Ihr verborgenes Selbst
von
*violated_soul*
1
Morgens steht sie auf. Sie geht lächelnd zur Schule, steht jedem gerne ratgebend zur Seite, hilft wo sie kann. Sie fordert keinen Dank dafür. Kein Lächeln. Keine nette Geste. Nichts. Trotzdem lächelt sie. Mittags kommt sie nach Hause, lächelt ihrer Familie zu. Sie geht in ihr Zimmer, macht Hausaufgaben, lernt. Anschließend treibt sie Sport. Wenn ihr jemand begegnet, lächelt sie freundlich, wechselt vielleicht ein paar nette Worte mit ihm und läuft weiter. Wieder zu Hause, lächelt sie ihren Eltern zu, hilft ihnen, falls es etwas zu helfen gibt. Später wünscht sie ihnen lächelnd eine gute Nacht und geht auf ihr Zimmer.
Endlich ist es geschafft. Wieder ist ein Tag vergangen, wieder hat keiner etwas gemerkt. Sie geht zu ihrem Fenster, öffnet es, setzt sich auf die Fensterbank und blickt hinaus in den wolkenlosen Nachthimmel. Endlich kann sie ihre Maske ablegen. Sie beginnt zu weinen. Heftig, hemmungslos. Die Tränen rinnen in Bächen ihre Wangen hinab, sie zittert. Sie weiß nicht, wie lange sie das noch aushalten wird. Sie ist verzweifelt, einsam, unglücklich. Ihre Seele ist erfüllt von Schmerz, Selbsthass und Dunkelheit. Doch keiner merkt etwas. Sie lässt sich nichts anmerken, versteckt sich hinter der immer lächelnden Maske. Keiner sieht, wer sie wirklich ist. Keiner kennt ihre Gedanken. Keiner weiß, was sie wirklich beschäftigt. Keiner weiß, wie sehr sie leidet. Alle sehen das freundlich lächelnde, perfekte Mädchen. Fleißig, strebsam, hübsch, schlank, intelligent, hilfsbereit, beliebt, freundlich. Eben perfekt.
Noch nie hat sich jemand gefragt, wie es in ihrem Inneren aussieht. Warum auch? Ihr geht es doch gut. Sie ist doch perfekt.
Doch wenn sie doch so perfekt und glücklich ist – warum sitzt sie weinend auf ihrer Fensterbank? Warum greift sie nun langsam zu ihrem Messer, fährt sich langsam über ihren Unterarm und rammt es sich tief ins Fleisch. Warum beobachtet sie mit wässrigen Augen, wie ihr Blut sich langsam zu einer Lache ansammelt? Weil sie glücklich ist? Weil sie zufrieden ist? Wohl kaum.
Doch sie lässt sich nichts anmerken. Sie setzt täglich aufs Neue ihre lächelnde Maske auf und lässt niemanden hinter die Fassade blicken. Sie gibt dem Drang, endlich über ihre Probleme zu reden, niemals nach. Und so gibt sie auch niemandem Anlass, sich zu fragen, ob es ihr auch wirklich gut geht und wie es in ihrem Inneren tatsächlich aussieht.
Und obwohl sie genau weiß, dass ihr eigentlich keiner etwas anmerken kann, fragt sie sich jede Nacht aufs Neue, warum sich keiner um sie sorgt. Warum sich keiner Fragt, warum sie so dünn ist. Warum sich keiner Fragt, warum sie auch im Hochsommer immer langärmlige T-Shirts trägt. Warum sich keiner Fragt, warum sie nach jeder Mahlzeit auf der Toilette verschwindet. Warum keiner nach ihrem Wohlbefinden fragt. Sagt ein Lächeln denn wirklich alles? Schaut ihr denn niemand in die Augen? Bemerkt denn wirklich niemand die Traurigkeit, die sich hinter ihrer Fassade verbirgt? Ist die Mauer denn wirklich schon so dicht und hoch, dass keiner mehr darüber blicken kann? Oder will es einfach keiner sehen? Will sie vielleicht einfach niemand verstehen? Wahrscheinlich will sowieso keiner etwas von ihren Problemen wissen. Es interessiert keinen. Warum auch? Sie ist es nicht wert, dass man sich um sie sorgt. Sie ist es nicht wert, dass man sich Gedanken um sie macht. Solche Gedanken gehen ihr durch den Kopf, während ihr Blut langsam weiter auf den Boden tropft und die Lache immer größer wird.
