Geschichte einsenden Links & Rings AGBs Impressum
Kategorieauswahl
Wir freuen uns über jeden Autor, der hier auf Storyparadies.de seine Geschichten veröffentlichen möchte.Da jeder Autor Feedback braucht, sind Kommentare, solange es sich um konstruktive Kritik handelt, möglich und auch ausdrücklich erwünscht. Bitte verwenden Sie zur Einsendung der Geschichten und Kommentare unser Formular und beachten Sie dabei unsere Regeln.
Suche


Kategorien > Gesellschaftskritik > Intime Gedanken

ICH LESE ...

von Lex Divina

1 2

ICH LESE ...

... was und wieso ... auf der Stadtparkbank ...

Ich sitze mit überkreuzten Beinen (linkes Bein über dem Rechten) auf einer Bank im Stadtpark. Ich sitze immer – aus Prinzip und als Zeichen der körpersprachlichen Etikette – immer auf der Sitzfläche einer Bank, niemals auf der Sitzlehne, da wäre auch das Überkreuzen der Beine nahezu unmöglich, wirkte auch irgendwie unästhetisch, hätte auch keinen tiefer greifenden Ausdruck. Denn Ausdruck ist ungemein wichtig, wenn es um den Eindruck geht: männlich mit weiblichen Zügen.

Ich lese ein Buch. Nicht irgendeines, sondern (immer) ein bestimmtes Buch. Denn Lesen ist kein willkürliches Privileg, das sich aus Trotz vollzieht, sondern ein Zeichen persönlicher Integrität, die es einem (mir jedenfalls) ermöglicht, zwischen den Daseinsextremen verschiedenster Art umherzupendeln. Niemals zur Ruhe zu kommen. Sich immer auf der Pirsch befinden. Gefühls- und verstandesmäßig.

Also, ich lese, wie schon gesagt, oder erwähnt, oder behauptet, oder ohne Zwang dahingeworfen. In die weihnachtsplätzchenbunte Diskussionsrunde. Damit ich es nicht vergesse. Sollen sich ruhig Andere darüber streiten, ob ich tatsächlich lese. Für mich ist es sowieso von immens größerer Wichtigkeit, was und wieso ich lese.

Buchtitel: Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana
Autor: Umberto Eco
Veröffentlichung: 2004

Ich lese, damit mir der Akt des meistens viel zu anstrengenden und zwangsvollen Sich-Vorstellens erspart bleibt. Denn meistens bin ich für das Vollstrecken solcher, sich nahezu im Unterbewusstsein abwickelnder, man könnte sogar sagen routinierter, mechanischer, Reflexen ähnlicher Prozesse viel zu müde, und erschöpft, und gelangweilt (vielleicht sogar zu schade???).

Name: Sandro
((Un-)Glücklicher Weise ist nur der Name, etymologisch betrachtet, romanischer, d. h. italienischer Herkunft, ich, jedenfalls – (un-)glücklicher Weise –, bin rein (als wäre ich eine Flasche Wein!) germanischer, d. h. deutscher Herkunft. Also bekräftigt mein Name nichts Anderes, als die manchmal irre wirkende Verherrlichung des italienischen Flairs (Touch ´n´ Feel) meiner aus Herzensgüte zur ungefährlichen, d. h. nicht in der geschlossenen Psychiatrieabteilung medikamentös zu behandelnden Beklopptheit neigenden Mutter.)

Familienname: Wagner
(Trotz des vielversprechenden Familiennamens habe ich gar nichts mit dem Sturm-und-Drang-Dramatiker Heinrich Leopold Wagner zu tun, obwohl ich gestehen muss, dass sein naturalistisches gesellschaftskritisches Werk Die Kindermörderin tiefe Spuren in meiner sich ständig entwickelnden und verändernden Persönlichkeit hinterlassen hat. Auch mit dem Komponisten Richard Wagner verbinden mich keine familiären Hintergründe, obwohl ich das, wegen seiner zwei Librettos Das Judentum in der Musik und Zukunftsmusik, manchmal kindlich, nur so – im Kopf, ohne es laut auszusprechen –, anzweifle. Dies natürlich aus Trotz. Nicht wegen der Integrität.)

