Ich kannte einen Engel
von
Nachtwanderer
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Kapitel 1
Die erste Begegnung
Die folgende Geschichte möchte ich so wahrheitsgetreu schildern, wie es mir möglich ist. Ob der geneigte Leser sie glauben kann oder für das Produkt einer grenzüberschreitenden Phantasie halten mag sei ihm selbst überlassen.
Gerade in der Vorweihnachtszeit, wenn einem die Symbole von Engeln, Schnee, Sternen und weißbärtigen Männern in roten Kostümen beinahe an jeder Straßenecke begegnen, erschleicht eine Erinnerung an eine merkwürdige Begegnung unverdrängbar meine Seele.
Ich habe die Jahre nicht gezählt, die seitdem vergangen sind, doch es wird nie lange genug gewesen sein, um es zu vergessen und ebenso wenig ist es noch nicht so lange her, dass ich mir einreden könnte, es sei nie geschehen.
Ich kannte eine junge Frau, mit der ich eng befreundet war. Genau genommen waren wir ein Paar, und auch wenn diese Bindung eher ungewöhnlicher Natur gewesen ist, denn in ihrer Welt gab es nicht die Grenzen und die Konventionen, die dem durchschnittlichen Gemüt als Maßstab dienlich sind. Ich erinnere mich keinen einzigen Tag, an dem in unserer Liebe auch nur annähernd Unbeschwertheit und Glück verhießen waren.
Sie litt an einer schweren psychischen Erkrankung und hatte eine traurige Geschichte im Gepäck. Ich liebte sie sehr und trotz ihrer irrationalen Lebensführung und so mancher unverständlichen Handlung gab sie auch mir das Gefühl mich sehr zu lieben.
In einer psychiatrischen Klinik, nahe der Stadt Hattingen, auf einer Anhöhe gelegen, mit Blick in das Ruhrtal, kam es zu dieser ersten, schicksalhaften Begegnung. Es war gegen sechzehn Uhr, die abendliche Besuchszeit begann und draußen erahnte man bereits die anbrechende Dämmerung, als ich durch die langen Flure schritt, um meine damalige Liebe zu besuchen. Die Klinik war mir gut vertraut, da ich in ihr mal eine zeitlang beschäftigt war und es gab dementsprechend keine Berührungsängste oder negative Assoziationen.
Auf dem Gang, auf dem Stuhl einer kleinen Sitzgruppe verweilend, fiel mir ein Mann mittleren Alters auf, der ebenso lächelnd, wie entrückt auf ein Bild an der Wand starrte. Ich schritt an ihm vorüber und wunderte mich über sein ungewöhnliches Aussehen. Er trug eine dunkelgrüne Kordhose, die sogar im Sitzen verriet, dass sie ihm viel zu groß war. Unter dem Schlag seiner Beinbekleidung lachten mich ein paar Kamelhaarpuschen an, schon etwas speckig an der Oberfläche. Ein weißer Bart, nicht ungepflegt, aber antiquiert bedeckte den Ausschnitt eines karogemusterten, dunklen Pullovers. Dazwischen ein Schal, - rot, schlicht, und einmal um den Hals geworfen. Seine Hände waren wie zum Gebet verschränkt und lagen auf den übereinander geschlagenen Beinen.
Meine Freundin fand ich wie immer im Raucherzimmer und sie begrüßte mich, indem sie mir um den Hals fiel und mich küsste. Es war eine sehr schöne Zeit, trotz der traurigen Umstände und eines Umfeldes, das einen wohl nicht von Glück sprechen lassen kann. So lange wie es dauern würde, würde ich sie jeden Tag hier besuchen. Das tat ich dann auch und so war ich schon bald bei den anderen Patienten bekannt.
So ergab es sich, dass auch dieser Herr mir häufiger begegnete. Inzwischen hatte ich von anderen Bewohnern, hinter vorgehaltener Hand erfahren, dass er selbst ein Facharzt für Nervenheilkunde wäre und nach einem akuten Schub seiner schizoiden Persönlichkeitsstörung auf eine Verbringung in eine, Ärzten vorbehaltenen Fachklinik wartete.
