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Kategorien > Autismus > nachdenkliches- Gesellschaftskritik

Ich bin doch nicht anders

von sina franke

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Mein Stift liegt immer da, wo er liegen muss. In einem geographischen Winken von sechsundvierzig Grad zum meinem Lineal, dass parallel zur Tischkante ausgelegt ist. Ich sitze schon immer hinter Anni, die ihre Haargummis täglich wechselt. Vor hundertzweiundfünfzig Tagen, dass war ein Donnerstag an dem es geregnet hat, hatte sie ein gelbes an. Nun, hundertzweiundfünfzig Tage später hat sie wieder ein gelbes Haargummi an. Ich habe jeden dritten Tag ein blaues Hemd an und dazu eine braune Hose. Wenn ich jeden zweiten Tag mein rotes Hemd anhabe, passen nur meine blauen Jeans mit den angerissenen Taschen dazu. Ich verstehe genau, was die Lehrerin sagt, doch sie macht auch viel falsch, wenn sie zum Beispiel singt, passen die Töne nicht zueinander, oder wenn sie an der Tafel schreibt, stehen die Worte nicht gleichmäßig daran.
Das stört mich sehr, denn dann vergesse ich mich zu konzentrieren und schweife ab. Dann schaue ich, welches Haargummi Anni heute anhat.
Ich glaube ich mag Anni, doch ich mag es nicht, wenn mich jemand berührt, oder mir zu nahe kommt. Deswegen sitze ich lieber in den Pausen alleine im Klassenzimmer und lese Bücher, die ich mir von zu Hause mitbringe.
Vor hunderteinundsechzig Tagen, als Anni ein blaues Haargummi anhatte, bin ich mit den anderen Kindern auf den Pausenhof gegangen.
Alles war laut und ich hielt mir die Ohren zu. Ich wurde angerempelt und konnte keine einzelnen Gesichter erkennen. Nur die Abgrenzung des Fußballfeldes konnte ich betrachten und fand heraus, dass es ein Rechteck ist, bei dem die Außenlinie nicht parallel zum Tor steht. Ich konnte diese Lautstärke und Nähe der anderen nicht mehr ertragen und rannte auf die Toilette und schlug meinen Kopf immer und immer wieder gegen die Wand, bis ich mich beruhigt hatte.
Anni kam zu mir und wollte mich trösten, doch ich konnte es nicht zu lassen und bat sie zu gehen. Sie ging und sie sah ganz komisch aus, aber irgendwie nicht glücklich. Oder war sie glücklich, tat aber traurig. Oder ärgerlich, oder bestürzt oder einfach nur gleichgültig?
Frau Mülle hat die Kreide nicht parallel zum Geodreieck gelegt und dass schreckt mich aus meinen Gedanken. Ich stehe auf und lege die Kreide so hin, dass sie parallel zum Geodreieck und in einem Winkel von sechsundvierzig Grad zu Annis Tischkante steht.
Ich spüre die heißen Blicke meinen Rücken runter laufen, doch ich kann nichts sagen, dass sie endlich ihren Blick abwenden sollen.
Ich bin doch nicht anders!!


Anton ist anderes. Doch er ist nicht daran schuld. Ich habe früh bemerkt, dass er meinem Blick ausweicht und vor der Nähe zu mir flüchtet. Er wollte nie, dass ich ihn umarme, oder ihm zu nahe komme. Doch manchmal, wenn er als Kind hingefallen ist, ließ er sich anfassen, jedoch nicht umarmen.
Es ist sehr schwer als Mutter ihr eigenes Kind nicht umarmen zu dürfen, doch man lernt auf die Bedürfnisse seines Kindes einzugehen und anstatt ihn zu umarmen, erklärte ich ihm, dass die Wunde bluten würde, da sich kleine Steinchen in das Fleisch gepiekst hatten und die Haut aufrissen und das sie bald heile und sich deswegen eine schützende Kruste bildet.
Er hat schon als kleines Kind den Blickkontakt gemieden, da war es jedoch noch nicht klar warum.. Vielleicht wollte ich einfach nicht sehen, dass Anton anders ist. Er kann Zahlen schneller multiplizieren als ein Taschenrechner und hat noch mehrere Fähigkeiten, die sich auch auf die Musik und die Farbenwelt beziehen.
Und doch kann er sich nicht alleine anziehen, kann nicht auf die Bedürfnisse anderer eingehen und hat keinen Sinn für Emotionen. Er kann seine Freude nicht ausdrücken und findet keinen Bezug zu Gleichaltrigen.
Ich liebe ihn, so wie er ist und obwohl ich ihn nie umarme oder küsse, weiß er, dass ich ihn liebe und obwohl er nicht zulässt dass ich ihn berühre, weiß ich, dass er mich liebt. Wir wissen nicht, ob und wie er sein Leben meistern kann, es gibt keine Heilung für sein Verhalten, denn es ist keine Krankheit, es ist einfach nur eine uns unbekannte, vielleicht bessere Welt, in der er lebt.
Eine andere Welt


