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Kategorien > Gesellschaftskritik > Trauriges

Hungernd- Gesättigt- Tot- Lebendig

von sina franke

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Hunger. Ein anderes Gefühl kannte er schon nicht mehr. Seine Tage bestanden aus dem Gefühl von Hunger und dem Wissen, dass er manchmal leer ausgehen musste. Es war nicht leicht etwas zu bekommen, zu viele Kinder in seinem Alter gingen betteln und klauen. Er war nur einer von vielen, der die Hand ausstreckte und wenigstens etwas Mitleid erregen wollte. Doch um Mitleid zu bekommen, war er schon etwas zu alt. Im Alter von sechs Jahren war man nicht mehr klein und niedlich. Trotz Unterernährung war er relativ groß und war auf gute Seelen angewiesen, die es leider Gottes, zu wenig gab.
Er streifte durch die Gassen und hoffte wenigstens etwas zum Klauen zu entdecken. Doch jeder, der etwas hatte, passte auch darauf auf. Es war nicht leicht. Schon vorgestern hatte er nichts bekommen und heute war es so kalt, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Seine Zähne klapperten und er schnürte sein dünnes Leibchen fester um sich. Nach Hause konnte er ohne Geld, oder wenigstens etwas zu Essen, nicht gehen. Sie würden ihn nur wieder in die erbarmungslose Kälte schicken. Denn wer nichts hat, der bekommt auch nichts, das wusste er nur zu gut.
So strolchte er, immer auf der Suche nach etwas, in den Gassen umher, ohne Erfolg zu haben. Sehnsüchtig dachte er an den Vorabend zurück. Er hatte ein Stückchen Brot bei einer alten Dame ergattern können, die ihm ihre Aufmerksamkeit schenkte. Sie lächelte ihm zu und streckte ihm etwas Brot entgegen. Mehr konnte auch sie nicht entbehren, auch bei ihr war der Hunger Zuhause nur zu groß. Doch bevor er hinein biss, besinnte er sich des kleinen Schwesterchens und lief schleunigst nach Hause. Auch sie hatte lange nichts mehr gegessen und so, vom Hunger geplagt, streckte er ihr das Stückchen Brot zu, das nicht größer war, als die Handfläche seines zweijährigen Schwesterchens. Vermutlich hatte er sie so, bis heute zumindest am Leben gehalten.

Tausende Kilometer entfernt wurde gerade der Weihnachtsbraten aufgetischt. Angeekelt verzog sie das Gesicht. „Diese Kalorienbombe esse ich nicht. Da verhungere ich lieber.“ Mit diesen Worten schob sie den befüllten Teller beiseite und nahm sich etwas Obst, welches auf dem Tisch dekorativ verstreut war. „Das du immer so einen Aufstand machen musst.“, zischt ihr Bruder sie an und tritt sie gegen das Schienbein. Sie nimmt einen Keks und schleudert ihn gegen seinen Kopf, bis ihre Eltern streng durchgreifen. Das Dienstmädchen sorgt für immer volle Gläser und für das Wohlergehen der Gäste der Familie.
Sie ärgerte sich darüber, dass sie nie alleine Weihnachten feiern konnte. Gerne wäre sie alleine in ihrem Zimmer und würde die guten Weihnachtsfilme schauen, die gerade im Fernseher liefen. Nie konnte sie das machen, was sie wollte. Ihr Vater mahnte sie mit einem unverwechselbaren Blick, dass sie aufessen musste. Sonst würde sie über Silvester wohl daheim bleiben müssen. Das konnte sie sich nicht leisten, kotzen konnte sie ja immer noch. Ihre Eltern bekamen es nicht mit, oder wollten es nicht wissen, dass sie sich nach jedem Essen übergab. Obwohl sie schlank und sehr begehrenswert war, wollte sie noch mehr abnehmen, denn sie fand dünn sein einfach schöner. Sie wusste, es war kein einfacher Hungerwahn, sie wollte doch einfach nur schön sein. Für sich.
Sie verschmähte das Essen so oft sie konnte, denn kotzen fand sie widerlich, doch was sein musste, dass musste sein.
So stand sie auf und eilte auf die Toilette. Wie immer schloss sie hinter sich zweimal ab und horchte ob ihr jemand nach gelaufen war. Als sie sich sicher sein konnte, dass niemand da war, kniete sie sich vor die Kloschüssel und dachte demonstrativ an das ekelhafte Essen und an den ekelhaften Geruch. An das fette Mädchen aus ihrer Klasse, wie es nur mit einem Slip bekleidet in der Umkleidekabine stand. Gleich darauf kam ihr das gute Essen hoch und ein säuerlicher Geschmack, vermischt mit Ekel machte sich in ihrem Mund breit. Ihre Augen tränten und krampfhaft hielt sie ihre langen blonden Haare von der Schüssel fern.
Und während sie das Essen, was sie zwanghaft hinuntergewürgt hatte, wieder ausspuckte, wusste sie nicht, das ein kleiner, magerer Junge, den Kampf gegen den Hunger aufgab und einfach an diesem Weihnachtsabend im Schnee einschlief und nie wieder erwachte.

