Herbstnachtsträume, Kap. 8: "Mit und trotz Auffor
von
Yellow Orchid
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(8) - Mit und trotz Aufforderung -
Nicki blickte verstohlen zu dem Jungen mit den Rastas, der ihr gegenüber sass und dessen Gesicht hinter einem Buch verschwunden war. Auch in ihren Händen befand sich ein Buch – sie hatte spontan eines aus dem Regal gezogen – doch die Sätze, die irgendein Poet verfasst hatte, blieben vorerst ungelesen.
Bereits seit 15 Minuten hatte sie brav kein Wort gesprochen, was für Nicki eine durchaus grosse Zeitspanne bedeutete. Sie war Adam bereitwillig in die Schulbibliothek gefolgt, hatte nicht gemeckert, als er wortlos von dannen gezogen war und ihn schliesslich widerstandslos zu einem der schweren Eichenholztische in der Mitte der Galerie begleitet. Und das an einem Sonntagmorgen, in aller Herrgottsfrühe – um 9 Uhr.
Da Nicki keine sehr grosse Literaturkennerin war, hatte sie auf ihrem Irrweg durch die Bibliothek ziellos nach einem Buch gegriffen. Erstmals musterte sie nun das Buch, das ihre Hände gewählt hatten. Goethe. Nicki musste zugeben, dass sie bereits von dem guten, alten Mann gehört hatte, dessen Namen den Buchrücken zierte. Allerdings beschränkte sich ihr Wissen auf diese einzelne leise kleine Ahnung.
Gespielt interessiert schlug sie schliesslich das Buch auf.
„Bleibe, bleibe bei mir, Holder Fremdling, süße Liebe, Holde süße Liebe, Und verlasse die Seele nicht!“, raunte Nicki theatralisch.
„Scht!“ Adam winkte mit einer schnellen Handbewegung ab. „Ich bin gerade an der Stelle, an der Fabian seine Arbeitsstelle verliert.“
„Fabian?“ Nicki gähnte herzhaft.
„Von Erich Kästner.“
Nicki bedachte Adam eines ungläubigen Blickes. „Ich gestehe dir grad in Form eines merkwürdigen Gedichtes meine Liebe und du wimmelst mich ab, weil du dich lieber am Unglück irgendeines Kästners erfreust?“
„Du meinst Fabian. Kästner ist der Autor“, stellte Adam richtig und verschwand dann wieder hinter seinem Buch.
„Ach, wie sehn ich mich nach dir, Kleiner Engel! Nur im Traum, Nur im Traum erscheine mir!“, seufzte Nicki kopfschüttelnd.
„Kannst du mir deine Liebe nicht ein anderes Mal gestehen?“, erwiderte Adam gelangweilt.
„Wenn Julia das zu Romeo gesagt hätte, hätten vielleicht beide überlebt“, überlegte Nicki laut. „Von daher sollte ich wohl mit einem Ja antworten, wenn mir mein Leben lieb ist.“
Adam nickte desinteressiert, immer noch hinter dem Buch versteckt.
„Andererseits hätten sie dadurch wahrscheinlich nie zueinander gefunden“, fügte Nicki triumphierend an.
Adam liess das Buch sinken, die Stirn in tiefe Falten gezogen.
„Du alterst schneller, wenn du dir zu viele Sorgen machst, Liebling“, sülzte Nicki schelmisch grinsend. Goethe wäre allemal stolz auf sie gewesen.
„Hast du dich nicht gestern dazu bereit erklärt, mit mir in die Bibliothek zu kommen?“, stellte Adam klar.
„Ja, aber…“
„Und hast du nicht gesagt, es sei dir egal, um welche Herrgottsfrühe du dafür aufstehen müsstest?“, sprach Adam weiter.
„Ja, aber…“
„Und hast du mir nicht versprochen, ruhig zu bleiben und mir treu ergeben zu folgen?“, ergänzte Adam.
„Ja, aber…“
„Und ist es unbedingt notwendig, dass du all deine freundschaftlichen Worte innerhalb weniger Minuten über den Haufen wirfst und eifersüchtig auf eine Romanfigur bist?“
Nicki schluckte, der Blick von Kritik erfüllt. „Ich soll eifersüchtig auf Fabian sein?“
„Jawohl, mein ‚kleiner Engel’.“ Adam stöhnte.
„Ich bin nichts arbeitslos“, protestierte Nicki.
„Das ist mir durchaus bewusst.“ Ihr Gegenüber nickte. „Aber wenn du so weiter machst, bist du bald gesellschafts-los.“
„Gesellschafts-los?“ Nicki zog die Stirn kraus.
