsposition hochgearbeitet; er schafft still und ausdauernd, ist schweigsam und deutlich in seinen Anweisungen, was ihm große Beliebtheit bei seinen Kollegen und den Mitarbeitern eingetragen hat. Mit Gitta sollte sein Lebensplan eine neue Dimension bekommen. Er hatte schon Pläne erwogen, sein Haus zu vergrößern. Nun ist alles nahezu lautlos vergangen, fast wie dieses Gewitter auf der anderen Seite des Sees. Das Hej, Hej zum Abschied hat ihn betäubt und die Erstarrung hat sich erst gelöst, als alles schon lange vorbei war.
Unmerklich, wie es gekommen war hat sich das Gewitter wieder aufgelöst und die Sonne erwärmt die Luft; über den Wassern schweben noch einige Dunstfetzen, die sich aber schnell wieder auflösen. Nypondalen schaut zum Himmel nach den Wolken, geht in den Schuppen und macht seine Angelgeräte klar. Er will es wieder einmal versuchen, diesen Burschen von Hecht an den Haken zu kriegen, der ihm schon einmal die Schnur abgerissen hat. Das hat ihn geärgert und seinen Ehrgeiz angestochert, es doch noch einmal zu versuchen und ihn zu besiegen. Als er mit ruhigen Zügen in die vom Schilf überwachsene Bucht des Östen rudert, muss er wieder an Gitta denken und noch einmal laufen die vergangenen Ereignisse, wie die Schnur der ausgeworfenen Angel vor ihm ab.
Im Frühjahr hatte Nypondalen seinen Jahresurlaub genommen und war nach Korfu geflogen. Das Hotel lag direkt am Meer mit herrlichem Sandstrand, hatte aber noch zwei Pools an denen die meisten Gäste ihre Haut zur Schau trugen. Liegestühle und Bars reizten dazu, das süße Leben durchzuspielen. Nypondalen zog es nur zum Meeresrand, er lief bis in den äußersten Strandwinkel der Hotelanlage und ließ sich dort in den heißen Sand fallen. Hier war er fast immer allein, konnte die Sonne genießen, ab und an ins warme Wasser springen und dabei an das ferne Schweden denken, wo gerade der letzte Schnee von den Hügeln taute. Die Hotelgeräusche drangen nur sehr gedämpft bis dorthin, abgesehen von den spitzen Schreien der Kinder, die am Pool spielten und selbst hier noch deutlich zu hören waren. Hier fühlte er sich von keinem anderen Badegast belästigt oder in seiner Traumwelt gestört. In dieser Ecke las Nypondalen Lawrence Durrels Schwarze Oliven und war begeistert über die Inselbeschreibung und die Romanze vor über sechzig Jahren im weißen Haus. Als er am dritten Tag an seinen Platz am Strand kam, lag dort, wo er sich sein ruhiges Lager eingerichtet hatte eine junge Frau mit Badetuch in einem Bikini, breitbeinig auf dem Bauch und sonnte sich. Nypondalen suchte sich eine Stelle, so weit wie möglich entfernt davon, um die neue Nachbarin nicht zu stören oder aufdringlich zu wirken. Diese drehte ihm jedoch freundlich das Gesicht zu und grüßte: Hej, Hej. Er grüßte zurück und fragte: Schwedin? Ja, sagte sie, aus Karlstad und du? Ich wohne in Östervallskog, sagte Nypondalen. Ah, kam die Antwort, das liegt doch an der norwegischen Grenze, über die E 18 so knappe zwei Autostunden von Karlstad entfernt. Bist du schon lange hier? Nun war es wohl mit Nypondalens Ruhe vorbei, aber auf eine ganz eigene Weise war es ihm angenehm. Die junge Frau war sehr attraktiv, gut gewachsen und schien ein angenehmes Wesen zu haben, das ihn ansprach. Wenn er schon zu Hause in der selbst gewählten Einsamkeit lebte, warum sollte er nicht im Urlaub ein wenig Anschluss suchen? Die Unterhaltung bewegte sich anfangs noch etwas holprig, um dann aber immer mehr in Fluss zu kommen und es dauerte nicht lange, bis die Beiden miteinander scherzend ins Wasser sprangen und um die Wette schwammen, wobei Nypondalen sich generös zurückhielt. Als sie aus dem Wasser stiegen sagte sie: ich heiße Gitta. Gitta sorgte dafür, dass sie im Speisesaal einen gemeinsamen Tisch hatten, nur für sie beide. Da sich Nypondalen schon einen Leihwagen gemietet hatte machte er Gitta während des Essens das Angebot, gemeinsam auf einer Tour mit ihr die Insel ein wenig zu erkunden. Dabei machte er ein erstauntes Gesicht, denn er wunderte sich über eine neu entdeckte Spontaneität, die er zuvor noch nicht an sich bemerkt hatte. Wann wollen wir fahren? Von mir aus gleich nach dem Essen. Gut, ich muss mir nur noch etwas Bequemes
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