Herbstnachtsträume, Kap. 9: "Missverständnisse"
von
Yellow Orchid
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9 - Missverständnisse –
Bald schon würde der erste Schnee fallen. Und dieses Mal würden Sonne und Wind die Wetterberichte nicht überlisten können. Dies wurde Juliane in dem Augenblick bewusst, da sie gedankenverloren den Himmel betrachtete; schwere, weissgraue Wolken bedeckten den Horizont und drohten in Kürze ihr gesamtes Gewicht zu entladen. Ausserdem war da der typische Geruch nach Schnee, der die Landschaft umhüllte und sich mit dem Duft von Zimtkrapfen, die die Schulküche herstellte, vermischt hatte.
Donnerstag. War der Donnerstag geeignet für den ersten Schneefall? Irritiert kratzte sich Juliane an der Stirn – normalerweise hasste sie Donnerstage. Sie bewegten die meisten Schüler dazu, bereits ans Wochenende zu denken, was ein Durchkommen in den Schulgängen zwischen den wild diskutierenden Grüppchen deutlich erschwierigte.
Nun, da sie es dennoch geschafft hatte dem Stimmengewirr zu entfliehen, lehnte sich Juliane erleichtert gegen die Aussenmauer des Schulgebäudes. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass ihre kleine Schwester schon bald auftauchen würde; ihr Weg vom Gebäude des Untergymnasiums war weiter und dementsprechend brauchte sie länger. Tatsächlich dauerte es nicht lange, da mischte sich eine dunkle Gestalt in das Bild der ausgeblichenen grünen Landschaft auf weissgrauem Grund; Becky musste den schwarzen Mantel tragen, den ihre Mutter eigentlich Juliane geschickt hatte, dann aber doch zur eher kleineren Statur von Becky gepasst hatte.
„Das Untergymnasium spielt verrückt“, liess Becky bereits von einiger Entfernung verlauten. Als sie Juliane schliesslich erreicht hatte, stöhnte sie laut auf. „Alle suchen momentan nach Lösungen, sich doch irgendwie auf den Weihnachtsball zu schleichen. Du kannst gar nicht glauben, wie ich mich auf das nächste Jahr freue. Und du gehst wieder mal nicht hin?“ Es war eher eine Feststellung, als eine Frage.
Juliane zuckte gelangweilt die Schultern. Sie war es sich mittlerweile gewohnt, dass ihre Schwester sie gerne dafür aufzog, abends nicht oft auszugehen. Wenn ich älter bin, tönte sie des Öfteren, werde ich jedes Wochenende haufenweise Verabredungen haben.
„Ich denke nicht“, meinte Juliane bloss, dachte aber in Gedanken: Warum sollte ich?
„Du bist langweilig, weißt du das?“ Becky schüttelte den Kopf.
Juliane verdrehte die Augen. „Da es das ungefähr hundertste Mal ist, dass du mir das mitteilst, sollte ich es allmählich wissen.“
„Und seit wann trägst du dein Haar offen?“ Becky zeigte sich überrascht.
„Willst du mich nicht eher fragen, seit wann ich Kontaktlinsen benutze?“ Juliane seufzte.
Juliane zuckte zusammen, als Becky ihr mit einem erstaunten Kreischen antwortete. „Stimmt.“ Neugierig wurde Juliane von ihrer Schwester gemustert. „Seit wann?“
„Seit heute morgen. Und ich kann dir sagen; diese Dinger brennen höllisch.“
Becky lächelte vergnügt. „Wer schön sein will, muss leiden, Schwesterherz.“ Und dann: „Jetzt fehlt nur noch etwas Schminke.“
„Danke auch, dass du meine Veränderung gutheisst.“ Juliane schüttelte lächelnd den Kopf. Niemals würde sie Farbe auf ihr Gesicht auftragen – dies erinnerte sie viel zu sehr an die Faschingskostüme, die sie als junges Mädchen stets getragen hatte. Zu solchen Zwecken hatte sie sich anmalen lassen und sie bereute es bis heute, schaute sie sich bloss die Photos an.
„Für deine Veränderung gibt es doch sicher einen Grund?“ Becky hob vielsagend die Brauen.
„Es wäre mir neu, wenn ich dazu einen Grund haben müsste.“ Kaum hatte Juliane ausgesprochen, wurde sie von ihrer Schwester am Arm gepackt.
„Oh.“
„Was?“ Juliane ärgerte sich, dass sie erschrocken zusammengezuckt war. Normalerweise war sie stets versucht, allfällige Bewegungen zuerst mit ihrem Verstand abzusprechen.