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Kommentare

mars schrieb am 2008-12-22 19:47:59:
echt du bist der hama du versätz dich in die lage rein ob ach du bist bestimt ein mensch
der äs ser ärntz nimmt oder ach wieso soll ich den fragen auch wen ich diich nich kenne ich spüre es das du ein wunder bara mensch bist
benny schrieb am 2007-12-21 20:12:35:
wunderbar geschriebene geschichte vor allem wie du beschreibst wie es in einer gessellschaft zugeht die nicht alles lebensnotwendige im überfluss hat und im krassen gegensatz dazu das mädchen das den überfluss einfach nur zum "kotzen" findet

mach weiter so ich freu mich auf mehr
mfg benny
Eleóme schrieb am 2007-11-27 17:54:31:
heftiger Vergleich
Johannes Beck schrieb am 2007-11-26 09:43:34:
Die Geschichte find ich echt Klasse. Sehr stimmungsvoll, sehr traurig. Es ist bitter, wie wenig dankbar wir im reichen Europa oder Amerika doch sind, für das was wir haben.
Eigentlich fällt es uns sowieso erst auf, wie gut es uns geht, wenn wir mal irgendwo im nirgendwo in der scheiße landen.
Echt gute Geschichte, werde sie weiterempfehlen
gruß Jo
Hilfe? schrieb am 2007-09-08 12:55:38:
traurige, aber oft wahre Geschichte.

Und trotzdem das Problem: wenn das Mädchen, (das sich selbst nicht so annimmt, wie sie ist, und wahrscheinlich von seinen Eltern und anderen Menschen zu wenig vermittelt bekommt, dass sie sie so mögen, wie sie ist) normal essen würde, würde es dem Jungen nichts helfen.
Wenn die Familie eine Million nach Afrika spenden würde, käme das Geld nie beim Jungen an (natürlich meine ich jetzt nicht die Million, sondern einen Teil)

Und selbst, wenn das Mädchen zu dem Jungen hingehen würde und ihm eine Million schenken würde, wäre entweder nur Einem geholfen; das Mädchen nicht zu dem Jungen hinkommen sondern von 5 anderen ermordet; der Junge kurz darauf Drogensüchtig und das Geld weg; jemand hätte es dem Jungen weggenommen; usw.....

Es würde schlicht und einfach nichts bringen, da das System in Afrika nunmal so ist, wie es ist.
Liebe Grüße,
Samuel
romme schrieb am 2007-07-20 12:35:24:
das ende is ja soo traurig.. mir standen die tränen in den augen.. also super geschrieben .. ;)
melina schrieb am 2007-07-19 21:38:56:
sssooooooo erst mal ein gaaaanz herzliches Dankeschoen fuer deine Kommentare unter meinen Texten, jetzt ist es endlich so weit, dass ich mal was bei dir drunterschreiben kann!! Also ich find die Geschichte erst mal schoen aber auch sehr, sehr traurig, schon allein weil er wahr sein könnte!!

ich hoffe man hoert/schreibt sich noch!!

viele gaaaaaaaaanz liebe gruesse: melina

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