Im Café
von
Cielle
1
Im Café...
Ich sitze in dem kleinen Café.
Alleine, an einem der Bistrotische auf einem unglaublich unbequemen, langbeinigen Barhocker. Ich sitze einfach so da, trinke mittlerweile den vierten Grüntee mit Pfirsich-Aroma. Ohne Zucker selbstverständlich - denn Zucker macht dick. Genauso wie die 3,5%%-ige Milch im Latte Macciato - deswegen begnüge ich mich mit grünem Tee. Hat wenigstens Koffein - nehme ich mal einen Tag lang kein Koffein zu mir, bekomme ich höllische Kopfschmerzen. Aber heute habe ich die auch mit Koffein.
Ich beobachte die Leute, die durch die Tür schreiten, einige Augenblicke lang der kalten Februarluft entfliehen um sich einen Coffee to Go oder einen Krapfen zu kaufen. Immer wenn einer dieser Menschen hektisch die Tür öffnet, lässt mich der darauf folgende Luftzug frösteln. Klar, schließlich trage ich nur ein halblanges, schwarzes Oberteil - selber Schuld. Doch was sollte ich machen, heute morgen, als ich wieder einmal gezwungen war, festzustellen, dass wirklich jeder meiner vielen schwarzen Pullover in der Wäsche liegt? Wenn ich deprimiert bin, muss ich schwarz tragen - ansonsten drehe ich durch und werde noch viel deprimierter. Und ich bin deprimiert. Heute, gestern, vorgestern, alle Tage davor...
Außerdem macht schwarz schlank. Und darum geht es schließlich - schlank , nein, dünn zu sein. Deshalb esse ich nichts - schon den gesamten Tag lang - ansonsten sähe ich mich gezwungen, mir zu Hause wieder den Finger in den Hals zu stecken. Und davon bekomme ich immer Halsschmerzen.
"Ne me quitte pas...", fleht Nina Simone mit ihrem grauenhaften, amerikanischen Akzent aus den Ohrstöpseln meines iPods. "...oublier les temps des malentendus, les temps perdues..."
Ich schaue herab auf meine Hände. der Nagellack an meinem linken Zeigefinger ist abgesplittert. Grässlich! Doch ansonsten sind noch alle Nägel perfekt mit jenem Chanel-Nagellack lackiert, den Uma Thurman in "Pulp Fiction" trug. Schwarzrot. "...ne me quitte pas, ne me quitte pas, ne me quitte pas." Zu Ende, ich wähle den nächsten Titel aus. "Lithium" von Nirvana.
"I'm so happy 'cause today I found my friends - there in my head..."
Ich höre immer Nirvana, wenn ich deprimiert bin. Also jeden Tag.
Ich nehme einen weiteren Schluck meines Grüntees. Mein Magen knurrt. Ich ignoriere es, stelle mir vor, ich würde nicht hier sitzen und so furchtbar viel an Essen denken. Lieber denke ich daran, wie es ist, wenn ich endlich dünn bin, wie es ist, nur noch Größe 32/34 zu tragen, wie es ist, wenn meine Hüftknochen markant hervorstechen...
Ist Hungern eigentlich eine Kunst? Wenn nicht, dann werde ich daraus eine machen - mit mir selbst als meinem Kunstwerk.
Überhaupt wäre alles viel besser, wenn ich eine Künstlerin wäre. Denn das würde bedeuten, ich würde in einer Großstadt leben - einer richtigen Großstadt, nicht in so einer Pseudo-Metropole wie dieser. Dieses Möchtegern-Stadtleben widert mich an.
In einer richtigen Stadt säße ich nicht in einem x-beliebigen Café mit meinem Grüntee, sondern bei Starbucks mit einem Chai Tea, würde World Music hören, bis mir davon so schlecht wird, wie von meines Fressanfällen - und wäre nicht in meiner Winterdepression gefangen. Vielleicht wäre ich dort glücklich...
Motorisch nippe ich an meinem Pfirsich-Sencha.
Ich lasse meinen Blick auf die Straße schweifen. Der Himmel ist grau, die vorbeiziehenden Individuen sind reduziert auf eine eintönige Masse. Scheußlich - ob all diese Menschen genauso deprimiert sind wie ich? Bestimmt nicht. Vor allem nicht dieses Pärchen meines Alters, dass mich gerade durch einen erneuten Luftzug halb erfrieren lässt, als es das Café betritt. Hand in Hand - verflucht - wie können sie nur? Ich bin unendlich froh, heute noch nichts gegessen zu haben, sonst müsste ich jetzt kotzen - so schlecht wird mir beim Anblick dieses Glücks. Es führt mir wieder einmal die Erbärmlichkeit meiner vereinsamten Existenz vor Augen. Ich habe niemanden - nicht mehr - er hat mich verlassen. Ich bin allein. Allein, deprimiert, hungrig - nicht dünn genug!
Ich höre "Lonely day" von System of a Down.
"Such a lonely day - and it's mine - the most loneliest day of my life..."
gedankenverloren spiele ich mit der Silberkette an meinem Hals. Was, wenn ich mich umbringe? Werden dann Menschen um mich trauern? Wird ER um mich trauern? Oder würde es niemand bemerken? Würde mein Ableben unentdeckt bleiben?
"...and if you go, I wanna go with you. and if you die, I wanna die with you - take your hand and walk away..."
Nein, noch bin ich nicht dünn genug um zu sterben. Zuerst muss ich abnehmen.
"... such a lonely day and it's mine. It's a day that I'm glad I survived."
Mein Magen knurrt lauter. Sei ruhig, sei verdammt noch mal bitte endlich ruhig! Lass mich einfach nur hungern, okay? Ich leere mein Teeglas. Warum sättigt dieses Zeug nicht??? Und warum sehe ich nicht aus wie Kate Moss? Ach - das Leben ist grässlich! Und ungerecht!
Was nun - jetzt, da mein Tee leer ist? Ich will nichts essen, ich will dünn sein! Meine Magersucht weiter vorantreiben, die Künstlerin eines anorektischen Kunstwerkes sein!
Zur Hölle - es reicht! ich stehe auf - und kaufe mir wider meines Willens einen Milchkaffee mit Baileys und ein Schokocroissant...
1
Kommentare
Silva Chan schrieb am 2009-11-08 13:36:10:
Wow! Ich finde das hast du wirklich toll geschrieben und beschrieben! Natürlich ist das Thema alles andere als toll ... aber es hat die Situation in der sich das Mädchen so treffend beschrieben, besonders das mit dem Essen kaufen am Ende ... das können alle, denen es selbst mal so ging oder geht wahrscheinlich genau nachempfinden :/
Lg Silva Chan
Pünktchen schrieb am 2008-02-04 14:39:25:
oh man wie schön....kann mich genau hineinversetzten und die lieder sind einfach perfekt gewählt....genau die gleichen hör ich auch immer wenn cih schlecht drauf bin...einfach super geschrieben wenn das thema selber natürlich total traurig und schrecklich ist...
Kommentar hinzufügen