Wie einfach es wäre, dass alles einfach zu beenden, denkt sie plötzlich. Ein tiefer Längsschnitt über den Unterarm und Schluss wäre. Aus. Ende. Schluss. Und es gäbe noch so viele andere Möglichkeiten. Tabletten zum Beispiel. Oder die Brücke…oder doch lieber der Zug?...
Doch dann überfällt sie ihr schlechtes Gewissen. Das kann ich nicht tun, denkt sie sich. Ich kann die anderen nicht einfach im Stich lassen. Sie brauchen mich. Ich muss ihnen helfen. Und wieder wird ihr Tränenfluss heftiger. Sie hasst sich dafür. Für ihre Schwäche, für ihre Undankbarkeit, ihre Unzufriedenheit, ihre Tränen in der Nacht. Und wieder rammt sie das Messer tief in ihre Haut. Tief und noch ein bisschen tiefer. Das Blut fließt langsam von der Wunde über den Unterarm. Es rinnt über ihre Fingerspitzen und tropft langsam zu Boden. Und endlich setzt er ein: der Schmerz. Der altbekannte, wohltuende, beruhigende Schmerz. Langsam versiegen ihre Tränen. Mechanisch nimmt sie die Mullbinde und wickelt sie um ihren Arm. Anschließend wischt sie das Blut vom Boden, versteckt es samt ihrem Messer und legt sich schlafen. Um morgen wieder lächelnd aufzustehen. So, als wäre nichts gewesen. So, als hätte es den Vorfall in der Nacht gar nicht gegeben. So, als wäre sie glücklich. So, als würde es ihr gut gehen. So, als würde es sie gar nicht wirklich geben…
1
Kommentare
violated_soul schrieb am 2007-05-03 20:00:46:
hallo...entschuldigt, ich war lange nicht mehr hier, hatte keine zeit und noch meine einige probleme zu bewältigen, von denen mich ein paar noch immer "verfolgen"...aber ich kanns im moment leider nicht ändern...ich wollte mich nur gaaaaanz herzlich für die superlieben kommentare bedanken...besonders von "sonne"...(mal nebenbei...in wirklichkeit heiße ich auch sonja =) )...ich habe mich wirklcih über alle ganz ganz ganz riesig gefreut! =) das muntert einen doch gleich wieder ein bisschen auf!! vielen vielen vielen dank!!
eure violated_soul
Melody schrieb am 2007-03-25 18:11:56:
Hey Violated!
Mich haben deine worte tief berührt, ich hatte das Gefühl sie reißen an meiner Seele. (Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich hatte wirklich einen inneren Schmerz als ich sie gelesen habe!)
ICh finde die Botschaft die du damit den Lesern übermittelt hast ist enorm und hinterlässt etwas.
Und das finde ich ist eine der Sachen die ich persönlich ganz, ganz wichtig finde wenn man so etwas schreibt. deine Worte haben eine tiefe, an der man merkt dass es wirklich nicht "nur" ausgedacht ist sondern dass du selbst etwas mitgemacht hast. ICh denke dass ist es auch was mich so tief berührt hat. Und ich wollte noch was zu "Franziska90" sagen. Ich finde dein Kommentar wenn ich es mal so ausdrücken darf ziemlich geschmacklos! gut ich kann dir nicht sagen dass du die Geschichte gut finden musst, aber ich finde man merkt doch wenn man acuh nur minimla sensibel ist dass diese Geschichte nicht einfach so daher gelabert ist. Und wenn du es nicht checkst, dann kann ich nur sagen du tust mir leid! Also SChluss jetzt, und nochmal ich habe mich echt geärgert über deine wahllose Wortwahl und deine Worte die auch verletztend für denjenigen sein können der das mitgemacht hat. So jetzt aber endgültig Schluss, ich habe meine Luft abgelassen!
Ncoh mal gesagt violated ich finde deine Worte genial!
Melody
Sonja schrieb am 2007-03-25 15:43:37:
Hey violated Soul,
lese mich gerade durch alle deine Geschichten durch.
