Herbstnachtsträume, Kap. 10
von
Yellow Orchid
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(10) - Wahrheit oder Lüge –
Hailey blickte ungeduldig auf die Uhr. Noch drei Minuten… Irgendwo in den vorderen Reihe meinte sie zu erlauschen, wie zwei Mädchen sich über den nahenden Weihnachtsball unterhielten, während direkt neben ihr ein Junge mit haselnussbraunen, kurzen Locken mit einem Baseball spielte.
„Schneller… schneller.“, flüsterte sie mit einem Blick auf die Uhr.
„Und damit nahm die Französische Revolution ihren Lauf.“
Nur von sehr weit weg nahm Hailey die Stimme des Lehrers, die ermüdend durch den Raum schallte, wahr.
„Vielleicht sollten wir auch einmal so eine Revolution versuchen? Wir kämpfen für unsere Freiheit. Für unsere Freizeit. Die Lehrer selbst sagen doch immer, dass wir Schüler versuchen sollen, uns in die aktuell besprochenen Themen hineinzufühlen.“ Es war Nicki, die ihr dies zugeflüstert hatte.
„Wir könnten es zumindest probieren“, gab Hailey ihr Recht. Warum nicht? Nachdem bereits über mehrere Monate hinweg ihr Wochenplan stets gleich voll ausgesehen hatte, sehnte sie nun Weihnachten herbei. Vielleicht würde sie ihre Grosseltern besuchen oder ihre Eltern sogar endlich wieder einmal zu Gesicht bekommen, dachte Hailey bei sich und konnte nur mühsam ein Gähnen unterdrücken.
Vorsichtig beugte sie sich zu Nicki vor. „Noch eine Minute“, zischte sie. „Dann haben wir den Unterricht für zwei volle Tage hinter uns.“
„Wunderbar.“ Nickis Versuch, Begeisterung zu heischen, scheiterte kläglich.
„Wie konnte es denn passieren, dass du dich nicht mehr auf Freizeit – freie Stunden – freust?“ Fassungslos sagte Hailey dies lauter, als sie es vorgehabt hatte. Ihr Lehrer redete unbekümmert weiter.
„Was würdest du sagen, wenn du ein Briefchen erhältst, dessen Inhalt mehr als verschleiert ist, und es gleichzeitig nicht schaffst, den Urheber trotz gründlichster Suche auszumachen?“ Nicki seufzte leise.
„Wer ist denn der ominöse Junge?“ Hailey lächelte. Ehe Nicki etwas sagen musste, kam ihr bereits eine Idee, wer sich hinter dem unbekannten Absender verbergen konnte. „Adam?“
Nickis Reaktion kam prompt: Sie hustete laut. Im selben Augenblick ertönte die Schulglocke und verschmolz mit Nickis erschrockenem Husten zu einem hohlen Summen in Haileys Ohr.
„Falsch?“
„Sehr falsch“, krächzte Nicki. „Adam ist nicht mein Freund.“ Sie sprach dies erstaunlich heftig und zugleich mit vom Husten heiserer Stimme.
Hailey neigte entschuldigend den Kopf, während sie nach ihren Geschichtsunterlagen griff.
„Ich weiss“, sagte Hailey beschwichtigend und glitt an Nickis Seite aus dem Schulzimmer. Das andere Mädchen sah erstaunlich bleich aus.
„Warum denkst du dann automatisch, dass er es gewesen sein muss, der mir das Briefchen… geschickt hat?“ Nicki fuhr sich allem Anschein nach besorgt über ihren Hals.
„Ich…“ Hailey zögerte. Warum hatte sie denn überhaupt sogleich an Adam gedacht? War es nicht einfach der logischste Schluss, den man ziehen konnte?
„Er war es nicht.“ Nicki schüttelte überschwänglich den Kopf, als wollte sie ihren Standpunkt so noch klarer machen.
„Aie aie. Hab verstanden.“ Hailey lächelte zaghaft, bemerkte aber zugleich, dass Nicki sich wieder einigermassen gefasst hatte. Dennoch wirkte sie unruhig.
„Ich muss wirklich unbedingt etwas klarstellen.“, erklärte Nicki.
„Das hast du bereits getan. Mir ist jetzt alles glasklar.“
Doch Nicki schüttelte lediglich den Kopf. „Ja, dir ist alles klar. Ihm nicht.“
„Dann geh und schau, dass du ihm die Sache ebenfalls glasklar machst.“ Hailey fühlte sich mit ihrem Latein am Ende, und dass, obwohl sie sich zwei Jahre mit diesem Fach abgequält hatte. Ora et labora, dachte sie seufzend. Bete und arbeite. Vielleicht würde sie als Nonne ein ruhigeres Dasein fristen?
