Hochzeit in der Besteckschublade
von
Hildegard Grygierek
Es waren einmal zwei Gabeln, die lebten in der Besteckschublade eines italienischen Restaurants.
Die eine hieß „Gabella“ und war eine schöne schlanke Kuchengabel, wurde manchmal aber auch für Tiramisu vorgelegt, bei der anderen handelte es sich um „Gabello“, einer Fleischgabel.
Beide mochten sich schon seit ewig langer Zeit, konnten aber einfach nicht zusammenfinden.
Während die schöne Gabella Rücken an Rücken mit Gleichgesinnten das enge Fach der Besteckschublade teilte, lag Gabello zwischen Tortenhebern und Suppenkellen ziemlich weit von ihr entfernt.
Unüberwindbar schien die Strecke zu sein, die sie von einander trennte. Hinzu kam, dass die anderen Kuchengabeln sie in der Mitte hielten, was ihr jedwede Bewegungsfreiheit nahm. Regungslos schien auch ihr Liebster unter einer kugelrunden schweren Kelle zu liegen, die ihn fast erdrückte.
So war es ihnen leider nur möglich, sich hin wieder ein Auge zuzuzwinkern, was ihnen aber nicht ausreichte. Schließlich waren sie ineinander verliebt und wollten sich auch mal gerne aneinander reiben. Die anderen Bestecke taten es ja auch, zum Beispiel das Schmiermesser mit dem Honiglöffel. Obwohl sie überhaupt nicht zusammen passten, das meinten übrigens auch die großen Tranchiermesser, fand der Koch sie immer wieder zusammengeklebt in der äußersten Ecke der Schublade.
„Wenn das noch einmal vorkommt“, meinte er, „dann werde ich dafür sorgen, dass ihr demnächst eine ordentlichen Wäsche im Geschirrspüler bekommt!“
„Armes Schmiermesser“, dachte Gabella und schmiss ihrer verehrten Fleischgabel einen verliebten Blick zu.
Gabello, schon seit Tagen vom Koch vernachlässigt, hatte eine Idee. Fest entschlossen das niedliche Kuchengäbelchen zu heiraten, rebellierte er in der Schublade. Hin und her warf er sich, unter der Kelle, dass es nur so schepperte.
„Mama Mia“, wunderte sich der Küchenjunge, „wasse issene los in die Lade mit die Besteckene?“
Sein „O sole mio“ sollte ihm vergehen, denn als er die Lade aufzog, stahl sich die Fleischgabel hervor, ihn kraftvoll zu pieksen. „Was hast Du? In zu heiße Tomatensoße gerührtene, oder was?, regte sich der Küchenjunge auf.
„Hör gut zu“, drohte ihm Gabello, „Du wirst nie wieder Pasta kochen, wenn Du mir nicht hilfst ans Kuchengäbelchen zu gelangen.“
Vor Schreck ließ Peppino, der Lehrling, die Spaghetti für die Gäste zu weich kochen. Das sollte Ärger mit dem Koch geben. Wenn sich nämlich herausstellte, dass er auch im dritten Lehrjahr die Nudeln immer noch nicht „al dente“ kochen konnte, war ein Wechsel der Lehrstelle unausweichlich.
Die Schwägerin des Chefkochs brauchte nämlich für ihren Hundesalon noch jemanden zum Gassi-Gehen. Also, entweder blitzschnell bissfeste Nudeln herbeizaubern, oder sich in Zukunft von verwöhnten Pudeln beißen lassen.
„Verstehst du Peppino, ich will Gabella, die süße Kuchengabel heiraten. Aber bevor ich ihr einen Heiratsantrag mache, möchte ich gerne ein wenig mit ihr allein sein. Wenn Du mir behilflich bist, werde ich dir helfen die Gäste und den Koch zu überraschen.“
Gabello, der ohne Akzent sprach da er aus Solingen stammte, glänzte edel wie Stahl aus der Besteckschublade -vor lauter Aufregung.
„Aber wie“, fragte der kleine Küchenjunge völlig verstört, „wie kanne das funktionierene, he?“
„Das ist ganz einfach“, versuchte Gabello ihn zu überzeugen, „ich werde das gesamte Besteck aus der Schublade an ihre Lieblingsplätze beordern. Du brauchst den Gästen das Ganze dann nur noch auftischen. In der Zwischenzeit kocht Luigi ein Festmahl.“
Luigi war der verliebten Fleischgabel bester Freund. Sie kannten sich aus einem Nobelhotel an der Adria und als Luigi damals die Stelle wegen Langfinger wechseln musste, nahm er Gabello kurzerhand mit.
Gabello zitierte sämtliche kleine Löffel an die Puddingschälchen, alle Gabeln, husch husch neben die Pastateller, Suppenlöffel- marsch an die Suppentassen für Minestrone und so weiter und so weiter... bis er und seine heißgeliebte Gabella ganz allein in der Schublade lagen.
Endlich konnte sich die kleine Kuchengabel an ihre große Liebe, der schön geschwungenen Fleischgabel schmiegen und beide waren glücklich und zufrieden.
Neun Monate später brachten sie sechs kleine entzückende Mokkalöffelchen zur Welt und wurden zur speziellen Freude Luigis zu ihm mit nach Hause genommen.
© 2003 by Hildegard Grygierek
Kommentare
Hega schrieb am 2008-11-20 16:49:18:
Eine schöne Geschichte. Wurde mit einem Satz kleiner Gabeln und Teelöffeln verschenkt
janni schrieb am 2008-06-24 12:07:00:
echt coole geschichte!! könnte ich erzählt haben!! :D
supergirl@tiscali.de schrieb:
Super! Nette Geschichte!
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