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Kategorien > Jugend > Drama

Ich bin Alex

von amancay

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Ich bin Alex

Das blecherne Klingeln meines Weckers reißt mich unsanft aus dem Schlaf. Das Ziffernblatt zeigt 5:30 Uhr. Schlaftrunken tapse ich mit nackten Füßen durch den Flur ins Bad. Ein zerknautschtes Gesicht starrt mir aus dem kalten Spiegel entgegen. Blaue Augen, wilder Haarschopf. So vertraut und doch so fremd.
Mit einer raschen Bewegung streife ich mir das Nachthemd über den Kopf und steige in die Dusche. Eiskalt schießt das Wasser aus dem Duschkopf. Schmerzhaft zieht sich meine Kopfhaut zusammen, der Körper bebt vor Kälte. In einem einzigen, tiefen Atemzug sauge ich die kühle, feuchte Luft ein. Ich fühle, wie meine Lunge sich füllt, der Brustkorb sich dehnt, immer und immer weiter. Zum Zerreißen gespannt. Wie es wohl wäre, wenn die verbrauchte Luft den Weg nach draußen nicht mehr würde finden können?
Eine Sekunde noch, dann lasse ich den Atem seinen Weg zurückfinden. Geräuschvoll stoße ich die verbrauchte Luft aus, leere meine wunde Lunge bis auf den Grund.
Krebsrot steige ich aus der Dusche, genieße das Rubbeln des rauen Handtuchs auf meiner Haut. Dieser brennende Schmerz ist mir vertraut, etwas, auf das ich mich verlassen kann.
Noch etwas atemlos wende ich mich erneut meinem Spiegelbild zu, meine Augen bohren sich in die der Person im Spiegel. Allmählich rutscht mein Blick ab über die Nase, den Mund, fixiert kurz das Grübchen am Kinn, gleitet seitlich am Hals hinab...Rasch fange ich ihn wieder ein, knipse den Halogenstrahler über dem Spiegel an und begutachte mein müdes Gesicht im blassen Licht. Nichts, was ich nicht schon gewusst hätte. Trotzdem verteile ich den würzig duftenden Schaum großzügig auf Kinn, Wangen und Mundpartie.
Etwas Zahnpasta, Deo, Jean Paul Gaultier und Haargel und ich bin fertig. Hastig schlüpfe ich in Boxershorts und Jeans, streife ein T-Shirt über den wohlfrisierten Kopf und schnappe meine Schulsachen.
Am Frühstückstisch das übliche Guten Morgen, wie siehst du denn aus? Willst du nicht mal was Vernünftiges anziehen? Ich brummle mein Guten Morgen in den nicht vorhandenen Bart und vertiefe mich sofort in den Sportteil der Zeitung, um ihre vorwurfsvollen Blicke nicht sehen zu müssen. Ich kann sie spüren, und das genügt: Wie giftige Pfeilspitzen bohren sie sich tief in mein Fleisch. Ich möchte meine Eltern doch nicht enttäuschen, ihnen wehtun! Am liebsten würde ich sie anschreien, dass es nicht meine Schuld ist, ebensowenig wie die ihre, dass ich immer noch ihr Kind bin, ich möchte sie zwingen mich anzuhören, mich zu verstehen... schon öffne ich den Mund, schaue kurz in das verschlossene Gesicht meiner Mutter, und die Worte und Sätze in meinem Kopf zerschellen wie an einer unsichtbaren Mauer. Buchstabensalat.
Wie so oft denke ich, dass sich meine Gefühle einfach nicht in Worte fassen lassen...jedenfalls nicht in solche, die sie zutreffend genug beschreiben würden. Und wieder steigt diese Leere in mir auf; ich fühle mich so hohl innen, obwohl ich doch so viel zu fühlen, zu denken, zu sagen habe!
Das Toastbrot ist plötzlich trocken in meinem Mund, ich trinke einen Schluck Milch, und noch einen, doch der riesige Klumpen in meinem Inneren lässt sich nicht so leicht hinunterspülen. Ich würge und schlucke, ich kämpfe mit meinem Essen, mit den Tränen, mit mir selbst.
Im nächsten Moment springe ich auf von der Eckbank, die fragenden Blicke meiner Eltern hinter mir lassend, und stürze ins Badezimmer. Die Tür scheppert, der Schlüssel dreht sich leicht im Schloss. Ich speie einen Mundvoll halbgekautes Toastbrot ins Klo, eine körnige, braune Masse. Atmen kann ich noch immer nicht, mein Hals ist wie zugeschnürt. Also stoße ich mir den Finger in den Rachen, Wellen durchlaufen meinen Körper, immer und immer wieder stoße ich zu, immer und immer wieder würge ich Halbverdautes hoch, bis es nicht mehr geht.
Am ganzen Leib zitternd kauere ich auf dem kalten Fliesenboden, einen faden Geschmack im Mund. Meine Speiseröhre brennt wie Feuer. Und doch geht es mir besser. Unsicher stehe ich auf, mein vor Anstrengung gerötetes Gesicht starrt mir aus dem Spiegel entgegen. Langsam ziehe ich mich aus. Die Schuhe, die Jeans, das T-Shirt. Boxershorts, Socken. Nackt stehe ich vor dem Spiegel. Das, was ich da sehe, ist das, was mich gefangen hält, gegen das ich kämpfe. Zu rund meine Hüften, zu gewölbt mein Bauch, zu weiblich jegliche Form. Angewidert reiße ich mich los von dem Körper, der so gar nicht zu mir passen will, suche meinen Blick im Spiegel, fixiere ihn. Ich bin Alex. Alex, der noch viel zu sehr Alexa ist, um wirklich Alexander zu sein.

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Kommentare

cinnamon schrieb am 2007-01-10 20:49:45:
Alle Achtung!!!
Ich liebe deinen Stil, du kannst die dinge wunderbat beschreiben,
auch die story ist fantastisch.
Fazit: grandios

:)
Bitte mach so weiter!!
cryptic misery schrieb am 2006-09-29 21:10:39:
WOW...
Ich bin beeindruckt...
wenn man den Anfang liest würde man niemals auf so ein ende kommen....
echt gut geschrieben....

lg
cryptic misery

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