„Oh.“
„Du meine Güte, was ist los?“ Mit geballter Kraft entriss sie sich aus dem Griff ihrer Schwester und rieb sich den schmerzenden Arm.
„Oh.“
„Sag mir jetzt bitte sofort…“ Juliane hatte sich umgewandt und entdeckte sogleich den Grund für das seltsame Verhalten ihrer Schwester; Dominic und zwei weitere gutaussehende Jungen hatten sich nach draussen begeben. Der dritte Junge zündete sich soeben eine Zigarette an.
„Dominic Newcole“, hauchte Becky schwärmerisch.
Verstört schüttelte Juliane den Kopf. „Du willst mir doch nicht sagen, dass du auf ihn stehst?“ Sie beschloss, besser nicht zu erwähnen, dass sie noch an diesem Abend eine weitere Stunde mit ihm lernen würde, als sie Beckys schwärmerischen Gesichtsausdruck näher betrachtete.
„Er ist so perfekt…“, keuchte Becky, die Augen fix auf Dominic gerichtet.
„Glaub mir, das ist er nicht“, murmelte Julian lediglich und schüttelte erneut den Kopf. „Hör auf so zu starren!“, zischte sie dann.
„Aber wenn mir doch gefällt, was ich sehe…“
Juliane stöhnte. „Ich bitte dich. Benimm dich gefälligst wie eine Schülerin, die nächstes Jahr in die Oberstufe kommt.“
„Tu ich doch, tu ich doch.“ Noch immer galt Beckys Augenmerk Dominic.
Juliane blieb keine Zeit für eine Antwort. Sie sah, wie die drei Jungen zurück zur Tür gingen, wie Dominic allem Anschein nach zögerte und schliesslich die beiden anderen Jungen im Schulgebäude verschwanden.
„Du siehst gequält aus.“ Selbstbewusst hatte sich Dominic genähert, die Hände in den Taschen seiner Jeans versteckt.
„Mag sein.“ Juliane hörte, wie Becky neben ihr leise fiepte. Wie konnte sie bloss mit dieser Person verwandt sein? Seufzend sagte Juliane: „Das ist meine Schwester, Becky.“
„Hi.“ Dominic nickte Becky freundlich zu, die neben Juliane laut schluckte.
„Ich fass es nicht“, hörte Juliane sie raunen. „Ich habe mit Dominic Newcole gesprochen“, flüsterte sie noch leiser.
„Du siehst gut aus.“ Dominic deutete auf ihr Haar. „Ich hätte nicht gedacht, dass du auf mich hören würdest.“
Hab ich auch nicht, hab ich auch nicht!, fauchte Juliane innerlich, doch sie meinte bloss kühl: „Es war Zeit für eine Veränderung. Das hat nichts mit dir zu tun.“
„Oh.“ Becky flüsterte noch immer. „Diesen Grund nehme ich dir nicht übel.“
Genervt verdrehte Juliane die Augen. Sie ahnte, dass ein Gespräch mit Becky und Dominic gleichzeitig nur schiefgehen konnte, wo sie es doch nicht einmal schaffte, einzeln mit ihnen zu kommunizieren.
„Du hast mir gar nicht gesagt, dass du ihn kennst.“ Juliane ahnte, dass Dominic dies ebenfalls gehört haben musste.
„Dann muss ich es wohl vergessen haben. Aber jetzt weißt du es ja“, sagte Juliane abweisend. Nach ihrem Gespräch mit Lauren war sie sich nicht sicher, wie viel sie anderen Leuten von den Gründen erzählen durfte, warum sie sich mit Dominic traf.
„Weißt du, Kontaktlinsen tun höllisch weh“, säuselte Becky nun an Dominic gerichtet, ehe ihre Stimme brach.
„Das kann ich mir vorstellen.“ Dominic nickte, sein Blick argwöhnisch.
„Das hat mir zumindest Juliane gesagt. Also musst du den Grund fast wert sein.“ Beckys Stimme war zu Julianes Entsetzen so laut geworden, dass Dominic sie klar und deutlich verstanden haben musste.
Nur mühsam konnte sie ein Stöhnen unterdrücken. Sie warf einen schnellen
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Kommentare
Nella schrieb am 2010-05-04 19:59:21:
Wieder mal eine tolle Forsetzung :)
Freue mich schon auf die nächste und hoffe sie kommt bald :)
Lieben Gruß, Nella.
!!! schrieb am 2010-05-03 14:18:09:
Ganz schnell weiter!!!
LG
schrieb am 2010-05-03 13:23:55:
super geschichte...
freu mich schon auf den nächsten teil...
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