Hört mir zu! Teil 2
von
Floriel
1
3. Als Josy am Morgen darauf aufwachte, schien ihr die Sonne in die Augen. Es wurde wieder ein trügerisch schöner Tag. Nach einem Blick auf ihren alten Micky Maus Wecker ließ sie den Kopf wieder auf das Kissen sinken. Es war noch viel zu früh, auch ihre Eltern würden noch schlafen und solange sie sich nicht stritten war es wunderbar ruhig im Haus.
Als sie gestern nach Hause gekommen war, eigentlich über eine Stunde zu spät, hatte sich niemand dafür interessiert. Josy bezweifelte, dass ihre Eltern überhaupt gemerkt hatten, dass sie unterwegs war. Ihre Mutter bemitleidete sich im Schlafzimmer selbst und ihr Vater betrank sich im Arbeiszimmer. Josy wusste nicht, wann aus ihrer heilen Familie eine solche Katastrophe geworden war. Zum Glück hatte sie Paul kennen gelernt. Er war zwar gut 15 Jahre älter als sie, doch die Junges in ihrem Alter waren einfach zu unreif und zu pubertär. Und Paul war lieb und einfühlsam und ein guter Zuhörer. Natürlich wunderte sich Josy immer wieder, wie ein so attraktiver Mann sie lieben konnte. Sie war schließlich gar nicht mal so hübsch, fand sie, auch wenn Paul immer das Gegenteil behauptete. Ihre Nase war zu groß, die Oberschenkel und der Po zu dick und die Brust zu klein. Aber ihre Augen mochte sie.
Josys Gedanken wanderten zum gestrigen Tag. Warum nur war Paul so verärgert gewesen? Oder hatte sie sich das nur eingebildet? War es, weil sie ihn zurück gewiesen hatte?
Sie liebte Paul, doch sie war einfach noch nicht bereit für solche Intimitäten.
Unten klapperte etwas. Wahrscheinlich ihre Mutter, die sich Frühstück machte. So lange schon gab es bei ihnen kein Familienleben mehr. Wann hatten sie das letzte Mal alle zusammen gefrühstückt, Mittag oder Abendbrot gegessen?
Josy wusste es nicht.
Als Tanya an diesem Morgen erwachte, war Pauls Bettseite leer. War er überhaupt ins Bett gekommen? Tanya war eingeschlafen, während er noch geduscht hatte.
Langsam stand sie auf und zog ihren seidenen Morgenmantel an. Er sah aus wie ein Kimono, hellblau mit Blumen, Vögeln und Schmetterlingen darauf. Paul hatte ihn ihr vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt. Sie tapste barfuss in die Küche und blieb dann überrascht stehen. Ihr Mann saß am Küchentisch und las Zeitung. Ihr Platz war mit den schönsten Leckereien gedeckt: ganz frische Brötchen, Orangensaft, frisch aufgebrühter Kaffee. Auch geschnittenes Obst und Joghurt entdeckte sie. Früher, als ihre Ehe noch in Ordnung war, hatte Paul sie oft überrascht. "Guten Morgen", sagte Tanya zögerlich. Das letzte Frühstück dieser Art war schon so lange her, dass sie misstrauisch war. Paul blickte auf. "Guten Morgen, mein Schatz", begrüßte er sie gut gelaunt. "Setz dich doch und iss." Er deutete auf ihren Stuhl. Tanya nahm Platz und schnitt sich, immer noch zögernd, ein Brötchen auf. Sie schmierte Butter darauf, beträufelte es mit Honig und biss hinein. Paul sah ihr eine Weile schweigend beim Essen zu. Dann ergriff er das Wort. "Es tut mir leid, dass ich gestern so ekelhaft zu dir war", sagte er leise und starrte die Tischplatte an. "Das war ehrlich nicht böse gemeint. Ich hatte einfach einen schlechten Tag, das ist alles." Tanyas Misstrauen wurde größer. Sie kannte viele von Pauls Entschuldigungen, aber hier stimmte etwas nicht. Doch sie nickte nur und grinste, um ihm zu zeigen, dass alles okay war. Dann schluckte sie runter und fragte: "Wann musst du wieder auf Dienstreise?" Paul sah verlegen aus. "Schon nächste Woche", antwortete er. Tanya war enttäuscht. Doch was sollte sie machen? Seit Paul befördert worden war, musste er viel geschäftlich in Deutschland herum reisen. Paul machte ein fröhliches Gesicht. "Nun schau doch nicht so", lächelte er. "Heute unternehmen wir zwei was schönes. Was meinst du?"
1
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen