Ich habe Angst
von
Alexander Rupflin
1
„Der Nächste!“ rief ich der Kleinen, die meine Arzthelferin spielte, durch die alte Eichentür zu.
Kurz darauf stand auch schon der Patient im Türrahmen. Sein Blick huschte von meinem Schreibtisch auf das alte aber edle Sofa, das mit dunklem Leder überzogen war. Dann floh sein Blick zum Fenster, um gleich darauf wieder das Couch zu fixieren. Tiefe Furchen bildeten sich auf seiner Stirn und sein Blick verfinsterte sich.
Diese Begrüßung bekam ich fast täglich von einem der Verrückten. Sie schätzen den Weg vom Sofa zum Fenster und überlegen sich einen Fluchtweg, den es aus dem zwanzigsten Stock aber leider nicht gab.
„Na kommen sie ersteinmal rein.“ Er betrachtete mich kurz, wie einen hässlichen Fleck auf einer weißen Wand, entschied sich scheinbar aber dann doch mir die Ehre seiner Gesellschaft zu geben. Denn mit zitternden Hand griff er, ohne mich aus den Augen zu lassen hinter sich an die Türklinke und zog seinen eigenen Käfig zu.
„Wollen sie sich nicht setzten?“säuselte ich ihn an. Ohne den Blickkontakt abzubrechen setzte er sich auf das Sofa, dass die Arbeit scheinbar genau so leiht war wie ich, denn das Leder knarrte noch lauter als sonst.
Ich wartete noch kurz ob er was sagen würde, aber es kam natürlich nichts. Nur seine Augen untersuchten scheinbar jeder einzelne meiner Poren.
Also fragte ich: „Warum sind sie denn hier?“ Anfangs schenkte er mir noch nicht einmal ein Liedschlag. Doch plötzlich, ich hatte schon den Mund offen um meine Frage zu wiederholen, da ließ er seinen Blick endlich von mir ab und durchstöberte wieder den Raum. Aber nicht wie bei seinem Eintreten, sondern viel schneller, als suche er etwas, oder jemanden, der aber nicht zu finden war. Dann beugte er sich langsam vor und flüsterte:“ Ich habe Angst.“
Ich notierte also gleich ganz professionell: „ Psychopath hat Angst und spendiert mir gerade mein Abendessen.“ Dann kramte ich (heute hoffentlich zum letzten mal) all mein Mitgefühl zusammen und fragte: „Vor was haben sie denn Angst?“. Er schaute sich noch einmal im Raum um, nur um sicher zu gehen, dass auch wirklich alles in Ordnung war und flüsterte dann noch leiser als zuvor: „Vor den Menschen.“
Ich wiederholte den Satz mit lauter kräftiger Stimme, was ihn natürlich zusammenfahren ließ und er musste mein Büro ein weiteres mal inspizieren.
„Haben sie vor allen Menschen Angst?“ Es dauerte etwas bis er wieder zu Ruhe kam um die Höflichkeit aufbrachte mit einem knappen „Ja.“ zu antworten
„Auch vor netten und liebenswürdigen Menschen?“ stocherte ich belustigt nach.
Die Frage bedeutete ihm mehr als ich erwartet hatte, denn sofort veränderte sich sein Ausdruck. Seine Blick wurden strahlender und verloren jeglichen Argwohn, was in plötzlich lebendiger wirken ließ „Gibt es so jemanden?“ stellte er mir ganz aufgeregt die Gegenfrage.
Ich konnte ein verächtliches Schnauben nicht unterdrücken.
Sofort wurden seine Augen wieder von einem Nebel der Hoffnungslosigkeit verhangen. Auch sein Gesicht verlor nun jegliche Farbe, was mich ernsthaft darüber nachdenken ließ, ob ich den Mann gerade umgebracht hatte.
Ich hatte genug und schaute demonstrativ auf meine Rolex.
Doch meine Geste war scheinbar nicht deutlich genug, denn er blieb einfach sitzen und starrte durch mich hindurch.
Ich griff also in meine Schreibtischschublade und holte meinen Rezeptblock hervor.
Ich schrieb das stärkste Antidepressiva auf, dass ich kannte und hielt es ihm entgegen:
„Hier das wird helfen.“ Der Mann stand auf und schwebte mit starrem Blick, ohne das Rezept überhaupt wahrzunehmen zur Tür, wo er kurz inne hielt.
Das letzte was ich von ihm hörte was ein leises unglaublich trauriges und hoffnungsloses „Hilfe.“
1
Kommentare
Gimliy schrieb am 2008-11-04 08:51:45:
Find ich sehr spannend und leider sehr wahr. Die meisten Ärzte nehmen ihre Patienten wirklich nicht ernst. Das findet im kleinen statt, wirkt sich aber auch aufauf so schwirige und große Fälle wie du sie beschrieben hast aus. Es ist wirklich schlimm, dass die, die einem helfen sollen, dazu nicht befäjhigkt sind.
Gruß: Gimliy
Carolin schrieb am 2008-11-02 15:51:11:
Ich finde diese "geschichte" wirklich gut...
ich arbeite in dem Bereich der Betreuung, da lernt man diese Menschen zu verstehen und wendet den Blick auch oft auf die Menschen, die diesen Personen eigentlich helfen sollten.
Leider nimmt nich jeder seinen Job sehr ernst, was gerade in diesen Fällen äußerst wichtig wäre, da ist es kein Wunder, dass Hilfebedürftige irgendwann aufhören zu Hoffen.
Kommentar hinzufügen