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Kategorien > Aus dem Leben > Alltagsterrorismus

IKEA, oder wie wir "Benno" und "Dunö" adoptier

von Alf Schauder

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Ich stehe fremden Kulturen und Bräuchen durchaus offen gegenüber. Immer bereit etwas Neues zu entdecken und an Traditionen fremder Völker teilzuhaben. Ich esse Crêpes, mache in Saunalandschaften an Hamam-Waschungen teil, fliege gerne nach Spanien, turne mit meiner Freundin Silke durch das Kamasutra und liebe schottischen Whiskey. Silke, mit der ich übrigens bald zusammenziehe werde, ist da aber schon deutlich weiter als ich. Sie entdeckt Kulturen überall und hat sich dabei leider auf eine ganz spezielle eingeschossen. Ihr haben es die Skandinavier angetan, ganz besonders die Schweden. Ob Klamotten von H&M, oder irgendwelche Spezialitäten. Sie macht alles mit: Und sie will natürlich Möbel von IKEA. So betrete ich an einem Samstag Neuland, welches bleibende Eindrücke bei mir hinterlassen soll.
Der Einkauf verläuft eigentlich relativ reibungslos, weil ich in eine Zustand verfalle, den ich noch deutlicher erläutern werde. Silke rennt um mich herum und türmt alles in den Einkauswagen den ich gemächlich vor mir herschiebe wie als hätte ich halluzinogene Dinge eingenommen. Wahrscheinlich liegt es aber nur an den vielen bunten Farben und komischen Formen um mich herum. Als wir dann in den Bereich mit den Hochregalen kommen ist es dann Zeit für einen zweiten Einkaufswagen. Ich krame ein Paket nach dem anderen hervor und schließlich kommen wir in den gefürchteten Bereich von IKEA. Berüchtigter als der damalige Todesstreifen an der DDR-Grenze und nervenaufreibender als mit Schalke-Trikot in Dortmund rumzulaufen.
Ich stehe mit Silke bereits seit 20 Minuten an der Kasse und wir haben uns keinen Zentimeter weiterbewegt – noch so ein IKEA-Ritual was eindeutig zur Zeremonie gehört. Überhaupt ein schwedisches Syndrom: Haben Sie schon mal bei H&M an der Anprobe angestanden? Sie erkennen die Parallelen.
Überhaupt ist mir extrem unwohl. Nicht, weil es an der Kasse kein Stück weitergeht, aber ich fühlte mich schon in diese knallige Schwedenwelt so integriert: Voller Einkaufswagen, langsam genervt vom Anstehen, aber am Schlimmsten war, dass ich mit Silke hier war. Überall nur junge Paare die gerade die erste eigene Wohnung beziehen wollten und nur noch das passende, bunte Gerümpel brauchten. Und es gab viele Pärchen hier, die gerade eine Wohnung gekauft hatten. Ich möchte ja nicht behaupten, dass alle Leute bei IKEA Paare sind, aber sie bilden deutlich die Mehrheit der Einkäufer. Wo ich diesen Gedanken gerade weiterspinne fällt mir auf das Immobilienmakler ein sehr lukrativer Beruf wäre. Verdammt, und es hieß immer: Werdet Ingenieure, Ingenieure braucht das Land, ihr werdet benötigt, ihr werdet gesucht, ihr verdient euch eine goldene Nase. Ich wurde tatsächlich gesucht, aber nicht so sehr, dass ich nun ein goldenes Riechorgan habe, leider. Wäre nämlich angebracht, denn die IKEA-Artikel sind nicht teuer, aber in den Mengen wie wir sie geladen haben sind sie schon ein terroristischer Akt auf mein Portmonee. Schwindelerregend hoch balanciert der Karton mit den Rotweingläsern „Svalka“ auf dem Regal „Benno“… Find ich ja besonders amüsant mit den Namen. Da hat man direkt das Gefühl nicht so ganz alleine zu sein. Besonders für Singles. Du kommst nach Hause und du weißt, da ist jemand der auf dich wartet. Und wenn´s ne doofe Tischleuchte ist: Ja, ich mag dich auch „Grönö“; wir bleiben für immer zusammen. Falsch! Eine Woche, danach kann man das Ding wegen einem Kurzschluss wegschmeißen. Ich kann von der Beziehung zu „Grönö“ nur abraten. Bei uns Paaren fällt das Gespräch natürlich etwas anders aus. Stellen Sie sich vor Sie kommen von der Arbeit und ihre Frau, Freundin, Sekretärin kommt Ihnen entgegen und erzählt Ihnen mit verzücktem Blick: „Hallo, Schatz, ,Billy‘ ist heute unter der Last deiner Bücher zusammen gebrochen, aber ,Biby‘ geht’s gut!