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Kategorien > Alltag > Beobachtung

Im Bierzelt

von sky valley

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Im Bierzelt
Ich trinke den letzten Schluck aus meiner Bierdose. Der Zug fährt in fünf Minuten. Zum Bahnhof sind es nur wenige Meter. Es nieselt leicht, mich friert´s – egal. Wir warten auf dem Bahnsteig. Der Zug hat mal wieder 10 Minuten Verspätung. In kleinen Gruppen warten noch einige andere Leute. Sie wollen wohl auch zum Wasen , alles mehr oder weniger Jugendliche. Es scheint heut Abend will niemand allein sein . Auch ich nicht. Rumstehn tun wir alle voneinander isoliert.
Der Zug hält mit einem schrillen Kreischen, als ob er gegen den Stop protestieren will- zwecklos.
Wir steigen ein und nehmen die erstbesten Plätze. Ich sehe durch die Fenster nur mein Spiegelbild, und die Nacht. Die Fenster erscheinen undurchlässig. Das Abteil wirkt beengend. Vereinzelte Lichter von draußen geben bald wieder Orientierung. Wir fahren also doch nicht mitten im Nichts direkt in ein schwarzes Loch.
Wir reden über unwichtige Dinge, reißen die üblichen schlechten Witze. Alle sind schon leicht angetrunken. Das Ziel ist schnell erreicht und wir steigen aus. Das Gedränge nimmt immer mehr zu. Scheinbar kann es niemand erwarten, sich in das noch beengendere Gewirr der Bierzelte zu stürzen. Einige kommen schon wieder vom Wasen zurück . Sie sehen aus, wie nur knapp der Heimfahrt mit dem Krankenwagen entkommen. Das Nieseln hat zugenommen, der Wind auch.
Dumpfe, pulsierende Bässe von Fahrgeschäften dringen herüber. Irgendwie kommt mir das alles wenig verheißungsvoll vor. Als Spaßbremse will ich aber auch nicht enden. Etwas benebelt, und trotz allem noch leicht euphorisiert, nehme ich mir feierlich vor, heute ganz bestimmt Spaß zu haben.
Wir laufen durch die Unterführung. Mitten im Fluss der Menschen. Hinter uns heißeres Fußballfangegröle: „BVB ihr Hurensöhne“. Egal, einfach weiter.
Wir lassen uns vom Strom mitschleppen, laufen auf der Straße. Links von uns ist ein geschlossener Zeitschriftenladen mit vergitterten Fenstern, und brüchigen Fließen an der schmutzigen Wand. Diesen Samstag 8 Millionen im Jackpot. Soll ich morgen auch mal spielen?. Was könnte man mit 8 Millionen alles....
Dann frage ich mich, warum sich Woche für Woche so viele Leute, wie Milchkühe melken lassen. Vielleicht ließt man einfach mehr Geschichten von Gewinnern, bei denen am Ende hinten was rauskam. Davon können sie sich jetzt einen unbeschreiblich imposanten Haufen Mist kaufen, mit lauter Zeug, das sie nicht brauchen. Aber spielen die Leute weil sie wirklich glauben etwas zu gewinnen, oder lösen sie sich mit dem Schein nur ein Ticket, für die Traumvorstellung in ihrem Luftschloss . Eine halbwegs begründete Berechtigung, sich in den schillerndsten Farben all die schönen Dinge auszumalen, die man besitzen oder machen könnte. Damit man auch weiß was man mit dem Geld machen könnte. So ein Gewinn sollte einen ja nie unvorbereitet treffen. Theoretisch ist ja, wie man so sagt, alles möglich, oder eben nicht.
Ich grinse kurz. Mein Gedankengang erscheint mir hochgenial. Hat bestimmt noch mit dem Bier von vorher zu tun. Doch das Resultat Resultat meines geistigen Höhenflugs ist, das ich mal wieder die anderen verloren hab. Ich Fluche kurz, und ärgere mich über meine Dummheit. Leicht in Panik beschleunige ich mein Tempo, und stell mich immer wieder kurz auf die Zehenspitzen. Irgendwo da vorn ist einer von uns. Ich drängel mich schnell vorwärts. Ich versuchs jedenfalls, finden aber nicht alle so toll. Am Ende der nächsten Unterführung hol ich sie schließlich ein. Zwei sind auf dem Klo. Ich muss auch . Eilig folg ich den Anderen, in die einladend aussehende Kloake, in der es berstend nach Urin stinkt.
