Heute nacht oder nie oder der Herr von nebenan
von
Chris Kohl
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Langsam streicht Emma mit der Haarbürste durchs graue Haar. Ihre Zimmerkollegin schwebt schon singend zur Tür hinaus. „Wieder viel zu viel Parfüm hat sie versprüht“ murmelt Emma und mustert ihr Spiegelbild. Viel Falten durchziehen ihr Gesicht. Ein langes Leben lag hinter ihr. Im Mai wird sie ihren 75. Geburtstag feiern. Seit mehr als 5 Jahren war sie nun Witwe. Als ihr das Treppen steigen immer schwerer viel, faßte sie den Entschluß in ein Seniorenheim zu gehen. Hier wurde sie rundum gut versorgt und hatte auch Ansprache. Nur ein Wehmutstropfen vergällt ihr etwas den Lebensabend. Für ein Einzelzimmer reicht ihre Rente nicht und mit ihrer etwas exzentrischen Zimmerkollegin, die sich für eine verkannte Operndiva hält, war nicht immer leicht auszukommen. Seufzend ordnet Emma noch ihren Blusenkragen und verläßt mit ihrer Gehhilfe das Zimmer. An der Tür stockt sie, ihr Herz klopft laut und ihre Hände werden feucht. Ärgerlich schüttelt sie den Kopf über sich selber. Jedes Mal, wenn der Herr vom Zimmer nebenan im Flur erscheint hatte sie diese Anwandlungen.
Heute am Silvesterabend sitzen die rüstigen Bewohner gut gelaunt im Café und warten auf den Jahreswechsel. Aus dem Radio erklingen alte Schlager und es ist sehr gemütlich. Emma setzt sich so, das sie den Herrn von nebenan im Blick hat. Er war erst vor ein paar Wochen eingezogen und seit dem gefällt er Emma immer mehr. Seine Art zu reden, wie er beim Essen die Gabel hält und wie er die Augen beim Lachen schließt. Nie hat Emma gedacht, dass sie noch mal solche Gefühle für einen Mann, außer ihrem Hubert, empfinden kann. Da, hat er nicht zu ihr rüber geblinzelt. Freudig nippt Emma am Bowleglas und schimpft sich selber einen alten albernen Backfisch.
Träumend sieht sie in die verschneite Landschaft vor dem Fenster, eine stärke Schulter zum Anlehnen wäre schon sehr schön. Nur wie sollte es nur dazu kommen. Ihre Enkelin Nicole hat ihr den Rat gegeben: „Oma, sprich den Typ doch einfach an!“ Nein, früher hat ein Mädchen gewartet bis der Mann ihr den Hof gemacht hat. „ Früher ja, aber wir sind doch nicht mehr im Mittelalter,“ kontert Nicole schnodderig. Lachend erwidert Emma, dass ihr dazu einfach der Mut fehlt. „Was kann schon passieren? Wenn dich der Typ nicht mag, wird er es dir schon sagen. Pech gehabt! No risk, no fun!“ „Nicole, du redest dich leicht, aber ich muß weiterhin mit dem Herrn dann hier leben, und dass ist mir sehr peinlich.“ „Omi, dann muß du es auf deine altmodische Art machen. Opa, hast du doch auch rumgekriegt.“ „Das waren andere Zeiten. Ich war jung und hübsch. Außerdem war dein Großvater so verschossen in mich, das Eines das Andere ergeben hat.“
„Wollen sie noch etwas Bowle, Frau Basch,“ fragt die Pflegerin und reißt Emma aus ihren Träumen. „Ja, bitte. Danke schön.“ Sie nimmt ihr Glas und will gerade trinken, als der Herr von nebenan ihr freundlich aus der Entfernung zuprostet. Freudig erschrocken erwidert Emma den Gruß. Trinkt einen Schluck und sieht aus den Augenwinkel, wie der Herr von nebenan, auch den anderen Damen zuprostet. Dumme Pute schimpft sich Emma selber, bilde dir ja nichts ein. Da, jetzt tanzt er auch noch mit der „Operndiva“. Lächerlich!
Müde und enttäuscht steht Emma auf und geht mit schleppenden Gang zur Tür. Eine Pflegerin geht ihr nach. „Frau Basch, ist ihnen nicht gut? Sie sind so blaß!“ „ Danke, geht schon. Ich bin nur müde, und will ins Bett.“ „Ich bring sie rauf. Kommen sie!“ Emmas Beine sind Blei schwer. „Ihre Beine wollen heute gar nicht. Vielleicht zuviel Bowle?“ meint die Pflegerin freundlich lächelnd. Als sie Emmas eingefallenes Gesicht sieht, erschrickt sie etwas und führt Emma ins Pflegezimmer. „Setzten sie sich auf den Stuhl hier. Ich möchte zur Sicherheit doch lieber den Blutdruck messen.“ Emma krempelt den Ärmel ihrer Bluse hoch und die Pflegerin legt das Gerät an. „Ein bißchen nieder ist der Blutdruck schon. Am Besten, sie legen sich gleich hin. Ich schau später noch mal nach ihnen.“ Langsam geht Emma aus dem Zimmer und will den Flur entlang zu ihrem Zimmer. „Geht es ihnen nicht gut?“ fragt eine sonore Stimme besorgt. Mit einem Ruck dreht sich Emma um und taumelt etwas gegen die Wand. Schnell greifen zwei kräftige Arme nach ihr und ziehen sie etwas zu fest und nah an sich. „Danke, es geht schon wieder,“ haucht Emma. Der Herr von nebenan läßt sie langsam los und meint: „Gut, keine Ursache.“ Er dreht sich um und will den Flur zurück zum Café gehen. Emma denkt, jetzt oder nie. „Hätten sie Zeit und Lust, mit mir morgen abend zum Neujahrskonzert in die Stadthalle zugehen? Ich habe zwei Karten und würde mich über ihre Begleitung freuen.“ Der Herr von nebenan kommt langsam zurück und schaut tief in Emmas Augen und sagt: „Gerne begleite ich sie. –
Wollen wir zurück zum Silvesterball gehen. Fühlen sie sich besser?“ „So gut, wie schon lange nicht mehr.“ Lachend und erzählend gehen sie zum Café zurück. Um Mitternacht stoßen sie mit Sekt an und heißen das neue Jahr willkommen.
Spät in der Nacht ruft Emma ihre Enkelin auf dem Handy an und erzählt ihr, dass es auch mit 74 Jahren noch Schmetterlinge im Bauch gibt.
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