„Ja…“ Nicki zögerte, ehe sie schwach lächelte. „Ich gehe dann mal.“
Seufzend blickte Hailey Nicki nach. Vielleicht war es die Schuld des Herbstes, der mit seinen Winden alle durcheinander brachte? Müde strich sie sich durch ihr Haar, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm; es war Chris, der mit einem kurzen Sprint zu ihr aufgeschlossen hatte und ihr nun die Tür zum Ausgang schuldbewusst lächelnd auf hielt.
„Du wirst sicher wütend sein“, sagte Chris.
Verstört stellte Hailey fest, dass er es alleine mit seinem Lächeln schaffte, ihren Ärger vergessen zu lassen. Doch war sie wirklich ärgerlich? Sie spürte, dass es eher Verwirrung war, die ihr Denkvermögen benebelte. Verwirrung, über den Beinahe-Kuss, Verwirrung über das schnelle Ende ihrer ersten Verabredung und über sein ablehnendes Verhalten während den letzten Tagen.
„Ich bin verwirrt“, gestand sie schliesslich auch ein.
„Es tut mir Leid“, murmelte Chris resigniert. „Irgendwie schaffe ich es andauernd, Mist zu bauen.“
„Was war denn überhaupt los?“ Vielleicht würde er ihr bei einer einfachen Frage am ehesten Antwort geben, dachte sie bei sich.
„Ein Freund von mir hat momentan Ärger. Das wirkt sich wahrscheinlich auch zugleich auf meinen Gemütszustand und somit auf mein eigenes Leben aus.“ Chris schüttelte traurig den Kopf.
„Vielleicht sollten wir uns einfach eine Weile nicht sehen?“, schlug Hailey vor. Sie hatte mit sich hadern müssen, ehe sie es geschafft hatte, sich selbst dies einzugestehen, sah aber zugleich keinen anderen Ausweg.
„Ich möchte dich doch sehen.“ Hailey spürte das vertraute Kribbeln in ihrem Magen, als Chris mit seiner Hand nach ihrer suchte und seine Finger in ihren verschränkte.
„Und wie soll es jetzt weitergehen?“, hauchte Hailey und hasste sich zeitgleich dafür, sich so schnell aus der Fassung bringen zu lassen.
„Hast du den Kürbis noch?“
„Mhm-hmm.“
„Dann könnten wir vielleicht einfach ab diesem Punkt weitermachen. Und es werden noch viele Kürbisse folgen, damit sie irgendwann den Mist abdecken, den ich gebaut habe.“ Chris lächelte sie an; das Lachen, das Hailey von ihm lieben gelernt hatte. Warum konnte es bloss nicht immer so sein?
Sanft entzog sie Chris ihre Hand – sie würde es langsam angehen lassen. Hailey spürte, dass sie keine neuen Enttäuschungen mehr brauchen konnte. „Punkt Kürbis, also“, erwiderte sie vorsichtig. Wie sehr sie sich auch danach sehnte, ihre Arme um Chris zu legen, sie bemühte sich, nichts Voreiliges zu unternehmen.
Und mit einem letzten Blick zurück in seine geheimnisvollen dunklen Augen verschwand Hailey im Gemenge der Schüler, die ebenfalls zum Wohngebäude strömten.
Es hatte vier Tage länger gedauert, als sie gedacht hatte. Mit mürrischem Blick betrachtete Juliane vom Fenster aus, wie erste Schneeflocken ihr Dasein der irdischen Welt offenbarten. Schnee. Kalt, mit einer verwirrenden Konsistenz, dachte Juliane sogleich. Weder fest noch feucht. Hätte der allmächtige Architekt die Welt denn nicht zumindest so aufbauen können, dass sie sich in ihrem Aufbau nicht selbst widersprach? Schneeflocken, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie nun fest oder flüssig sein wollten, gehörten eindeutig zu der Unentschlossenheit des Architekten dazu, schloss Juliane und seufzte müde.
Es war Sonntagmorgen und Lauren befand sich
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Kommentare
BadAngel schrieb am 2010-06-07 21:41:04:
Super Geschichte!!!
Die geht aber noch weiter oder??
Wenn ja dann bitte ganz schnell weiter schreiben....
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