„Ohne Gesellschaft, alleine, verlassen. Nenn es, wie du willst. Darf ich mich jetzt weiter an Fabians Misere ergötzen?“
Nicki nickte artig. In Gedanken schüttelte sie jedoch ungläubig den Kopf. Sich ergötzen? Das hörte sich verdächtig nach „rotzen“ oder „kotzen“ an. Mit unterdrücktem Lachen erhob sie sich.
„Ich werde mich dann mal völlig gesellschafts-los in die unteren Stockwerke begeben und nach weiteren Fabians suchen. Ruf mich, wenn du mich von meinem Elend zu befreien gedenkst.
„Mach ich“, murmelte Adam kurzbündig.
Ihr Gefühl sagte Nicki, dass sie lange darauf würde warten müssen. Missmutig stampfte sie die Treppe herunter, so, dass alle sie hören mussten und die Bibliothekarin sie mit einem bösen Blick abmahnte, und wandte sich nach links; irgendwie würde sie ihr Buch loswerden müssen. Da die Bibliothekarin – eine alte Frau in den Wechseljahren – einen Röntgenblick besass, ahnte Nicki, dass ihr nur die Möglichkeit blieb, das Buch zurück an seinen standartgemässen Platz zu legen.
Unentschlossen verschwand sie in einem der vielen Durchgänge, die durch die Regale gebildet wurden. „Alte griechische Literatur“ liess ein kleines, quadratisches Schild verlauten, das am Regal angebracht worden war.
Zweifelnd betrachtete Nicki ihr Buch, um sicher zu gehen, dass es nicht hierhin gehörte. Doch sie ahnte, dass sie sich unter normalen Umständen – nicht gesellschafts-los – nie in diesen Bereich der Bibliothek gewagt hätte. Welcher schrullige Schüler widmete seine kostbare Freizeit schon der Bearbeitung alter, furchtbar langweiliger griechischer Literatur?
Nicki erhielt sogleich eine Antwort.
„Oh“, murmelte eine ihr bekannte Stimme.
Nicki erstarrte. Von der anderen Seite des Durchgangs hatte sich soeben Joonas genähert.
„Bist du gekommen, um mich dafür zu bestrafen, dass ich mich in Gedanken unehrsam über die alte griechische Literatur ausgelassen habe?“, stotterte sie überrascht.
Joonas betrachtete sie fragend. „Unehrsam?“
„Goethe sei Dank.“ Nicki zuckte die Achseln. „Goethe war kein Grieche, oder?“, fragte sie dann, um sich in ihrer Vermutung bestätigen zu lassen.
„Das wäre mir neu“, antwortete Joonas mit skeptischem Blick.
„Zumindest sprichst du jetzt mit mir. Auch wenn es für ein ‚Hallo’ immer noch nicht ausgereicht hat“, bemerkte Nicki lächelnd. Sie spürte, wie ihr Selbstbewusstsein bröckelte. Für wie ungebildet musste Joonas sie nun halten?
„Hallo.“ Joonas lächelte leicht.
Erleichtert nickte Nicki. Sie hatte es also geschafft, ihm ein zweites Mal ein Lächeln abzuringen. Sie spürte, wie jede Faser ihres Körpers zu einem Siegestanz ansetzte, der ihr Blut in Wallung brachte.
„War das jetzt zu schlechtlaunig?“, fragte ihr Gegenüber leicht neckisch und unterband somit gleichzeitig die merkwürdigen Triebe, mit denen Nickis Körper angebandelt hatte.
Auch Nicki konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Du machst zumindest Fortschritte“, erkannte sie an.
„Schlechtlaunig, unehrsam… was folgt wohl als Nächstes?“
Nicki zog eine Schnute und setzte ihren Dackelblick auf. Zumindest hoffte sie, dass er dem eines Dackels als dem eines vollkommen gestörten Mädchens glich. „He. Du erwartest also schon von mir, dass ich mich schlecht ausdrücke? Dann lässt du mir ja gar keinen Raum für Fortschritte. “
„Ich würde deine Ausdrucksweise nicht als schlecht bezeichnen“, gestand Joonas ein und sein Lächeln gewann an Stärke.
„Sondern?“ So leicht wollte Nicki nicht locker
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Kommentare
Morgause schrieb am 2010-04-22 20:59:47:
und wieder 2 sehr gelungene Teile *freu*
einfach nur super die Geschichte - bin ja gespannt wies noch weitergeht???
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