Heute hier, morgen tot
von
Slade
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"Ich kam aus der Dämmerung der Zeit und wandelte unerkannt durch die Jahrhunderte.
Verborgen vor den Augen der Welt, trachtete ich danach, die Zeit meiner Erlösung zu erreichen.
Ihr wusstet nicht, dass ich unter euch weilte... bis heute."
Heute hier, morgen tot
Der Nachtwächter blätterte halb dösend in der Tageszeitung, als er plötzlich ein lautes Geräusch hörte. Ein Geräusch, dem er wohl nachgehen sollte.
Er legte die Zeitung weg, nahm eine Taschenlampe von seinem Gürtel, stand auf und löschte das Licht im Raum. Zögernd verließ er sein Büro und schritt durch die riesige Lagerhalle, deren Bewachung seine Aufgabe war.
Ein paar Minuten zuvor, ein paar Meter von dem Gebäude entfernt, hatte sich der Boden auf einmal erwärmt. So sehr, dass er begann zu schmelzen. Dann schoss plötzlich ein riesiger, grellblauer Blitz durch die Luft und schlug in die heiße Fläche ein. Der Knall war dabei so laut, dass die Fensterscheiben in den umliegenden Gebäuden in tausend Stücke zerrissen wurden. In dem kochend heißen Teer lag nun ein nackter Körper. Ein Mensch.
Der Wächter lag ebenfalls auf dem Boden. Er hatte sich hingeworfen, als die Druckwelle die Lagerhalle erschütterte. Vorsichtig stand er wieder auf und sah sich um. Vermutlich war irgendwo in der Nähe eine Gasleitung geplatzt, dachte er sich.
Nicolas öffnete die Augen und stand sofort auf. Er sah sich um und stellte fest, dass er sich an einem Hafen befand. Neben ihm stand eine Lagerhalle.
»Wer ist da?« fragte die Nachtwache verunsichert in die Dunkelheit hinein. Die Taschenlampe war ihm keine große Hilfe.
Nick trat aus der Finsternis hervor. »Geben sie mir bitte ihre Kleidung.«
Der andere Mann riss fassungslos die Augen auf und Nick lächelte.
»Sie könnten es gar nicht verstehen.« Dann sprang er mit einem Satz zum Wachmann und schlug ihn nieder. »Ich verstehe es ja selbst nicht.«
Er durchsuchte ihn gründlich und fand eine Pistole und eine Brieftasche. Der Ausweis war in Kanada ausgestellt. Er hatte demzufolge nicht den Staat gewechselt. Was für ein glücklicher Zufall!
Nick zog sich die Uniform des Nachtwächters an und verließ dann mit seiner Waffe den Hafen.
Alice Jordan schaute verträumt in die schillernde Spiegelung des Mondes, während Nick schweigend die Ruder bewegte.
Sie befanden sich auf dem Montgomery-See im Süden Kanadas. »Die Hütte gehört einem guten Freund von mir«, hatte Nick ihr erklärt. »Wir können hier so lange bleiben, wie wir wollen.«
Alice ließ ihre Hand im Wasser treiben. Es war so klar, dass sie den Grund sehen konnte.
»Es kommt mir vor, als hätte ich einen schönen Traum«, flüsterte sie. »Ich möchte nie wieder aufwachen, Nick.«
»Immer wenn ich Zeit zum Nachdenken brauche, komme ich hier hinaus. Ja, der Ort ist wirklich herrlich«, stimmte ihr Nick zu.
Mittlerweile waren sie schon etliche Meter vom Ufer entfernt und Nick zog die Ruder ins Boot.
»Ich muss zugeben, dass ich nicht mit dir hierher gekommen bin, nur um nachzudenken...Mein...« Nick schüttelte den Kopf. »Wir kennen uns nun schon eine ganze Weile. Lange genug, um zu wissen, dass ich dir vertrauen kann. Ich meine, wirklich vertrauen.« Er rückte ihr langsam näher, darauf achtend, das Boot nicht zu kippen. Dann nahm er ihre Hand und umschloss sie sanft.
»Was ich dir jetzt sage, ist die Wahrheit.« Eine kurze Pause. »Mein Name ist nicht Nick Manor. Mein richtiger Name lautet Nicolas Ramon Kilay.«
Ungläubig prüfte Alice seine Gesichtszüge, doch Nick hielt dem Blick stand und schaute ihr weiterhin ernst in die Augen. Bevor sie etwas erwidern konnte, fuhr Nick fort.
»Aber das... das Entscheidende ist nicht der Name. Ich... ich bin 1100 Jahre alt und unsterblich.«
Nick küsste ihre Hand. Sie merkte, dass er völlig ernst blieb, und musste unwillkürlich schlucken.
»Ich bitte euch, Bruder Adelmus, gewährt mir die Sakramente der Beichte.«
Nick saß in einer Beichtkanzel, und neben ihm, hinter einem nur schwach durchsichtigen Gitter, sein Freund und Ordensbruder Adelmus von Arundel.
