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Kategorien > Humor > Humor

Herold Klinger

von Kaddi

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Herold Klinger wuselte wie ein Eichhörnchen vor einer der drei Tafeln in Hörsaal sieben seiner Universität umher. Seit sechzig Minuten versuchte er vor seinen Studenten eine These zu beweisen.
„Und damit chehen Chie dann“, nuschelte er benommen, „dasch die Matrikch pochitiv desinit icht.“ Seine Hand schlingerte, kritzelte noch ein schnelles Q.E.D. unter den Beweis und entspannte sich dann.
Nicht so Klinger. Er war noch völlig aufgewühlt vom gestrigen Abend, so dass er nicht einmal den eben verstrichenen Moment huldigte, in dem er wohl zum ersten Mal in seinem Leben einen s-Laut richtig ausgesprochen hatte.
„Chrchrm.“ Ein Räuspern durchzog die angespannte Stille im Hörsaal. „Professor?“
Klinger schoss herum und blickte ins Auditorium. „Ja?“, entwich ihm, während er mit zusammengekniffenen Augen die Stimme zu lokalisieren versuchte. Doch er erkannte gar nichts. Innerlich fluchend, dass er wieder einmal seine Brille vergessen hatte, hoffte er, der Student würde auch weitersprechen, ohne dass er ihn direkt ansah.
„Sie meinten doch sicher definit und nicht desinit.“, hallte es zu ihm.
Vorsichtig schlängelte sich der Gedanke in sein Gehirn und kurz bevor ihm zum zweiten Mal hätte auffallen können, dass dies soeben der erste s-Laut seines Lebens war, war seine rechte Hand wieder zum Leben erwacht und rückte die Brille auf seiner Nase gerade. Völlig verblüfft darüber, dass er seine Sehhilfe doch bei sich hatte, vergaß er sofort, was sein Zuhörer angemerkt hatte, kramte einen seiner üblichen Standardsätze für solche Situationen hervor und stellte entschlossen fest: „Ja, ja! Hab ich doch gechagt.“
Eine halbe Drehung und er sprach wieder mit der Tafel. „Cho, weiter geht’ch!“ Klinger kniff die Augen enger zusammen. Zu seiner Sehschwäche in der Weite war soeben hinzugekommen, dass er auch die Schrift auf der Tafel nicht mehr erkannte. In Gedanken nahm er sich vor, direkt nach der Vorlesung den Optiker aufzusuchen, um das korrigieren zu lassen. Während er sekundenlang die verschwommene Tafel anstarrte, fragte er sich zunehmend, wie er denn zum Optiker kommen solle. – Er konnte immerhin nichts sehen!
Vielleicht würde es besser, wenn er die Augen enger zusammenkniff... Nein, nichts! Der Nebel im Blickfeld wollte einfach nicht verschwinden.
Er entschied sich direkt nach der Vorlesung seine Frau anzurufen. Ingrid könne ihn dann abholen und dahin bringen, wohin er wollte. – Klinger war so erfreut darüber, eine Lösung gefunden zu haben, dass er völlig vergaß, dass sich Ingrid vor einem Monat von ihm getrennt hatte und ausgezogen war.
„Professor?“ Wieder die Stimme aus dem anderen Nebel hinter ihm. Zumindest könnte es dieselbe gewesen sein. Sicher war er sich nicht. Klinger drehte sich langsam herum, in der Hoffnung, alles würde wieder klarer.
„Ja?“, fragte er benommen in die tiefen Schwaden.
„Wollten Sie nicht weitermachen?“
Er war so in Gedanken gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie viel Zeit schon verstrichen war. Nachprüfen konnte er es auch nicht, denn auch seine Uhr gehörte zu den Dingen, die er nicht erkennen konnte. Reflexartig griff seine rechte Hand nach seinem linken Arm und taste vorsichtig nach der Armbanduhr. – Sie war nicht da. Hatte er sie zuhause vergessen? Seine Frau hätte ihn doch daran erinnert!
Schlagartig wurde ihm klar, dass Ingrid ihn nicht daran erinnern konnte, da sie ihn verlassen hatte. Erschrocken darüber, wie er dies vergessen konnte, riss er die Augen auf. –
Und der Nebel lichtete sich.
Im Bruchteil einer Sekunde schnellten seine Gedanken weg von Ingrid und hin zu seinem wiedergewonnenen Augenlicht, und er nahm sich vor, die Augen nie mehr zusammen zu kneifen.
Gedankenverloren blickte er auf seine Armbanduhr am rechten Arm – ignorierte, dass sie doch da war – stellte fest, dass er noch genau drei Minuten Zeit hatte und machte da weiter, wo er zuvor aufgehört hatte. Die verlorene Zeit würde er einfach hinten anhängen.
Schließlich musste er nicht mehr zum Optiker.

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