Herbstnachtsträume, Kap. 7: "Vergangenheit und Lü
von
Yellow Orchid
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(7) - Vergangenheit und Lüge -
Erstmals seit einigen Tagen hatte sich die Sonne erbarmt und zeigte strahlend golden ihren Antlitz. Nur vereinzelt unterbrachen Schäfchenwolken das Azurblau des Himmels. Sogar die dicken, bauschigen Wolken der letzten Tage waren der Sonne gewichen und trotzten somit jedem Wettergesetz.
Juliane ahnte nichts Gutes, als sie ins Freie trat. Jetzt, nachdem Halloween und somit auch der Polizeibesuch einige Tage vorüber waren, drängte sich der nächste Anlass in den Vordergrund: Der grosse Weihnachtsball. Wie man an einem sonnigen Novembermorgen an Weihnachten denken konnte, war Juliane schleierhaft, und doch meinte sie immer wieder Mädchen über den bevorstehenden Ball tuscheln zu hören, als sie an einigen Grüppchen von Schülern vorbei schritt.
Genervt von all der Weihnachtsvorfreude lief Juliane gesenkten Blickes an den Grüppchen vorbei. Sie erwartete nicht, dass jemand sie daran hindern würde, möglichst schnell an ihr Ziel – die wenigen Tische, die vor dem Schulgebäude noch stehen gelassen worden waren – zu gelangen. Umso heftiger reagierte sie, als jemand sie von der Seite her anrempelte. Leise fluchend suchte Juliane ihre Bücher zusammen, die bei dem Zusammenprall zu Boden geglitten waren. War sie etwa soeben in ein Déja-vu Erlebnis verbannt worden?
„Juliane Piper?“
Missmutig hob Juliane den Blick. Sie starrte geradewegs in das Gesicht eines dieser Mädchen, die zwischen Sommer und Winter in ihrer Kleiderwahl nicht zu unterscheiden wussten und Stunden damit zubrachten, jeden Flecken ihres Körpers zu hegen und zu pflegen. Neben ihm kicherten zwei seiner Freundinnen.
„Was ist?“ Juliane ahnte, dass an den Mädchen kein Vorbeikommen war, solange sie ihnen nicht Rede und Antwort stünde.
„Du bist also wirklich Juliane Piper.“
„Richtig festgestellt.“ Juliane verdrehte entnervt die Augen. Warum bloss mussten diese Mädchen alle gängigen Klischees immer vereinen?
„Du bist nicht gerade hübsch. Vielleicht, wenn du deine Brille ablegen und dein Haar offen tragen würdest…“ Das Mädchen ihr gegenüber runzelte angestrengt die Stirn, als würde sie gerade versuchen, sich ein neues Bild von Juliane zu erschaffen.
„Wär’s das dann gewesen? Darf ich weiter?“ Gab es eine Steigerung von entnervtem Augen-verdrehen? Julianes Repertoire an eindeutigen Gesten, dass sie sich soeben nicht mit diesen Mädchen unterhalten wollte, war jedenfalls bereits aufgebraucht.
„Warte.“ Das andere Mädchen näherte sich einen weiteren Schritt, sodass Juliane sich zu fragen begann, ob das Mädchen ihr tatsächlich an die Gurgel springen würde.
„Du kennst Dominic, nicht?“
„Dominic? Welcher Dominic?“ Juliane war sich durchaus bewusst, von welchem ach so beliebten Jungen das Mädchen gerade sprach, doch hatte sie das plötzliche Bedürfnis verspürt, es ein bisschen zappeln zu lassen.
„Tu nicht so. Schliesslich bist du ja nicht gerade die Person, die oft mit Jungs gesichtet wird…“ Die Freundinnen des anderen Mädchens begannen bei dieser Feststellung wild zu kichern.
Juliane schüttelte lediglich den Kopf. „Nehmen wir an, ich kenne ihn. Was dann?“
„Bist du mit ihm zusammen?“
Nur mühsam konnte sich Juliane verkneifen, ebenfalls wild loszulachen. Wie konnten diese Mädchen wissen, dass sie Zeit mit Dominic verbrachte? Ein Bild des schlaksigen Jungen, der sich als Dominics Zimmergenosse vorgestellt hatte, erschien ihr augenblicklich in Gedanken. Während sie ihn innerlich verfluchte, antwortete sie seelenruhig: „Nein, bin ich nicht.“ Juliane seufzte. Dann, ohne die Mädchen noch einmal anzublicken, drehte sie sich auf dem Absatz und eilte weiter denn Kiesweg entlang. Sie hatte das dumme Gefühl, dass dieses Gespräch noch lange fortgedauert hätte, wäre sie geblieben.
Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass sie zu spät kommen würde. Bei diesem Gedanken spürte sie Genugtuung in sich aufwallen. Erneut schüttelte Juliane den Kopf – dieses Mal über sich selbst.
Schon von weit her erkannte Juliane, dass Dominic sich bereits an ihrem Treffpunkt eingefunden hatte. Als sie näher kam, entdeckte sie, dass er in ein Buch vertieft war.
Ungläubig lächelnd setzte sie sich ihm gegenüber. „Du liest?“
„Ist das jetzt eine Fangfrage?“ Dominic hatte den Blick gehoben. Er zögerte, ehe er ausführlicher antwortete. „Ich denke, du weißt, was Fussball ist?“
„Das hingegen muss eine Fangfrage gewesen sein.“ Juliane verschränkte kopfschüttelnd die Arme.
„Auf alle Fälle ist das ein Fussballbuch. Die Geschichte des Fussballs oder so.“ Dominic nickte, offensichtlich begeistert.
Juliane verzog keine Miene, obwohl sie sich innerlich schüttelte vor Lachen. Was mochte bloss so spannend daran sein, schweissnasse Männer bei ihrer Jagd nach einem Ball zu beobachten? „Interessant.“
„Und fast hätte ich es dir geglaubt. Du musst noch an deinem Blick arbeiten. Deine Augen verraten dich.“
Juliane hob erstaunt die Brauen. „Das willst du wissen, nachdem du schätzungsweise zwei Stunden deines Lebens in meiner Anwesenheit verbracht hast?“
Dominic zuckte die Achseln. „In solchen Situationen sind doch alle Frauen gleich.“
Juliane wusste nicht, was es war, dass diese Worte ihren Groll schüren liessen. Sie schätzte, dass es mit der Selbstverständlichkeit zusammenhing, mit der er seine Erfahrung mit Frauen kund tat. Missmutig schob sie ihre Bücher zu ihm hinüber. „Ein Buch über Wahrscheinlichkeitsrechnung. Du könntest jetzt mit Lösen anfangen.“
Dominic betrachtete sie argwöhnisch. „Du willst mir aber nicht sagen, dass du das extra gekauft hast?“
„Das hatte ich mir schon letzten Sommer für das elfte Schuljahr besorgt.“, erklärte Juliane, immer noch mit starrer Miene. Sie kannte kein Verbot, das das vorzeitige Besorgen von Büchern beschrieb. Umso grimmiger stimmte sie Dominics Fassungslosigkeit, die er in die Frage eingebracht hatte.
„Gut.“ Dominic betrachtete das Buch einige Sekunden, ehe er erneut den Blick hob. „Und warum bist du jetzt wütend?“
„Ich bin nicht wütend.“ Juliane gab sich alle Mühe, ruhig zu bleiben. „Du solltest jetzt die Aufgaben lösen. Es ist deine Zeit, die sonst baden geht.“
„Du willst also gar nicht wissen, wie das Ergebnis meines letzten Mathetests ausgefallen ist?“ Dominic betrachtete mittlerweile abwechslungsweise das Buch und Juliane.
„Wie ist es denn ausgefallen?“ Sie seufzte leise. Warum bloss liess sie sich von diesem Jungen stets provozieren?
„Nicht gut.“ Dominic zuckte die Achseln.
„Hatte ich mir schon fast gedacht.“
Dominic runzelte die Stirn. „Und diese Worte kommen von dem Menschen, der mir eigentlich aus dem Tal der Tränen helfen sollte.“
Obwohl Juliane sich Mühe gab, es nicht zu tun, konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. Ihre Wut war wie Butter dahingeschmolzen. „Sag bloss, du hast wegen der schlechten Note getrauert?“
„Zumindest bin ich gestern bereits um Mitternacht ins Wohngebäude zurückgekehrt.“ Es schien, als wäre Dominic wahrhaft stolz über dieses Ergebnis.
So zwang sich Juliane dazu, keine boshafte Erwiderung aus ihrem Mund entgleiten zu lassen. „Aha.“
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