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Kategorien > Drama > gesellschaft

Ich bin es nicht wert

von Rebecca Bach

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Vermutlich wird diese Geschichte bald das Format einer Kurzgeschichte überschreiten. Dies ist nämlich auch nur der Beginn. Doch vorab möchte ich schon mal etwas Kritik einstecken :-)

Es soll um einen jungen Mann im späten 19.Jhdt. gehen, der seit dem Selbstmord seines Vaters unter starken psychischen Problemen leidet, was es ihm beinahe unmöglich macht, einen Beruf auszuüben, was aufgrund des mangelnden Wohlstandes ohnehin schon schwierig ist. Da er aber seine Mutter versorgen muss gerät er schließlich an einen Skrupellosen Mediziner, der LSD an ihm testet um einen medizinischen Fortschritt zu erlangen. Dafür gibt er ihm zwar Geld, lässt ihn über mögliche Folgen jedoch völlig unaufgeklärt.
Hier der erste Ausschnitt:

Endlose Gänge. Weit verschachtelt. Etwas raste auf ihn zu. Immer schneller. Schneller. Eine formlose Gestalt. Schwarz. Er hastete um die nächste Kurve. Der nächste Gang. Graue Wände. Es war hinter ihm her. Er rannte. Immer schneller. Schneller. Um die nächste Kurve. Graue Wände. Es hatte ihn fast erreicht. Er rannte weiter. Ein Labyrinth aus Gängen. Ein Spiegel. Eine Wand aus einem Spiegel. Eine Sackgasse. Er erschrak. Wer war der Mensch, der ihn aus dem Spiegel ansah? Er selbst? Niemals! Ein Moment der Stille. Dann die schwarze Gestalt im Spiegel. Schneller und schneller raste sie auf ihn zu. In der Falle. Schreckens starr. Er drehte sich langsam um. Es rauschte durch ihn hindurch. Ein entsetzter Schrei. Dunkelheit. Sein keuchender Atem hallte durch den Gang. Er tastete sich am Boden entlang. Scherben. Überall verstreut. Er rappelte sich vorsichtig auf und fuhr mit den Händen die Wand entlang. Mit blutigen Händen.Völlige Dunkelheit. Er tastete sich bis zu der Spiegelwand vor, wollte sie berühren
und stürzte in die Leere. Stürzte tiefer und tiefer. Ein eisiger Wind. Und ein qualvoller Schrei, den niemand hörte.


„Es reicht!“ Die Stimme erklang aus der Ferne und wirkte verschwommen, auf eine seltsame Weise nicht real. „Es reicht!“ Sie wurde deutlicher, doch er konnte sie immer noch nicht zuordnen. Ein kühler Wind strich ihm über die heiße Haut. „Es reicht, hab ich gesagt!“ Diesmal drang die Stimme dröhnend klar in sein Ohr, er drehte sich um und eine flache Hand schlug ihm ins Gesicht. Er war nicht überrascht. Und seit längerem schon nicht mehr verängstigt.
David spürte die Taubheit noch in seinem Körper und durch die flimmernde Luft nahm er wahr wie die Hand ihn am Kragen packte und ihn zu ihrem Besitzer heran zog. „Habe ich dir nicht gesagt, dass es reicht?“ David sah ihm direkt in die Augen. „Starr mich nicht so unverschämt an, Bursche! Geh gefälligst sparsamer mit den Kohlen um, verstanden?“ Er nickte hölzern.
„Vielleicht möchtest du ja alle Kohlen verbrauchen, bis wir wieder auf dem Festland sind, hm?
Oder fahren wir dir nicht schnell genug und du willst schnell heim zu deiner wunderschönen Geliebten, die bestimmt schon sehnsüchtig auf dich wartet, hm? Glaubst du, sie ist enttäuscht, wenn sie erfährt, dass du es während der Fahrt nicht einmal zum Matrosen geschafft hast? Und deine Schwester, was wird die dazu sagen? Ach nein, ich vergaß: Es handelt sich bei der Geliebten und der Schwester ja um die gleiche Person, hm?
Oder willst du zu deiner armen Mutter zurück, damit du sie pflegen kannst, da sie als Hure momentan in schwierigen Zeiten lebt, hm?“ Der Kapitän sah ihn herausfordernd an, doch David wollte sich nicht provozieren lassen. Heimlich ballte er die Hände zu Fäusten, senkte demütig den Kopf und bat um Vergebung. Doch dem Kapitän entging keine Geste. „Na los, schlag zu! Schlag, du wertloses Stück
Arbeiter! Schlag, und du bist von deiner Mühsal schnell befreit! Traust du dich nicht, hm? Du wirst es in deinem Leben niemals zu etwas bringen, und gib zu, in Wahrheit weißt du das doch auch! Darum schlag endlich zu!“ Er packte Davids Handgelenk und riss es hoch. Dann drehte er ihn einmal um sich herum, so dass alle Umstehenden ihn beobachten konnten. „Meine Herren: Seht ihn euch an! Schaut ihn an! Wer ist er? Kennt ihr ihn? Kennt einer von euch seinen Namen? Wird sich jemals einer von euch an ihn erinnern? Wird sich überhaupt jemals einer an ihn erinnern?
Nein! Natürlich nicht. Denn er ist niemand. Und daran wird sich auch nie etwas ändern. Denn sowie Dreck Dreck bleibt, bleibt auch niemand niemand. Verstanden? Niemand wird sich an dich erinnern, Bursche, außer natürlich deine Mutter, aber die ist morgen vielleicht schon tot.“
David spuckte ihm ins Gesicht. Abrupt ließ der Kapitän ihn fallen und trat im nächsten Moment wie wild auf ihn ein. Darauf hatte er gewartet. David verfluchte sich selbst für seine Dummheit. Warum hatte er das tun müssen? Nun hatte er ihm endlich den Beweis dafür geliefert, dass er recht hatte: er war nutzlos. Einfach niemand!