Ich muss mir die Hausnummern merken, damit ich weiß, wie ich nach Hause komme. Ich weiß jede Zahl zu dem dazugehörigen Haus. Wie bei jedem Nachhauseweg läuft Anni vor mir und ich ihr hinterher. Heute, ja heute hat sie ein rotes Haargummi an. Dass hatte sie lange nicht mehr an. Vor zweihunderteinunddreißig Tagen hatte sie es zum letzten Mal an, denn es war nicht normal rot, sondern dunkel rot.
Doch heute läuft Anni nicht so, wie sie immer läuft. Der Abstand verringert sich immer mehr und ich darf nicht langsamer gehen, da ich immer in diesem Tempo gehe.
Mir wird ganz heiß und ich vergesse zu Atmen, bis ich es doch wieder tue und hoffe, dass sie wieder schneller läuft. Doch das tut sie nicht.
Heute ist es anders.
„Sag mal Anton, warum bist du so anders?“
Ich bin doch nicht anders, will ich ihr sagen, doch ich sehe, dass Wasser in ihren Augen schwimmt. Es läuft ihren Wangen hinunter und tropft auf ihren Hals.
„Die zwei Wasserstrahlen aus deinen Augen verlaufen nicht parallel.“, sage ich ihr. Sie schaut mich nicht an wie immer, doch ich weiß nicht, wie sie schaut.
Sie schaut anders.
„Ich würde gerne mit jemandem reden. Ich bin so traurig.“
Hm, was will sie denn reden. Das letzte Mal hat sie vor dreizehn Tagen mit mir gesprochen, als sie ein rosa Haargummi trug. „Hallo,“ hat sie damals gesagt.
„Warum bist du traurig? Kommt deswegen dieses Wasser aus deinen Augen?“ Sie setzt sich auf die Bank. Sie lächelt!
„Ja, dass Wasser nennt man Tränen, die kommen, wenn man weint, oder lacht.“
„Warum kommen die so oft?“, ich verstehe nicht was sie sagt, aber die Bäume neben mir haben ein anderes grün, als die Bäume hinter mir.
„Mein Hamster ist gestern gestorben. Ich hab ihn sehr lieb gehabt.“
„Ich habe meine Mami auch sehr lieb, aber die ist zu Hause.“, sage ich.
Jetzt kommen die Wasserfluten, die sie Tränen nennt, immer schneller aus den Augen, und jetzt sehe ich, dass sie traurig ist. Sie weint.
Irgendwie mag ich sie sehr und ich halte ihre Hand, ohne, dass mir Angst wird und ohne, dass ich den Zwang verspüre fortzulaufen. Ich bleibe neben ihr sitzen und halte ihre Hand, die ist ganz warm und sie erinnert mich an die Farbe gold.
„Deine Hand ist golden. Hamster sind auch golden.“
Sie schaut mich mit ihren großen blauen Augen an, die zu dem rosa Haargummi gut passen, und hört auf zu weinen. Sie lacht und die Tränen hören auf.
„Warum kommen die Tränen nicht mehr, du lachst doch jetzt.“
Sie nimmt mich in den Arm und ich lasse es geschehen. Es ist schön.
„Mensch Anton, du bist schon besonders.“

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Kommentare

googyaparicio@hotmail.de schrieb am 2009-02-17 16:55:21:
sehr schöne Geschichte...
Felicia schrieb am 2009-02-17 16:54:49:
Die Geschichte ist wirklich sehr schön...
Andre (Schattengeist1@gmx.net) schrieb am 2008-10-27 17:24:31:
Ist zwar ein büschen alt deine Geschichte und vermutlich wird dies hier keiner lesen, aber ich finde diese Geschichte und der Mittelteil in dem du dich als liebende Mutter beschreibst die ihren eigenen Sohn nicht ganz verstehen kann sehr einfühlsam. Sehr authentisch. Da ich selbst unter Authismus leide weis ich wie es deinem Sohn gegen muss. Finde deinen Text sehr einfühlsam und der Inhalt zielt sehr genau auf die Thematik dessen was der Psychologe wohl Standart-Authismus nennen würde :)