Familienstand: Einzelkind
(Ich wollte schon immer, seit ich denken kann, ein Einzelkind sein und bleiben. Nicht wegen der archetypischen Angst des Erstgeborenen, er könnte nach der Geburt des vermeidlichen zweiten Kindes (der Tochter/des Sohnes – auf jeden Fall! bzw. der Schwester/des Bruders – auf gar keinen Fall!) bei beiden Elternteilen sowohl liebe- als auch zuneigungs- und zuwendungsmäßig in mehr oder weniger leichte (vielleicht amnesiebedingte) Vergessenheit geraten, sondern aus Überzeugung, dass die ständig vollgekackten Windeln zwar auch fester, doch längst vergessener Bestandteil meines Baby-Daseins waren (sein mussten), dass dies aber, in Form einer schreihalsigen Menschenpuppe, in meinem kognitiven System nicht wieder heraufbeschwört werden soll(te). Mein Vater wünschte sich immer ein zweites Kind. Meine Mutter und ich – nie(mals). Also blieb es (nur) bei mir. Jetzt habe ich selber einen ausgewachsenen Schwanz, mit Vorhaut, ohne Eichelpiercing, mit rasiertem Sack und Intimbereich, mit Sperma, in dem sich meine vermeidlichen Nachfahren im (Hoden-)Sack auf den Sack gehen – wie bei meinem Vater, doch seinen (Damaligen? Immer noch andauernden?) Wunsch nach Kindern (einem weiteren Kind) konnte ich (bis jetzt) noch nicht nachvollziehen. Ist ja auch egal. Als ich fünf war, wurden meiner Mutter wegen Gebärmutterhalskrebs alle Gebärorgane entfernt. Heute ist sie, zumindest innerlich, geschlechtslos. Und das ist auch gut so. Denn auf diese Weise bin ich es auch geworden. Nicht innerlich. Auch nicht äußerlich. Sondern irgendwo dazwischen. Rein (Vielleicht bin ich ja doch eine Flasche edlen Weins?) körperlich – beim Sex.

Alter: 21 Jahre
(Jahre an sich drücken nichts weltbewegendes über einen/den Menschen aus. Schlechtenfalls sind sie immer oberflächlich, weil zeit- statt sexgebunden. Mit sechs bekam ich meinen ersten Kuss, der nicht an einen Fest-, Geburts- oder einen anderen Glückwunschtag gebunden war. Im Kindergarten. Während der großen Spielpause vor dem Mittagessen und -schlaf. Auf der Gummiautoreifenschaukel. Nach alter Londoner Schule. Auf die Wange. Ihr Name war Nina. Ich erwiderte den Kuss. Ohne Vorbehalte. Ohne Skrupel. Ohne Scham. Ohne nachgedacht zu haben. Aus purem Reflex. Vielleicht deshalb, weil ich dachte, dass es sich so gehört? Weil ich so erzogen wurde? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall deshalb, weil es ihr Augenblick war. Meiner bestimmt nicht. Nach dem Kindergarten habe ich sie nie mehr gesehen. Oder gesprochen. Sie war keine Freundin. Sie war (nur) diejenige, die mir den ersten Kuss gab. Vor etwa drei Jahren, nach Hörensagen wurde sie gerade achtzehn, kam sie wegen eines schweren Autounfalls ums Leben. Angeblich fuhr sie mit ihrem neunzehnjährigen Freund ans Meer. Auf der Autobahn kam das Auto ins Schleudern und überschlug sich mehrmals. Nach zwei Monaten im Koma, starb Nina an schweren Kopfverletzungen. Ihr Freund kam mit einem gebrochenen Bein, Gesichtsabschürfungen und einer angebrochenen Rippe mit dem Leben davon. Es war, so scheint es, Ninas Augenblick. Mal wieder. Seiner bestimmt nicht. Als ich die Zeitung bei den Todesanzeigen aufschlug und ihr Bild sah, ohne ihren Namen gelesen zu haben, wusste ich sofort, dass sie es war. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass es (vielleicht) besser wäre, wenn ich sie doch noch einmal gesehen oder gesprochen hätte. Wenn sie doch noch eine/die Freundin geworden wäre. Wer weiß?! Über Vergangenes (zu viel) nachzugrübeln ist sowieso ein schlechtes Omen. Mit vierzehn bekam ich den ersten Französischkuss. Die feuchte Zunge in meinem Mund hieß Anja. Sie war ein Jahr älter als ich. Wir waren auf einer Geburtstagsparty. Sie war die beste Freundin des Geburtstagskindes. Doch wer merkt sich schon die Namen all der Geburtstagskinder aus der Pubertätszeit!? Angeblich wollte sie mich küssen, weil ihr meine dunkelbraunen Augen mit dichten Wimpern und Augenbrauen so gefielen. So ein Quatsch! (Entschuldigung! Bei der Erinnerung muss ich einfach schmunzeln. Ach, scheiß drauf! Ich muss laut lachen!) Meine

1 2

Kommentare

Pfuhler schrieb am 2008-03-24 20:18:03:
um so mehr ich von dir lese um so größeren respekt hab ich vor dir. ich bin der ansicht, alles was dir fehlt ist eine einschlagende idee zu einer geschichte, mit der du dich ohne weiteres bei verlägen vorstellen kannst.
versuchs einfach mal, deine chancen stehen gut meiner meinung nach ;-)

Kommentar hinzufügen



Aufgrund des extremen Mißbrauchs der Kommentarfunktion sind wir leider gezwungen, die Kommentare ab sofort redaktionell zu überprüfen. Wir bitten um Ihr Verständnis.