2.

Die Leute starrten ihn an. Nach Außen wirkte es, als nähmen sie gar nicht die geringste Notiz von ihm, als wäre er Luft für sie. Niemand sah ihm in die Augen, doch er spürte ihre gaffenden Blicke, ein bösartiges Gemisch aus Mitleid und Abscheu und er war sich sicher, sie im Chor schreien zu hören: „Wie gut, dass wir anders sind!“ Ihre Stimmen wirbelten in seinem Kopf, schlugen und traten erbarmungslos auf ihn ein. Doch seine Ohren vernahmen nicht den leisesten Laut.
Er betrachtete die Menschen um ihn herum. Wieso waren sie anders als er? Worin unterschieden sie sich? Auf den ersten Blick trugen sie keine teurere Kleidung, bekleideten kein besseres Amt, hatten kein höheres Ansehen und sahen auch nicht nach glücklichen Familienvätern aus. Was also gab ihnen das Recht so zu schreien?
David schlug sich gegen den Kopf, massierte seine Schläfen. Er musste damit aufhören. Niemand schrie und das wusste er. Immer diese Gedanken. Es war nicht auszuhalten. Statt sich mit irgendwelchen Fantasien zu beschäftigen sollte er lieber darüber nachdenken, wie er seiner Mutter schonend beibringen sollte, dass er erneut seine Arbeit verloren hatte. Er sah jetzt schon ihre tränennassen Augen, ihre alten, knochigen Hände, die ihn in den Arm nahmen und das schmerzliche Lächeln, das sagte: „Es macht nichts mein Sohn, es ist nicht deine Schuld. Wir schaffen das schon.“ Doch ebenso wusste sie genau, dass sie nicht die Wahrheit sprach. Könnte er ihr doch nach all der Zeit ihr einmal gute Nachrichten überbringen!

„Trödel doch nicht immer so! Mama wartet mit dem Essen! Der Salat wird kalt!“ Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Sonja, du weißt doch, dass ich warmen Salat hasse!“ Er drehte sich um und wollte seine Schwester in den Arm nehmen, hielt in der Bewegung jedoch inne. Wie dünn sie geworden war! Immer schon war sie schmal gewesen, doch nun wirkte sie dürr und zerbrechlich. Das sonst eher runde Gesicht mit den rosigen Wangen war eingefallen und blass. Ihre Wangenknochen stachen deutlich hervor und der lebhafte Glanz in ihren Augen war stumpf und müde geworden. Ihre Jugendlichkeit war in ihrem zarten Alter

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