»Ich gewähre sie euch, wie es der Herr befiehlt. Was, Bruder Nicolas, was habt ihr mir zu beichten.«
»Vergebt mir, denn ich habe gesündigt gegen das Keuschheitsgebot, gegen meine Pflichten als Mönch sowie gegen ein Gebot Gottes.«
Adelmus schlug ein Kreuz von seiner Brust.
»Dass ihr eure Unbeflecktheit als Priester verloren habt, kann ich euch nicht vergeben, dazu habe ich nicht das Recht, also klärt dieses selbst mit Gott und bittet ihn um Vergebung. Über eure Pflichten als Mönch wisst ihr Bescheid, also tut entsprechend Buße und betet, auf dass ihr es in Zukunft besser macht. Doch den Verstoß gegen eines von den Geboten Gottes müsst ihr mir erklären.«
»Ihr habt vielleicht schon von dem ermordeten Priester aus Pomposa gehört.«
Adelmus überlegte eine Weile.
»Ja, ich glaube, ich hörte davon.«
»Ich bin der Sünder, der diese Tat begangen hat«, gestand Nick.
Adelmus schlug wieder das Kreuz und murmelte etwas.
»Aber ich tat es nicht aus Rache oder Habgier oder dergleichen. Ich tat es aus Furcht. Aus Furcht, dass mein Geheimnis der Welt offenbart wird. Denn wenn das geschieht, müsste ich fliehen vor der Welt und mir würde nachgejagt und nachgestellt auf ewig.«
»Doch was, lieber Bruder, was ist dieses Geheimnis, von dem ihr sprecht. Weswegen ihr so große Angst habt.«
Dann schwieg Nicolas einige Zeit.
»Ich bin unsterblich. Und das ist wahr, so wahr, wie ich hier sitze und vor euch und vor Gott spreche. Und wenn es nicht wahr ist, so soll ein Blitz mich treffen und mich töten.«
»Ich glaube euch«, erwiderte Adelmus. »Und falls ihr trotzdem gelogen habt, so möge Gott euch strafen aufs Schrecklichste. Und nun geht, seid ein frommer Mönch und betet, ich... muss nachdenken. Euch ist hiermit vergeben.«
»Ich wurde im Jahre 742 n.Chr. geboren«, erklärte Nick. Alice hörte weiterhin schweigend zu. »Mein Vater stammte aus Russland, meine Mutter war Engländerin, die als Verräterin verstoßen wurde. Als ich noch sehr jung war, wurden wir von Wegelagerern überfallen. Vor den Augen meines Vaters und mir wurde meine Mutter mehrmals geschändet und geschlagen. Dann töteten sie meine Eltern und ließen mich laufen, warum weiß ich nicht. Der Abt eines italienischen Klosters fand mich einige Zeit später, als er auf einer seiner vielen Reisen war. Also wuchs ich als Waise in seiner Abtei auf und führte ein normales Leben als Mönch. Ich starb im Jahre 789 n.Chr. im Alter von 47 Jahren an einer Lungenentzündung. Doch ich erreichte nie den Himmel, wie es uns Mönchen damals versprochen wurde. Nein, ich wachte im damals noch unentdeckten Amerika auf, wo mich Navajo-Indianer in ihren Stamm aufnahmen. Seit dieser Zeit wache ich jedes Mal, wenn ich sterbe, als 30-jähriger an einem anderen Ort irgendwo auf der Erde auf. Mit dem gleichen Körper, mit dem gleichen Gesicht, völlig nackt... Normale Menschen betrachten das Leben als eine Aufgabe oder ein Geschenk, ich aber betrachte das Leben als eine Qual und sehne
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Kommentare
Slade schrieb am 2008-01-17 11:31:53:
Danke! :-)
An das "Sie" in der Anrede, werd ich denken.
Zum Schluss: Die beiden letzten Absätze gehören zusammen, fällt mir gerade auf - war ein Format-Übertragungsfehler von mir. Inhaltlich wird eben immer nur zwischen der See-Szene und den anderen Plots hin- und hergesprungen. Vielleicht ist es mit dem Wissen nun deutlicher.^^
LG
Johannes Beck schrieb am 2008-01-16 17:54:15:
Donnerwetter.
Wow. Als ich den Anfang gelesen hatte, fühlte ich mich an "Terminator" erinnert und erwartete einen Abklatsch...vergebens. Dann dachte ich, es würde die Geschichte eines Uralten Vampires ähnlich wie "Interview mit einem Vampir" werden... wieder falsch. Der Schluss hat mich vollkommen überrascht. Ehrlich gesagt verstehe ich ihn immer noch nicht ganz, aber man kann sehr schön darüber nachdenken. Vorallem diese "flashes" von Alice finde ich verwirrend und gut.
Ebenso machen die Zeitsprünge, die das Grundgerüst deiner Geschichte bilden, einen sehr guten Effekt. Man versinkt förmlich in Nicks Leben und kehrt doch immer wieder zum "Jetzt" zurück.
Allerdings: schreibe doch bitte, bitte, bitte... das Wort "Sie" (nur als Anrede) in wörtlichen Reden groß, z.B. "Wir wissen alles über Sie."
Insegesamt eine echt sehr gute Geschichte.
Gruß Jo
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