Hunde weinen nicht
von
Simon Gretsch
1
Allen Kindern gewidmet, die Gewalt in der Familie erleben.
Hätte ich Mama am letzten Abend nicht weinen gesehen, wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, dass Hunde auch weinen können.
Ich fragte sie: Mama, warum weinst du?
Mit roten Augen blickte sie zu mit herüber: Aber ich weine doch gar nicht.
Lachend streichelte sie mir über den Kopf und wischte sich durch die Augen.
Ich fragte: Mama, können Hunde auch weinen?
Sie lachte wieder: Nein mein Schatz, Hunde weinen nicht!
Ich schaute zu meinem Chuck herunter. Er sah mich mit seinem treuen Blick an und seine Augen sagten: Streichle mich!
Ich bückte mich zu ihm herunter und streichelte ihn. Dann setzte ich mich neben ihn unter den Tisch.
Wenn mein Papa und ich verstecken gespielt haben, hat er mich immer unter dem Küchentisch gefunden.
Mama ging ins Wohnzimmer und kam mit einer Flasche von Papas Whisky wieder und warf sie in den Müll.
Sie hatte wohl vergessen, dass ich noch unter dem Tisch saß.
Papa kam herein und erhob seine Stimme: Helene, gib mir den teuren Whisky wieder! Den habe ich mit meinem Geld und meiner Arbeit bezahlt!
Mama weinte wieder und sie hielt ihre Hände schützend vor den lauten Worten meines Vaters vor ihren Kopf.
Mama antwortete ihm mit verzweifelter Stimme: Du säufst doch nur noch und kümmerst dich nicht mehr um uns. Du bist das Letzte.
Papa nahm ein Glas und warf es brüllend auf den Boden.
Ich zuckte vor Schreck etwas zusammen und Chuck blickte zu den Füßen meiner Eltern, wo nun Scherben lagen.
Papa sagte nichts. Er bewegte sich etwas auf Mama zu und dann, ein dumpfes Klatschen.
Mama weinte immer mehr und Papa brüllte sie weiter an: Du bist nichts! Du kannst nichts! Hör auf mir etwas vorzuschreiben! Ich bin der Mann, du die Frau!
Mama drehte sich von ihm weg und hielt sich die Hand an die Wange.
Dann schrie Mama ihn an: Ich werde dich verlassen, du wirst immer schlimmer mit deinem Pennerschnaps!
Papa zog sie an sich ran. Noch ein dumpfes klatschen.
Mama weinte immer mehr und sank zu Boden.
Ich klammerte mich an Chuck und drückte den Hundewelpen ganz fest.
Papa wurde etwas leiser im Ton: Du bist schwach. Nur heulen kannst du!
Ich nahm Chuck auf den Arm, kroch unter dem Tisch hervor und rannte nach Draußen in den Schnee.
Ich hörte Papa aggressiv rufen. Es war mir egal.
Ich stolperte in dem tiefen Schnee etwas und setzte mich unter den Dachvorstand an unserem Schuppen, wo die Holzscheite gestapelt waren.
Ich hatte Chuck immer noch auf dem Arm. Er sah mich traurig an.
Mir lief eine Träne die Wange herunter. Chuck lief auch eine Träne die Wange herunter.
Mama und Papa hatten nicht immer Recht. Mama sagte, dass Hunde nicht weinen können und Papa sagte, dass er Mama immer lieb hat.
Doch heute hatte er sie nicht sehr lieb.
1
Kommentare
nicolas schrieb am 2009-09-21 09:52:20:
WOW. des is ne gute geschichte und die war auch traurig hoffentlich gehts deiner mama gut wir haben zwei hunde immer wenn meine oma und opa oder mein onkel weck sind dann weinen die hunde und stehen immer komisch
Celebration schrieb am 2009-09-12 23:14:26:
Das ist wirklich eine sehr traurige Geschichte,aber sie ist echt gut geschrieben! Das mit dem Hund ist zwar schön aber macht es doch etwas unrealistisch..
MK schrieb am 2009-06-15 15:15:42:
WOW. Das ist eine echt sehr gute geschichte. Ich hab Zwar noch nie einen hund weinen sehen aber ich würds glat glauben. Sehr gut geschrieben.
Kommentar hinzufügen