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Herbstliebe

von Debora Herold

1

Ihr Herz klopfte. Bei jedem Meter, den sie vorankam wurde es schneller. Nur noch einige Schritte, dann würde sie dort sein.
Der Wind strich über das hohe Gras um sie herum. Es roch nach Herbst und sie erkannte wie, schon leicht bunt gefärbte, Buchenblätter im Wind tanzten. Nun stand sie vor dem großen schwarzen Gittertor.
Beide Hände nach vorn gestemmt schob sie es quietschend auf.
Schritt für Schritt wanderte sie an den Grabsteinen vorbei, den Blick nach Vorne gerichtet. Sie wollte nicht wissen, wer hier alles lag, wollte nicht auf bekannte Namen stoßen.
Seid der Beerdigung ihres Vaters vor acht Jahren, war sie nicht mehr hier gewesen. Doch jetzt war sie wieder hier, an dem Ort, wo sie eigentlich nie wieder sein wollte. Einige Meter vor ihr am Rand des Kiesweges, lag ein großer Steinbrocken. Sie stellte sich vor ihn, untersuchte ihn nach einer Inschrift oder Ähnlichem. Nichts dergleichen war zu sehen. Mit einem leichten Seufzer ließ sie sich auf den Brocken nieder. Er war kalt und hart. Mit müden Augen sah sie in den Himmel. Dunkle Wolken über ihr, und ihr gegenüber am Horizont, färbten sie sich zusammen mit der Sonne orange und blutrot. Bald würde sie untergegangen sein. Bald würde es dunkel werden und sie säße hier. Allein. Inmitten unzähliger Toter. Ein schauriger Gedanke. Sie wusste, dass er nicht kommen würde. Warum sollte er auch? Sie war doch bloß ein gewöhnliches Mädchen, und er war der beliebteste Junge der ganzen Schule. Es gab so viele Mädchen, die tausend mal hübscher als sie waren. Er hatte sich doch nur einen Scherz mit ihr gemacht, fand es bestimmt unheimlich witzig sie auf einen Friedhof zu bestellen und zu versetzten. Sicherlich saß er jetzt zu Hause mit seinen Freunden und lachte sich halb krank.
Lachte darüber, dass ihn ein Mädchen wie sie gern hatte, dass ein Mädchen wie sie dort allein im dunklen saß und auf ihn wartete, dass sie sich Hoffnungen gemacht hatte.
Inzwischen war die Sonne bloß noch zu einem viertel zu sehen und es wurde immer dunkler. Ein Windstoß blies über den Friedhof und ließ sie zusammenzucken. Es war kälter geworden. Sie sah sich um, und jetzt betrachtete sie doch all die Gräber rings um sich. Wo ihr Vater lag, wusste sie nicht mehr genau, sie wollte es auch gar nicht wissen.
Dann senkte sie ihren Blick und starrte vor ihren Füßen auf den Boden, rührte sich nicht. Wurde so ruhig wie all die Menschen um sie herum, die, die unter der Erde lagen. Für immer verschwunden waren. Doch plötzlich drang etwas an ihr Trommelfell. Sie lauschte. Schritte. Das waren eindeutig Schritte. Aufmerksam sah sie sich um. Als ihre Augen nach rechts wanderten, entdeckte sie eine schmale, große und dunkle Gestalt, die auf sie zu kam. Kam er also doch? Hatte er kein Spiel mit ihr gespielt und meinte die Sache mit ihr wirklich ernst?
Sie ließ die Gestalt nicht aus den Augen und als er dann vor ihr stand ein leichtes Lächeln auf den Lippen, fing ihr Herz wieder an in ihrer Brust zu hämmern. „Na.“ Sagte seine weiche Stimme ruhig zu ihr. „Hey, ich dachte, du kommst nicht mehr.“ Meinte sie, und lächelte glücklich. „Ich würde dich doch nicht einfach versetzten! Wartest du schon sehr lange?“ er sah ihr in die Augen.
„Ja etwas.“ Sie stand auf. Musste aber immer noch zu ihm hochsehen, da er einen ganzen Kopf über sie hinaus ragte.
„Das tut mir leid, aber ich hatte noch etwas zu tun. Wollen wir etwas gehen?“ seine Hand wies an ihr Vorbei, Richtung Tor, wo es aufs Feld hinausging.
„Ist OK. Gerne doch.“ Langsam gingen sie nebeneinander her. Vorbei an den Grabsteinen, auf das große Tor zu. Als sie davor standen öffnete er es mit einer Hand, als wäre es bloß eine einfache Tür. Er war stark und als sie beide hindurch gegangen waren schloss er es wieder, bloß mit einer Hand. Dabei fiel ihr auf, dass die Ärmel, seines schwarzen Hoodies hochgekrempelt und der Reisverschluss geöffnet war. „Ist,… ist dir nicht kalt?“ sie sah ihn fragend an.
„Nein. Dir?“ er lächelte. „Ein wenig, aber es geht.“ Sie versuchte ein ebenfalls charmantes Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern.
Sie gingen über die Wiese, auf der das Gras Knie hoch wuchs und sich im Wind bog. „Ich liebe diese Wiese.“ Sie blieb stehen und seufzte.
Er drehte sich zu ihr um und sah ihr in die Augen. „Ich auch.“
Sie kamen sich etwas näher. Er nahm vorsichtig ihre Hände. Seine waren ganz warm. Ihre jedoch waren kalt. „Du hast ganz kalte Hände.“ er sah auf ihre Hände, dann in ihr Gesicht.
Ihr Herz pochte wie verrückt, als er sie berührte.
„Deine sind ganz warm.“
Er lächelte. „Ja, willst du meine Jacke?“
„Was?! Nein, das geht nicht, du kannst hier nicht ohne Jacke rumlaufen. Es ist viel zu kalt!“ erklärte sie und sah ihm dabei in die Augen. „Wenn du es so willst…. Linda?“ er kam noch etwas näher und ließ dabei mit seinen Augen nicht von ihren ab.
„Ja?“ nun würde ihr das Herz wohl aus der Brust springen so stark Hämmerte es in ihr.
„Ich liebe dich.“ Sagte er ganz ruhig und sanft mit seiner weichen Stimme.
Ihr Herz blieb stehen. „Was?“ sie spürte wie ihr das Blut in den Kopf stieg und ihr plötzlich warm wurde. Er kam noch ein Stück näher, sie spürte seinen warmen Atem in ihrem Gesicht, spürte seine Nähe. Dann berührten sich ihre Lippen, ganz zaghaft. Und ein Kribbeln machte sich in ihrem Bauch breit, ihr wurde noch wärmer.

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Kommentare

Milena schrieb am 2010-10-12 15:00:46:
Wooww...schöne Geschichte...!!

Wenns doch nur im echten Leben passieren würde...(=
L. schrieb am 2010-10-03 14:35:50:
Total schöne geschichte!!
war super schön zu lesen :)
Mirella schrieb am 2010-09-28 19:34:08:
Wunderschön. hat mir sehr gefallen

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