Helden unserer Zeit
von
Amy Winter
Macht Platz niedere Erdenbewohner! Vor euch steht er, ein Mann wie kein Zweiter. Väter, verbarrikadiert eure Töchter in eurem Heim, haltet - für den Fall der Fälle - eure Söhne fest. Sperrt auf die Augen und seht ein Wunder dieser Welt. Pfeift auf die Niagarafälle und die Pyramiden von Ägypten. Alles kleine Fische, im Gegensatz zu diesem Exemplar: Der Held unserer Zeit.
Auf stolzem motorisierten Ross kommt er dahergeritten, der Haltung eines Hahns gleich. Selbstsicher sein Blick, graziös seine Bewegung. Das perfekt gestylte Haar zeigt nichts von dem Kampf, von dem er gerade heimkehrt. Waffen trägt er nicht, so was braucht unser Held in unserer modernen zivilisierten Zeit nicht mehr. Auch muss er sich nicht mit großer Kraftanstrengung aus dem Sattel schwingen. Dafür hat er Bedienstete, die ihm aus seinem Ross helfen. Ein erster Blick in die aufwartende Menge und schon geht das große Gekreische los. Schilder werden hochgehoben, Sätze wie "heirate mich" oder "ich liebe dich" zieren sie. Und das große Gewitter des Blitzlichts umhüllt ihn.
Nun stellt sich die Frage, welch große Heldentat dieser Mann vollbracht haben muss, um einen solchen Empfang zu bekommen? Was hat diesen Mann zu einem Helden gemacht?
War es seine alles andere als einzigartige Stimme, die durch die ganze Welt gereist ist? Eine Stimme, die mit ein bisschen Technik perfektioniert und mit viel Merchandising aufgepeppt wurde. Dabei ist das gar nicht so schwer. Mann muss lediglich wissen wie. Und viele wussten es. Immerhin werden Helden heute nicht einfach nur bewundert, nein, man sucht sie regelrecht. Immer neue Sterne möchte man am großen Himmel sehen, die miteinander um die Wette glitzern. Dabei muss Mann sich nicht einmal besonders große Mühe geben. Mann sollte lediglich ein paar Töne treffen können, der Rest erübrigt sich. Oh, und nicht zu vergessen: Auffallen. Das A und O des Heldendaseins. Früher trug man vielleicht eine ausgefallene Ritterrüstung, die man daheim in mühseliger Arbeit selbst hergestellt hat. Heute braucht Mann nur längere Haare, eine hässliche Hornbrille und schräge Klamotten, die wohl nicht einmal ein halbverfrorenes Kind ohne Kleidung anziehen würde, würde man sie ihm schenken. Hinzu kommt eine nervige Stimme und voilà fertig ist der Held.
Vielleicht liegt es aber nicht an seiner Stimme. Womöglich hatte er das Glück, ein paar Monate in der heißen Wüste Tunesiens zu verbringen, in der er mit Schlapphut und Lederjacke bekleidet sich vor Schlangen flüchtet und mal so richtig sein Heldengen auslebt. Begleitet wird er dabei von einer bildhübschen jungen Frau, die selbst in der heißen Wüste, verschwitzt und dreckig, einen unheimlich erotischen Anblick bietet, sowie einer Gruppe komischer Männer, die mit komischen Maschinen in den Händen rumlaufen. Und nicht zu vergessen der etwas eigenbrötlerische Mann, der doch tatsächlich die Unverschämtheit besitzt, dem Helden Anweisungen zu geben, was er zu tun habe. Moment, hat man Sigfrid aus dem Nibelungenlied auch gesagt, er solle sich im Drachenblut baden? Wenn ja, dann wurde dieser Part wohl übersehen.
Da steht er nun, unser Held. Kämpft gegen fiese Männer mit Waffen, kassiert dabei eine blutige Lippe und einen heftigen Schlag auf sein Auge ein. Und all dies unter der glühend heißen Sonne Afrikas. Nein, zu beneiden ist er bestimmt nicht. Kein Held würde gern Anweisungen von einem Nicht-Helden befolgen müssen.
Ja, Männer, so schnell kann man heutzutage ein Held sein. Keine Drachen erledigen, keine Jungfrauen retten. Aber ist das tatsächlich das, was Frau will? Träumt Frau nicht insgeheim von dem edlen Ritter, der auf stolzem Ross einhergeritten kommt? Der einen auf Händen trägt, zur Not auch noch auf Füßen? Der mit Elefanten ringen würde, nur um die Gunst seiner Herzensdame erringen zu können? Wo aber ist dieser Märchenprinz, von dem wohl jedes kleines Mädchen irgendwann einmal geträumt hat? In Büchern ist er immer leicht zu finden. Man braucht nicht einmal besonders viel Leseerfahrung dazu. Zwei Seiten genügen in der Regel und schon ist Frau mittendrin in der großen Heldentat eines richtigen Mannes. Wo aber ist er im realen Leben? Wo ist unser wahrer Held?