Es war gegen achtzehn Uhr und die meisten Patienten durften und sollten an der Vorbereitung des Abendessens teilnehmen, so auch meine Freundin. In diesen, meist fünfundvierzig Minuten beschäftigte ich mich dann anderweitig, mit Lesen, Fernsehen oder kleinen Spaziergängen auf dem Flur.
So war es auch an diesem Abend und ich bewegte mich durch die Ebene der Station, als mir erneut dieser Herr, sitzend an seinem Lieblingsplatz auffiel. Die Langeweile, aber auch die Höflichkeit und nicht zuletzt meine Neugier bewogen mich, ihn höflich zu fragen, ob ich Platz nehmen dürfte.
Er antwortete sehr freundlich: „Aber bitte, junger Mann, nicht so schüchtern.“
Ich bedankte mich und nahm Platz.
„Ich bin eine Engel“, sprach er unaufgefordert, und seine verhaltene Mitteilsamkeit, die er bislang immer ausstrahlte schien ein Ende gefunden zu haben.
„Sie sind ein Engel?“, fragte ich ihn zögerlich?
„Aber ja, ein Schutzengel bin ich“.
Er sagte dieses mit einer inneren Überzeugungskraft, dass ich für einen Moment geneigt war ihm zu glauben. Seine Augen funkelten mich freudig an und ich bekam den befremdenden Ausdruck seiner Erkrankung in meiner Seele zu spüren.
„Wie wird man ein Engel?“, fragte ich ihn und versuchte dabei ein unerschrockenes und wohlwollendes Gesicht zu bewahren.
„Gott beruft einen dazu“, sprach er, und er gab mir dabei das Gefühl ein unwissendes Kind zu sein. Mir war sofort klar, dass jede Form eines relativierenden Widerspruches für ihn ohne jede Bedeutung sein würde. Ebenso erkannte ich, dass ihm bewusst war, dass ich seine Worte bezweifeln musste, aber das schien ihn nicht zu stören.
„Wie ist ihnen Gott begegnet“, wollte ich wissen.
Er lehnte sich zurück, nahm kurz seine Lesebrille ab und wischte sich hemmungslos die Augen. Dann setzte er sie wieder auf und sein Gesicht war plötzlich kalt, versteinert und angsterfüllt. Falten waren auf seiner Stirn, da wo vorher keine gewesen sind. Ich werde nie diese Augen vergessen, als er wieder begann zu sprechen.
Mit einer Ernsthaftigkeit, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ fragte er mich:
„Wollen sie das wirklich erfahren, junger Freund? Es ist ein schwere Bürde, und wer ihr zu Nahe kommt könnte selber hier enden“.
Ich versuchte so etwas wie ein Lächeln, doch ich war schon gefangen. Ich musste mich nicht mehr anstrengen, um ihm die notwendige Ehrfurcht zu erbieten, die er für notwendig hielt.
Ich sagte: „Vielleicht finden sie einen Weg, es mir so zu erklären, dass ich keinen Schaden nehmen muss“.
Wie ein Blitz fuhr ein Lächeln in sein Gesicht und er zuckte mit ganzem Körper zurück, um dann langsam wieder näher zu kommen.
Dann erzählte er mir seine Geschichte. Er schaute mir dabei ohne Unterlass in die Augen. Ich saß nur da und kämpfte darum seinem Blick stand zu halten. Bei seiner Ausführung setzte er das Wissen um seinen Beruf voraus, es schien ihm klar zu sein, dass es in diesem Hause nur wenige Geheimnisse gab.
Kapitel 2
Der Engel spricht
„Nach dem Tod meiner großen Liebe kam eine junge Frau in meine Praxis. Ein hübsches Ding, jung an Jahren. Sie hatte im Leben nur die dunklen Seiten kennen gelernt. Schon ihre Kindheit war eine Tragödie. Eine sadistische Mutter, ein Vater, der der dem Alkohol verfallen war und der sich alsbald das Leben nahm, ein Leben voller Qualen und Schmerz. Bildung wurde ihr nur wenig zu Teil, wenngleich sie sie sehr begabt und mit hoher Intelligenz beschenkt gewesen ist.
Sie kam in meine Praxis, nachdem sie die Staatsgewalt aus den Fängen eines
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