Himmelsklänge
von
Shagohood
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Und dann war es still! Er hatte aufgehört! Ich hielt die Luft an. Hatte er mich etwa gehört? Konzentriert versuchte ich jeden Klang aus der Luft zu filtern.
Ich hörte das leise, unnachgiebige Prasseln des Regens gegen das Fenster. Ich hörte das beklemmende Flötenspiel des Windes, der seinen Atem auch durch die kleinsten Öffnungen unseres Hauses trieb. Langsam verlagerte ich mein Gewicht um einen besseren Stand zu haben. Unter meinem Gewicht ächzte der Boden auf. Die Eichendielen kreischten meine Anwesenheit förmlich in die Stille. Ich biss mir auf die Unterlippe und verfluchte zugleich den alten Boden unseres Hauses. Hat er mich gehört? Einen kurzen, aber endlos erscheinenden Moment war es wieder still.
Und es geschah, dass die engelsgleichen Klänge wieder aus dem Raum erklangen, welcher sich nur noch wenige Schritte vor mir befand. Es war das Schönste was ich je gehört hatte. Die sanften Klänge flogen durch die Luft wie Blütenblätter aus Schall und legten sich auf alles, was sich in der Nähe befand. Man konnte beinahe sehen, wie die herzhaften Töne den grauen Schleier dieser Welt anhoben und das wahre Licht des Seins zum Vorschein kam. Ich schloss meine Augen und lauschte den Klängen. Fort waren nun das Prasseln des Regens oder von das Pfeifen des Windes. Ich betrat eine andere, neue Welt. Es war so als ob meine Seele sich von meinem Körper löste und ich nur noch in dieser Musik schwebte. Frei von Sorgen, Leid oder Sterblichkeit. Die Musik berührte mich so sehr, dass ich regelrecht spüren konnte, wie sie meine Seele veränderte. Neue, ungeahnte Gefühle der Euphorie platzten aus jeder Faser meines Geistes. Solange wie diese Musik spielte, war ich erfüllt.
Um ein Haar hätte ich vergessen auszuatmen. Der unbarmherzige Druck in meiner Lunge hatte mich wieder zurück in meinem Körper gezwungen. Ich atmete tief ein und aus und löschte das Feuer, was in meinem Lungen brannte. Ich beschloss weiterhin der Musik zu lauschen und mich zu nähern. Ich wollte mehr von dieser Musik erleben. Die letzten Schritte vor der Tür musste ich gegen die beflügelnde Wirkung ankämpfen um keine verräterischen Geräusche zu machen und konzentrierte mich auf meine Schritte. Endlich war ich an der Tür, welche einen Spalt geöffnet war. Durch die schmale Öffnung drang mir Licht ins Auge und ich erblickte ich die Quelle der Musik. Ein junger Mann spielte an einem großen Kasten. Seine Finger tanzten auf den schwarzen und weißen Tasten und gaben somit die Klänge vor. Seine Augen waren geschlossen und sein Kopf leicht nach hinten gelehnt. Selbst die Quelle der Musik konnte sich ihrer Macht nicht entziehen. Ich kniff die Augen zusammen um zu entziffern was auf dem Papier geschrieben stand, welches vor ihm befand. Auf dem Kopf des Papiers stand etwas wie „Ascensa in Alba“, aber ich vermochte es nicht genau zu lesen. Darunter befanden sich allerhand merkwürdige Zeichen und Striche. Ich wusste, dass ich noch zu jung war um zu verstehen, was es damit auf sich hatte, also kümmerte es mich nicht und hörte ich weiter zu.
Doch ein fremdes Geräusch von draußen zerschnitt wie mit einem Schwert die Klänge. Es war ein Fahrzeug, bei dem die Hupe betätigt wurde. Hektisch erhob sich der junge Mann von seinem Stuhl und sprang zum Fenster. Als er hinausschaute verzogen sich seine Gesichtszüge. Ich sah Verzweiflung in seinen Augen. Irgendetwas stimmte nicht. „Verdammt!“ fluchte er leise. Fast panisch drehte er sich um, blickte zur Tür und schaute mir direkt in die Augen. Er hatte mich entdeckt. Der Ausdruck in seinem Gesicht verschlimmerte sich. „Was machst du denn hier?“ fragte er ungläubig. „Ich wollte dir nur zuhören.“ sagte ich beschämt und versuchte dabei nicht ängstlich zu klingen. Ein Schrei auf der Straße riss den Mann aus unserem Blickkontakt. Da unten schienen viele Menschen zu sein.
„Schnell du musst dich verstecken. Sie kommen!“ mahnte er und zog mich in das Zimmer. Ich spürte seine Angst und tat was er sagte. Er schob mich in den Schrank und verschloss die Türen. „Ich bitte dich sei leise. Sei bitte leise!“ flüsterte er. Voller Angst versuchte ich zu erahnen was außerhalb meines Verstecks passierte. Doch meine Angst kannte kein Erbarmen und zwang mir eine starke Atemnot auf. Ich vermochte es nicht mehr meinen Atem unter Kontrolle zu halten. Immer hektischer presste ich die Luft aus meinem Körper. „Zu laut. Viel zu laut“, dachte ich.