Ich kann einfach nicht aufhöhren.
Nun zu der Geschichte:
Ich kenne das Gefühl, ich weiß wie es ist, eine "fröhliche Maske" zu tragen. Und deshalb, denke ich kann ich aus erfahrung auch gut beurteilen, wie abartig super perfekt diese Geschichte ist.
Du hast eine Stärke dafür, Emotionen so zu beschreiben, das sie einen fesseln, mit fühlen lassen.
Falls diese Geschichte deiner Wahrheit entspricht, (falls!!) kann ich dir nur sagen, das es eine gute entscheidung war, sie aufzuschreiben. wenn du nun siehst, das mindestens schon sechs Leute (die du noch nich mal kennst!!) sich für dich interessiern, ist das doch schon mal ein Fortschritt, zur Erkennung, das es IMMER besser ist, Menschen, an deinen Gefühlen teilhaben zu lassen. Ich hatte das Glück, eine Freundin zu haben, die mir geholfen hat. Nur ihr habe ich mich geöffnet, und ihr habe ich es zu verdanken, das ich nun überhaupt noch hier bin. Ich würde mir zum beispiel Sorgen um dich machen, wenn ich sicher wüsste, das das ein teil deines lebens ist, obwohl ich dich nicht kenne. Aber ich finde ein Menschenleben, egal wie Nahe es einem steht, ist etwas SOOOOOOOOOOOO wichtiges, das man nicht darüber hinweg sehen sollte. Oh gott ich sehe gerade, das ich mal wieder total abgeschweift bin, sorry aber das passiert mir häufig . Ich wünsch dir noch ganz viel Glück
deine "Sonne" (aber nich das du denkst, das ich dir gehöre!!:D)
*violated_soul* schrieb am 2006-06-26 20:12:30:
@ resi
danke!
ja nicht nur deines...ich habe mich mal selbst verletzt, aber das ist zum glück (eigentlich) rum...
resi schrieb am 2006-06-22 15:41:58:
ich verletze mich zwar nicht selbst aber ansonsten beschreibt diese Geschichte genau mein Leben !!
Sie ist wirklich gut gelungen !! Respekt !!
*violated_soul* schrieb am 2006-06-15 16:11:23:
Oo warum s mein kommentar nicht da??
*violated_soul* schrieb am 2006-06-15 13:22:55:
das mädchen sticht sich keinesfalls grundlos in den arm...und der schmerz setzt auch nicht erst ein, als sie sich in den arm geschnitten hat...der schmerz ist den ganzen tag da...sie zeigt es nur nicht...deswegen lächelt sie den ganzen tag...das ist kein echtes lächeln, sondern ein gezwungenes...
"sie kann doch einfach die klappe aufmachen..."
keineswegs. das ist überhaupt nicht einfach. das mädchen hat psychische probleme...die wenigstens psychisch kranken sind bereit, über ihre krankheit zu reden...glaub mir...
Franziska90 schrieb am 2006-06-11 17:52:27:
Hallo, ähh deine Geschichte ist etwas zu langatmig, und ich versteh auch nicht ganz den Sinn.
Weshalb sollte sich ein Mädchen grundlos in den Arm stechen? Und noch was sehr Unlogisches: wieso setzt denn der Schmerz erst dann ein, als sie sich sosehr in den Arm geschnitten hat, als schon das Blut über ihre Finger hinwegfließt?
WENN man schon so eine Geschichte veröffentlichen will, muss man sich erst mal VORHER überlegen, WESHALB man das macht. Klar- Leben ist schwer!- Aber nur weil man denkt, man ist allein, sowas machen? Sie kann doch die Klappe aufmachen oder seh ich das falsch?
*violated_soul* schrieb am 2006-06-08 22:05:40:
dankeschön!
violated_soul schrieb am 2006-06-08 19:06:11:
danke!!
Jo schrieb am 2006-06-07 22:54:29:
Eine sehr traurige Geschichte...sie ist gut gelungen!
zettel schrieb am 2006-06-06 15:58:40:
auch diese geschichte ist gut gelungen...
weiter so!!!
lg
zettel
chris schrieb am 2006-06-06 14:34:08:
eine echt traurige geschichte,aber gut
Kommentar hinzufügen