Himbeertee
von
Mary
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„Dann töte sie doch.”
Sie hatte es gesagt. Nicht mal aufgesehen hatte sie. Las einfach weiter. Gelangweilt.
Schweigend nippte ich an meinem Tee. Ich mochte das Café. Dort habe ich sie auch das erste Mal getroffen.
Sie war dagesessen und hatte gelesen, wie jetzt.
Sie las so gern.
Alles, von Goethe über Kafka bis J. K. Rowling.
Und doch hatte sie, vor Bildung aus ihren Büchern überschwemmt, ein Todesurteil abgegeben.
650 Schüler, 16 Lehrer, 2 Sekretärinnen, 1 Hausmeister.
Vor allem aber meine Klasse.
28 Schüler, die mich ohne Grund hassten, quälten, erniedrigten.
622 Schüler und 16 Lehrer, die wegsahen.
1 Mädchen, das sagte: “Töte sie doch.”
Unverantwortlich?
Vielleicht.
Aber sie hatte recht.
Ich habe ebenfalls daran gedacht.
Mehr noch.
Alles vorbereitet gehabt.
3 Schusswaffen, 3 Schalldämpfer, 2 Dosen Tränengas, 2 Messer, 1 Elektroschocker, 13 Schachteln Patronen.
Dazu nachgefertigte Schlüssel.
Niemand sollte entkommen.
Keiner.
Jeder wusste es, niemand hat etwas getan, weggesehen.
Feiglinge.
Ich hatte alles dabei. Heute.
Es war halb. Um 8 sollte es losgehen.
Ein letztes Treffen mit ihr.
Habe sie vor zwei Wochen kennen gelernt.
Sie geht in eine andere Schule.
Es war kein Platz mehr gewesen, so setze ich mich zu ihr.
Wortkarg, aber wir freundeten uns an. Außenseiter und Außenseiter.
Sie wurde gemieden, ich gehasst.
Wir trafen uns regelmäßig. Sie las, ich dachte nach.
Heute erzählte ich ihr von dem letzten Tropfen, den letzten Fehler meiner Peiniger.
Alles war bereit.
Es musste nur die Schulglocke läuten. Dann würde es zu spät sein.
“Dann töte sie doch.”
So wundervolle grüne Augen. So ernst. Kein Lächeln.
Schweigen.
“Ich bin nicht schwach.” flüstere ich.
Schweigen.
“Doch.” sagte sie.
Das Leben ist bunt und treibt Wellen, auf den wir aufspringen müssen, um zu dem heiß begehrten Land zu kommen.
Schwache gehen im Wasser unter.
Nur die Schwimmer überleben in den Wellen.
Ich will das Bunte wieder sehen.
“Nur Schwache wollen schießen.”
Ich blickte auf.
“Und Starke?” fragte ich leise.
Sie blätterte um.
Die Lehrlinge zu Sais. Novalis. Wundervoll. Eines seiner schönsten Werke.
“Sagen ihnen die Meinung und gehen. Wie Jesus. Wenn sie dich schlagen, halt ihnen die andere Wange hin. Verwirrt sie. Zu dumm um es zu kapieren.”
Jesus …
Ich bin nicht gläubig.
“Bist du stark oder schwach?”
Was war ich?
Ich wurde gedemütigt und geschlagen.
Meine Seele hatte tiefe Wunden.
Blätterrascheln.
Ich konnte nicht antworten.
“Lass es einfach.”
Sie nahm einen Schluck Himbeertee, die Augen auf Novalis gerichtet.
Natürlich.
Sie wusste es.
“Ich bin stark.”
Sie nickte.
“Erschießen ist was für ungebildete Idioten.”
Lächelnd blickte sie mich an.
Das erste Mal.
Ich lächelte zurück.
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