Zuerst stellt sich wohl die Frage, was einen Helden überhaupt ausmacht. Lasst uns zusammenfassen, er benötigt keine Nachtigallstimme und schon gar kein Talent, anderer Anweisungen zu befolgen. Drachen besiegen ist auch nicht drin, die gibt es leider nicht mehr. Und Jungfrauen retten, das dürfte in der heutigen Zeit sehr schwer werden. Da seht ihr es Männer, so leicht wird es euch dann doch nicht gemacht. Es ist nicht so, dass die Taten eines Helden zählen. In der Hinsicht kann jemand noch so mutig sein und von seiner Herzensdame trotzdem keine Beachtung bekommen. Wen interessiert es heutzutage schon, wenn ein Mann sich aus 100 Metern Höhe stürzt, nur mit einem Seil an den Füßen, dass ihm ein paar Meter vor dem Erdboden wieder auffängt? Nun gut, vielleicht wird er als Held gefeiert, wenn das Seil reißt und er alles andere als sanft auf dem Boden aufkommt. Zumindest kann er dann den Jubelrufen seiner Anhänger lauschen, während er auf dem Weg zum Paradies ist. Doch dies soll ja keineswegs Sinn einer Heldentat sein. Tot nützt er Frau nicht.
Das Problem, dass sich dem wahren Held in der heutigen Zeit wohl stellen mag, ist die Tatsache, dass seine Herzensdame selbst bestimmt, wer ein Held ist und wer nicht. Gleichberechtigung nennt man das auch. Nun, in dieser Hinsicht hat es Mann schwer. Denn wer kennt nicht die Launen einer Frau. Heute hui - morgen Pfui. Und was ist mit übermorgen? Hinzu kommt, dass eine Frau der heutigen modernen Zeit einen sogenannten Charakter hat. Sie ist nicht mehr das Lebewesen, das man hinter dem Herd stellen kann, wo sie dann den Rest des Tages verweilt, bis man wieder Lust auf sie verspürt. Nein, eine heutige Frau steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden (nun gut, beim Anblick schöner Kleider wohl nur noch mit einem Bein). Sie weiß was sie will und noch besser weiß sie, was sie nicht will.
Nun gibt es da diese Gruppe Männer in eleganten Anzügen, die dafür sorgen, dass Frauen völlig dem Boden unter den Füßen verlieren. Diese schenken ihnen rote Rosen (nicht weil sie Geburtstag haben, sondern einfach so aus einer Laune heraus - ja liebe Männer, so was gibt es tatsächlich!), öffnen ihnen die Tür beim Auto ("Wieso das? Können Frauen das nicht selbst?") und rücken den Stuhl für sie hin. Diese Sorte Mann wird auch Gentlemen genannt. Eine vom Aussterben bedrohte Spezies, die Nachfahren ruhmreicher Helden. Wenn jetzt ein Mann denkt "So ein Kinderspiel, das kann ich doch locker!" - papperlapapp. So einfach ist es dann doch nicht. Man beachte, was wir zuvor schon festgestellt haben: Frauen sind launisch. Und genauso launisch sind sie auch in Bezug auf Gentlemen. An einem Tag freuen sie sich über eine Nur-mal-so-rose, am nächsten Tag sind sie peinlich berührt und den Tag darauf werfen sie die Rose genervt in den Mülleimer. Soviel zu zwei hart verdienten Euros.
Was jetzt? Doch zu Popstars gehen? Nein, so schnell wird Mann doch wohl nicht aufgeben. So schwer kann es doch nicht sein, ein Held zu werden und das Herz einer Frau zu erobern. Allzu schwer ist es tatsächlich nicht. Zumindest, wenn man die nötigen finanziellen Mittel hat. Ein gutes Auto und die Frauen kommen scharenweise. So heißt es zumindest. Tatsächlich kommt eine nicht zu verachtende Gruppe weiblichem Geschlechts. Jedoch stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, dass alle blondgefärbte Haare haben und sich nicht einmal deinen Namen merken können. Fragst du nach ihren Berufen sagen alle Friseuse. Friseuse? Du brauchst aber keine Friseuse. Was du brauchst ist ein Psycho-Analytiker, der dir die Augen öffnet und dir verdammt noch mal endlich sagt, wie Mann zum Helden wird.
Gräme dich nicht, es gibt eine ganz simple und einfache Lösung. So simpel, dass es lange dauert, bis Mann erst einmal darauf kommt. Wie oben bereits erwähnt, nicht die Taten zählen heutzutage. Nein, alles was heutzutage zählt, ist ganz allein die Absicht. Wie viel Mühe hinter einer Tat steckt, wie viel Liebe sich dahinter doch verbirgt. Das ist das große Rezept der Heldensuppe.
Und was lernen wir daraus? Wahre Helden leben auf der Straße. Sie können zwar nie dem Mut eines Robin Hoods aufweisen, geschweige denn den Scharfsinn eines Sherlock Holmes. Diese Helden haben etwas viel wichtigeres, etwas viel bedeutenderes. Nein, zwei wichtige Dinge:
Erstens: Sie sind real und leben nicht im Kopf eines anderem.
Und zweitens: Sie sind in ihrem Wesen schlicht und einfach einzigartig.
Joa hoffe ihr denkt jetzt nicht ich wär total männerfeindlich oder so, im Gegenteil. War halt...wie es eben bei nem essay sein soll, ein Gedankenspaziergang! Und mein erster Versuch als kleine Anmerkung ;o)
Kommentare
taylor2001@web.de schrieb:
Joa, Amy!
Ich muss sagen, ich habe mich köstlich amüsiert bei Deinem Essay. Der Held mit der Kümmerstimme... für mich ganz deutlich Alexander! Der Kerl in der Wüste... Indiana Jones? Super auch die Unberechenbarkeit von Frau, sich eines Tags über Geschenke zu freuen, sie am nächsten Tag zu verachten.
Also, ich halte Dich nicht für männerfeindlich. Wozu auch! Du hast es doch glasklar erkannt. Aber gibt es jemanden, der es Dir im Leben recht machen kann?
Liebe Grüße,
Patrick Taylor.
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