Ich beeil mich so gut wie´s geht. Der Typ neben mir hat schon Probleme mit dem Gleichgewicht. Er kippt langsam und bedächtlich vorn über gegen die feuchte Pissrinne. Und irgendwie beschleicht mich langsam die Ahnung, in Gegenwart all dessen was ich gesehen hab, und des schmeichelnden Düftchens, das wie eine leichte Brise aus der Kloake, und scheinbar von überall fröhlich her weht, das wir Menschen doch nicht so geniale Konstrukte sind, wie mir der verklemmt, und doch klugscheißerisch aussehende Junge da drüben auf seinem T-Shirt, mit der Leuchtaufschrift „Prototyp Gottes“ weismachen will.
Der große Strom hat mittlerweile, wie von Geisterhand geführt, das gelobte Land erreicht. Das Bier fließt in Strömen. Man kann es an vielen, zu Grimassen entstellten Gesichtern sehn.
Wie Motten, magisch vom Licht angezogen Umkreisen wir die vielen grellen, bunten Lichter.
Wir laufen an einem „Hau-den-Lukas“ vorbei. Ich überleg mir kurz ob ich`s auch mal versuchen soll. Alle stehn nur drum herum, niemand schlägt drauf. Aber ich will dann doch nicht die gesamte Aufmerksamkeit auf mich ziehn, aus Angst mich, vor versammelter Mannschaft, zum Affen zu machen. Die werden nämlich, passend zum aktuellen King Kong Film, an der Losbude nebenan, quasi „fast verschenkt“. Übermenschengroß und passgenau für jedes Kinder und Jugendbett. Alles wirkt sehr seriös und verbraucherfreundlich. Tolle und hochwertige Preise und so.
10 Lose für nur 5 Euro, ein echter „Knüller“ – ja ihr mich auch.
Wir warten kurz am Freefall Tower. Einige von uns trauen sich. Ich nicht, bei mir rotiert die vorhin gekaufte Pizza, schon allein vom zuschauen, fröhlich wie der benachbarte Breakdance, in meinen Magen. Und die zahlen auch noch dafür.
Vorbei an Fressständen, und Furcht einflößenden Geisterbahnen, für ganz mutige Helden, erreichen wir die Bierzelte. Das Gedränge wird zum Gekwetsche.
Wir stellen uns vor das erstbeste Zelte. In der Schlange stehn bestimmt über 100 Leute. Obwohl Schlange die falsche Bezeichnung ist. Würde man einen riesigen Zirkel, am Einlass in den matschigen Boden rammen, würde man feststellen, das die Wartenden einen perfekten Halbkreis bilden.
Bloß keine Zeit verlieren. Irgendwie auch wieder verständlich, sonst bekommt man „Wahnsinn“ von Wolfgang Petri nur 11, statt 12 mal zu hören. Die „Hölle!Hölle!Hölle“ Rufe aus hunderten, biergeölten Kehlen dringen bis vor das Zeit.
Ich warte jetzt schon seit mehr als einer halben Stunde, ohne das Gefühl dem Eingang wirklich bedeutend näher gekommen zu sein. Je länger ich warte desto weniger stört es mich.
Nach weiteren 20 Minuten sind wir drinn.
Im Zelt ist`s heiß, stickig und laut. Es ist zum bersten mit Menschen gefüllt. Die Tische und Bänke wiegen sich im Rhythmus der Stimmungsmusik. Jedenfalls was die meisten darunter verstehn. Bei mir funktioniert das mit der Stimmung komischerweise nicht. Nach ner halben Stunde könnt ich so ziemlich jeden Text mitgröhlen ,oder zumindest intuitiv erahnen. Erst überraschts mich, mit steigender Trefferquote wird’s erschreckend.
Ich bestell mir ein Maß für schlappe 6,90. Ich leere es so schnell es geht, um endlich Betriebstemperatur zu erreichen. Doch gegen die allgemein um sich greifende Epidemie, die alle in fiebrige Feierlaune versetzt, scheine ich heut immun zu sein. Doch die nächste Bedienung kann nicht weit sein. Zweites Maß,

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