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Kategorien > Trauriges > Tod

Herbstgefühle

von Illeas

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Im Frühling ist doch alles besser. Die kalten Tage sind langsam aber sicher Vergangenheit, der Schnee schmilzt weg und schon wenn man am Morgen aus den Federn kriecht, strahlt die Sonne. Zeit für gute Laune. Auch der friedlich vor sich hindösende Mann in weissen Kleidern hat das früher so gesehen. Als er noch jung war – das war tatsächlich schon lange her – fühlte er so. Die Mädchen kleideten sich damals schon spärlicher, heute erst recht. Die Menschen werden fröhlicher, es knistert in der Luft, positive Schwingungen, Frühlingsgefühle, Liebesgeflüster.
Doch zurück zur Natur. Denn auch hier ändert sich noch so viel mehr, als bereits angetönt. Neues Leben erwacht, kämpft sich seinen Weg durch die Schneedecke und breitet sich aus. Blumen spriessen, öffnen ihre Knospen und geben den herrlichen Anblick ihrer Blüten preis. Man kann es riechen, denn auch die Zeit der Erkältungen ist Vergangenheit. Mit neugieriger Nase lassen sich die wohligen Düfte der Blumen, des Lebens einatmen. Die Tiere erwachen aus ihrem Winterschlaf, Vögel musizieren und Bienen summen, Grillen unterlegen den einzigartigen Klangteppich mit ihrem Zirpen – auf der Suche nach einem Partner. Wie romantisch der Frühling doch ist. Wie romantisch der Frühling doch war, früher.

Eine Herbstnacht wie im Bilderbuch. Der Mann in Weiss liegt im Bett und kann nicht schlafen. Draussen ist es schon längst dunkel, obwohl es erst 18 Uhr ist. Es stürmt schon den ganzen Tag. Sogar Hagelkörner, so gross wie Murmeln, sind bereits gefallen. Im Moment giesst es nur wie aus Kübeln. Wahrscheinlich hat das schlechte Wetter heute noch die letzten Laubblätter von den knochigen Bäumen geholt. Vom Wind getragen, vom Hagel zerschmettert. Macht ja nichts, denn es sind ja sowieso nur längst gealterte, zu Greisen gewordene Blätter. Im Frühling einst Kinder des Baumes. Aber das ist passé.
Auch die herrlichen Gefühle, wie man sie im Frühling verspürt, haben sich längst verflüchtigt. Die frisch Verliebten haben sich wieder getrennt, oder leben ein langweiliges Leben zusammen – geht es dem Mann durch den Kopf. Es geht ihm schliesslich nicht anders, denn vielfach ist er alleine, einsam. Schon seit mehreren Wochen liegt er hier auf diesem Bett, in diesem Zimmer, gemeinsam mit zwei anderen Patienten, im Krankenhaus. Er hat Krebs in fortgeschrittenem Stadium und weiss, dass er bald sterben muss. Ein halbes Jahr bleibt dem Herrn in Weiss noch zu leben. Im Frühling geht es zu Ende.

Im Frühling.

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