LG,

Andre
Tina schrieb am 2008-10-11 12:03:33:
Die Geschichte ist wunderschön geschrieben. Es ist sehr eindrucksvoll, wie deutlich Du die Welt und die Handlungsweise eines Autisten beschreibst, eine Welt, die für Aussenstehende schwer zu verstehen ist. Du hast damit eine Tür geöffnet. Sehr schön.

Gruß Tina
chilly schrieb am 2008-04-03 18:14:06:
bin selbst mutter eines autistischen sohnes, sehr gut beobachtet und formuliert, vor allem der versuch, in die gedanken- und verstehenswelt des kindes einzutauchen und in die der mutter; der schluss mag kitschig wirken, doch hab ich den kommentar zu dr.soltberg gelesen und verstehe die motivation...
glg chilly
Artina01 schrieb am 2008-01-03 13:41:34:
Der erste Teil dieser Geschichte wirkt erschreckend autentisch. Das Mittelstück enfühlsam. Das Ende verleiht einen "bekannten" Touch. Für meine Bedürfnisse ist der letzte Teil eine Spur zu kitschig beschrieben. Jedoch auf keinen Fall annähernd schlecht!

Weiter so "BRAVO"

Lieben Gruß
story schrieb am 2007-11-14 19:14:01:
Einfach genial.

Ich bin körperbehindert und hatte also viel zu tun mit Autisten.

Wie es geschrieben wurde ist klasse. Autentischer kann es gar nicht mehr sein.
sina franke schrieb am 2007-08-29 18:27:55:
lieber dr. soltberg

ich bewundere deine kritik und bedanke mich ganz herzlich dafuer, weil sie eben anders ist *g*
nein, ich will damit nicht sagen, dass liebe ueberalles siegt. immerhin sind autisten nicht krank, man kann sie nciht heilen, sie haben halt einen deffekt, doch ich finde auch sie koennen fuehlen und merken, wenn jemand sie mag oder ihnen interesse entgegenbringt und das wollte ich zum ausdruck bringen, mit Hilfe eines meadchens, weil ich finde, dass es dann versteandlicher ist.
mich hat dieses thema schon immer fasziniert und wollte einfach zeigen, dass auch sie menschen sind, nicht anders, sondern besonbders *g*
hochachtungsvoll
sina
Dr.Soltberg schrieb am 2007-08-26 13:19:47:
Verzeih, dass ich so lang nicht dazu gekommen bin deine Werke zu begutachten.
Gerade habe ich deine Bitte erhalten und natürlich kritisiere ich gerne diese Geschichte, auch wenn sie mir nicht besonders zu sagt.
Sie hat einen vorsichtigen Anfang, der aber in einem interessantem emotionalem Bogen verläuft.
Was letztendlich bleibt ist, die Liebe siegt über alles, oder was?
Das empfinde ich als verabscheungswürdig.
Natürlich ist die Geschichte wunderschön und besonders.
Ich anerkenne dieses geniale Werk. Auch wenn es mir ein befremdliches Gefühl gibt.
Dr.Soltberg
melina schrieb am 2007-08-19 11:19:33:
huhu ich bins mal wieder...... wie schon oben gesagt wurde DIESES THEMA IS TIERISCH GENIAL!!! herrlich
geschrieben!!
eigentlich ist es ja dirket langweilig wenn man immer nur gute kritiken verteilen kann XD

ganz liebe grüße
Hilfe? schrieb am 2007-08-18 14:36:26:
hey, geniale Geschichte!
schwierig, aber mit der Lösung, dass man viel, viel Zeit braucht- wie in der Realität.
Eine schöne Geschichte und man kann sich gut den Jungen vorstellen- er sieht einfach alles anders.
Lieber Gruß,
Samuel
Alucard schrieb am 2007-07-30 16:41:31:
ui ui ui ui ui..... einfach nur ganz ganz KLASSE!!!!
DAs Thema ist tierisch genial und die Loesung am Ende verspricht doch noch Hoffnung für das arme Toenchen^^ gefaellt mir wirklich sehr gut ;-)
mach weiter so
Gruss Raphael

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