“ Dann wissen Sie, dass es an der Zeit ist den Kinderwünschen ihrer Frau, Freundin, Sekretärin nachzukommen. Es ist schließlich immer noch besser, wenn sie echte Kinder aufzieht, anstatt sich mit Regalen und Vitrinen zu unterhalten. Am Ende entwickelt sich daraus noch eine Depression. „,Billy‘ ist immer noch nicht größer geworden – dabei ist er doch schon fünf Jahre alt!“ Ist schon erschreckend was Möbel anrichten können…
Silke wird immer nervöser, weil es immer noch nicht weitergeht, während ich immer mehr entspanne und das Treiben um mich herum vollkommen vergesse. Schließlich geht sie auf Toilette, so dass es an unsrem Einkaufswagen noch ruhiger wird, bis die Dame hinter mir mich darauf aufmerksam macht, das es endlich drei Zentimeter weitergeht. Mein Puls war durch ihre barsche Aufforderung schon in die Höhe gerast, aber bei den minimalen Neuigkeiten verfalle ich schnell wieder in meinen Wellness-Zustand.
Der Typ an der Kasse blafft mich an, warum meine Strichcodes nicht nach vorne ausgerichtet sind. Ich war noch nie hier einkaufen, sage ich, was anscheinend ein leichter Schock für ihn ist. Wie als würde man als Yeti sagen, dass man Reinhold Messner nicht kennt. Ich warte auf das Exekutionskommando, da ich sicher bin das auf das Nicht-nach-vorne-ausrichten-von-Strichcodes bei IKEA die Todesstrafe steht. Ich warte vergebens und bin irgendwie ein bisschen enttäuscht. Wenn sie einen schon in militanter Tonart drauf hinweisen, jetzt fallen mir auch erst die zahlreichen Schilder auf, müssen sie auch konsequent sein und durchgreifen. Aber egal. Schließlich lasse ich mich ja nur von Silke dazu breitschlagen zu IKEA zu fahren, um mir Ideen für meine Geschichten zu holen. Auch jetzt kritzele ich die ganze Zeit auf die Merkzettel, die so freundlich von Mister IKEA am Eingang zum Möbelbeschauungsrundweg ausgelegt werden. Genauer betrachtet ist hier eigentlich das Paradies des Schriftstellers. Wenn Silke dafür doch auch so viel Verständnis hätte. Unwirsch werde ich von ihr aufgefordert den Krempel zum Auto zu bringen. Überhaupt fällt mir die nervöse Art meiner Freundin auf. IKEA ist anders als Schuhekaufen. Da ist Feuer drin. Diese ganzen bunten Möbel können ja einen auch nur aggressiv machen, wobei Frauen da irgendwie anfälliger sind, weil wir Männer es gelernt haben gelassen zu bleiben. Deutsche Männer, die mit ihren Frauen, Freundinnen, Sekretärin einkaufen müssen, schaffen es einfach sich in den richtigen Momenten und Lokalitäten von ihrem Gehirn, oder besser ihrer Wahrnehmung zu trennen und verfallen in einen Zustand, um den sie selbst Yogi-Meister bewundern. Oder sie kratzen sich die ganze Zeit am Sack wie der Typ neben mir, der anscheinend einen Zustand vollkommener Glückseligkeit durchlebt, während seine Frau aufgeregt ist, wie als käm James Blunt zum Kaffeetrinken. Und ich schreibe.
Nachdem wir sämtliche Kartons in meinen VW Polo gestopft haben (wenn ich in die Situation kommen sollte stark bremsen zu müssen, würde es für Silke und mich bedeuten von Paketen gepfählt zu werden) sind wir beide so erschöpft und hungrig das meine Freundin darauf besteht auch noch die kulinarischen Köstlichkeiten von IKEA zu probieren. Kulturwahnsinn! Trotz Hunger

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Kommentare

Johannes Beck schrieb am 2008-01-28 09:52:33:
Wow, humor- und niveauvoll. Gefällt mir sehr gut.
Gruß jo

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