Ein Krachen erfüllte unser Heim. Irgendjemand muss an der Haustür sein. Ich schrie auf. Der junge Mann war immer noch im Zimmer. Ich hörte wie er auf und ab ging. Wieder ein Krachen. Jemand war im Haus. Ich fing an zu weinen. Ich hatte Angst. Schwere und schnelle Schritte kamen auf uns zu. Ich wusste nicht wer es war, aber es waren viele.
Ich glaubte nicht was ich in diesem Moment hörte. Der junge Mann hatte wieder angefangen zu spielen. Wieso versteckte er sich nicht? Wieso versuchte er nicht sich zu retten? Die schönen Klänge verschluckten erneut die Töne seiner Umwelt. Jemand trat die Tür auf und rannte in das Zimmer, doch er spielte weiter. „Hören Sie sofort auf zu spielen!“ schrie ihn jemand an, doch er gehorchte nicht und fuhr fort. „Zwingen Sie mich nicht, das zu tun!“ schrie die Stimme wieder laut durch den Raum. Ich verstand warum er nicht aufhörte. Der junge Mann war mein Beschützer. Er war mein Bruder. Einen Moment lang war nur die Musik zu hören.
Dann knallte es laut. Wie eine Welle breitete sich dieser Knall in der Welt aus.
Und dann war es still.
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Kommentare
Lady schrieb am 2008-04-15 12:28:19:
Hey Marty, so jetzt habe ich es auch mal geschafft die geschichte zu lesen und dir einen kommentar zu machen =) ich find die kurzgeschichte über toll, du hast deinen eigen style und somit einen tollen erkennungswert =) wie du formulierst ...als wäre man selbst mitten drin , die geschichte gefiel mir sehr, da ich selber kalvier liebe =) du verzauberst jeden mit deinen geschichten vorallem mich =) hoffentlich lesen wir bald mehr von dir =) lieb dich :-*
Juls schrieb am 2008-03-04 22:51:05:
Hm, die Passion, für ein bisschen Schönheit zu sterben. Magst du offensichtlich sehr gern, solche Themen.
Mich erinnert die Geschichte an "der Pianist"...zumindest konnte ich mir dadurch die Atmosphäre zwischen revolutionärer, kalter, grauer Kriegsstimmung und zarten, weltfremden, hellen Pianoklängen gut vorstellen und ins Gedächtnis rufen.
Im Grunde ist diese Kurzgeschichte von einem ganz ähnlichen Aufbau, wie "der Erste Schnee". Stiltypisch für dich ^^...allerdings schätze ich jene "Schaffer" sehr, die aus ihrer eignen Haut rausgehen und immerwieder neue, andere Dinge ans Tageslicht bringen. Meinst du, du könntest das? Mal ohne Hemmung dein Herz aufs Blatt schreien? Wär denk ich sehr interessant...und buchstäblich herzzereißend... . Erster Schritt wäre vielleicht, deine Kurzgeschichten aus der "Verpackung" zu holen. Damit meine ich z.B. das Weglassen oder Ersetzen des Kriegszenarios. Ich meine, Krieg ist ein Ausdruck des Leids, der Unterdrückung, der Gewalt. Aber all diese Dinge kannst du auch "roh" darstellen, zusammenlaufend in einer Person z.B. Keine Ahnung, ob du mir folgen kannst.
Aber durch so eine Sprengung deiner bisherigen Ideen könnte deinen Geschichten nochmal ein ganz neues Gesicht geben.
lg, Juls ^.^
Ich erwarte ein Rückkommentar von dir, is doch wohl klar XD!
Robin schrieb am 2008-02-18 12:39:53:
Super Sir aber ich würde die wörtliche Rede am Ende anders gestalten obwohl die die Stimmung richitg zerreißt , was ja auch wieder viele Interpretationsmöglichkeiten aufzeigt. Ich kann ja mal ne Analyse machen^^. Ansonsten echt gut ich wollte wirklich wissen wies ausgeht erinnert mcih aber an den Typen der um 12 Uhr zum Bahnhof zur Exekution kommen musste ...
Dene schrieb am 2008-02-13 15:55:19:
Hmm also ganz ehrlich, ich weiß noch nicht so richtig was ich von dieser Geschichte halten soll. Ich behaupte ohne Zweifel das sie gut ist bzw. das einen ja so etwas auch erstmal einfallen muss, darüber hinaus gefällt mir der Schreibstil, wie bei allen deiner Geschichten. Jedoch vermisse ich in dieser Geschichte das Gefühl, die Welt für kurze Zeit so zu empfinden wie der kleine Junge, ich komme einfach nicht richtig in die Geschichte rein.
Naja vielleicht habe ich sie einfach zur falschen Zeit gelesen.
Wenn du noch Fragen zum Kommentar hast, nur zu.
Liebe Grüße
Dene
Lisa schrieb am 2008-02-13 15:31:10:
Die Story ist echt toll, wie so vieles was du schreibst.
HDL *Kussy*
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