Im Wendekreis des Schwarzen Afghanen
von
RHAZARD
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Und dann sah irgendwann einmal die Sache so aus, dass ich nach Hause gekommen bin und mein Schatzi-Mausi dabei erwischt habe, wie sie sich eine Tüte gedreht hat. Wenn sie mir beim Zahnarzt, bei einer Routine-Untersuchung eröffnet hätten, dass sie neben einem Loch im Zahn auch noch Hodenkrebs gefunden hätten und deshalb neben einer Wurzelbehandlung auch noch eine sofortige Amputation meiner Eier ohne Narkose dringendst erforderlich wäre ... Ich hätte nicht überraschter sein können!
„Was?“, schrie ich entsetzt auf. „Du nimmst Drogen??“
„Natürlich!“, antwortete Schatzi-Mausi mir lapidar und in einer Stimmlage, die darauf hindeuten ließ, dass sie eigentlich schon genug von dem Zeug intus hatte. „Anders könnte ich dich ja gar nicht ertragen!!“ Dann wurde der Joint angezündet. Ein süßlicher Geruch verbreitete sich in unserer Wohnung. Mir wurde urplötzlich klar, was der wahre Grund für Schatzi-Mausis übertriebene Affinität zu Duftkerzen und Räucherstäbchen sein könnte.
„Wie lange geht das schon?“, verlangte ich zu erfahren.
„Schon lange.“ Zu näherer Auskunft war Schatzi-Mausi nicht bereit. Ich überlegte fieberhaft, kam aber zu keinem Ergebnis. Die Situation überforderte mich. Heillos. Ich wollte eine Erklärung von ihr. Aber noch viel mehr wollte ich, dass sich das alles nur als vorübergehende Wahrnehmungsstörung meinerseits heraus stellte. Von Halluzinationen, Sinnestäuschungen und anderen schrecklichen Hirngespinsten hat man doch schon so oft gehört. Vielleicht lag es an mir? War ich krank? Schizophren möglicherweise ... Das wäre mir immer noch lieber gewesen, als eine kiffende Lebensgefährtin auf dem Sofa sitzen zu haben. Aber so war´s nicht. Sondern anders. Und darum blieb mir auch nichts anderes übrig: Ich musste mich der bitteren Realität stellen. Mein Schatzi-Mausi ist ein Junkie. Auch wenn es (mir) weh tut. Auch wenn ich es irgendwie auch kaum glauben kann. So liegen die Fakten nun mal. Ich sagte es ihr. Atemlos. Sie schüttelte den Kopf.
„Das Wort mag ich nicht.“ In gewisser Weise konnte ich sie da auch verstehen. Selbst wenn es die Wahrheit ist, wer will schon gerne so bezeichnet werden? Die Wahrheit schmerzt, darum ist ja die Lüge allgemein so überaus beliebt und weit verbreitet. Die Soldaten von der Bundeswehr regen sich doch auch immer mordsmäßig auf, wenn sie von den Punks als Mörder beschimpft werden. Trotzdem: Die Dinge mussten auf den Tisch, sie mussten beim Namen genannt werden. Denn, meiner Meinung nach, war das hier ein ernstes Thema. Und wenn ich es auch sonst gewohnt bin, bei ihr normalerweise nicht Recht zu haben. Und wenn doch, es sowieso nicht zu kriegen ... Diesmal hatte ich es und wollte es auch haben. Ich musste darauf bestehen. Deshalb wurde von meiner Seite nachgefragt, ob sie denn regelmäßig kifft. Obwohl die Antwort doch offensichtlich war. Schatzi-Mausi machte sich darüber so ihre Gedanken. Angenehm war ihr die Situation nicht. Sie sah mich an, wie ein junges Kälbchen, das gerade hat mit ansehen müssen, wie seine Mutter von einem rigorosen Metzger in einen Dönerspieß umgebaut worden war. Schließlich rang sie sich dazu durch, mir zumindest teilweise zuzustimmen. Mir war schon klar, dass es für sie überaus ungewohnt war. Was völlig Neues.
„Ich hab´s in letzter Zeit nich' mehr so unter Kontrolle.“
„Also ...?“, hakte ich nach.
„Ja, stimmt schon.“, räumte sie dann doch noch ein. „Ich bin süchtig. Ich bin ein süchtiger Mensch.“ Ha! Jetzt habe ich sie da, wo ich sie haben will. Das Geständnis ist raus. Denn: Selbsterkenntnis soll doch der beste Weg zur Besserung sein. Und, als ob sie meine Gedanken hätte lesen können und es auch getan hat, sagte sie daraufhin:
„Hey, ich hab N!CHT gesagt, dass ich ein Problem damit habe. DU hast ein Problem damit!“ Hinsichtlich dieser Antwort blieb mir nichts anderes mehr übrig. Ich musste aufs Ganze gehen. Wie beim Pokern: Alles, oder Nichts!
„Du, ... du ...“, stotterte ich. „ ... musst dich entscheiden: Das Gras, oder ich!“ Und natürlich, wäre es schön gewesen, wenn Schatzi-Mausi an dieser Stelle, ohne großes Überlegen, ihren Dübel weit von sich geschmissen hätte und sich mir dann in die Arme. Aber so war es nicht. Sondern anders. Es wäre bei näherer Betrachtung aber auch so wahrscheinlich gewesen, wie in der Wüste Gobi von einem Schneepflug überfahren zu werden.
„Lass´ gut sein.“ Sie winkte ab. „Da kannst du nicht gewinnen. Wegen dir werd´ ich das Kiffen garantiert nicht aufgeben.“ Am liebsten hätte ich sie nach dieser Aussage gepackt und solange geschüttelt, bis sie ihre Meinung geändert hatte. Aber das ging nicht. Erstens: Weil sie doch, trotz allem, immer noch mein Schatzi-Mausi ist. Und Zweitens: Weil meine Mama mir einst beigebracht hat, dass man(n) keine Mädchen schlägt. Vor allem nicht sein eigenes! Mühsam kämpfte ich also mein Vorhaben zu tätlichen Übergriffen nieder. Einfach war das echt nicht. Ein Zittern lief mir durch den Körper, in etwa so, als hätte ich im tiefsten Winter nackt im Wittelsbacher Park Polka getanzt. Ruhig bleiben! Menschen ändern sich nicht. Zumindest nicht, wenn sie es nicht selbst aus tiefstem Grunde ihres Herzens wirklich wollen. Da kann man nix dagegen tun. Sie sind so, wie sie sind. Ich wählte meine Worte mit B. Dacht. Versuchte, pädagogisch wertvoll zu sein. Sagte ihr dies. Und das. Und sonst noch so allerlei mehr. Argumente contra das Kiffen. Klar, ... Es ist schlecht. Es ist illegal ... Lange Rede, kurzer (Un)Sinn: Genützt hat es nichts. Rein gar nichts ...
„Jetzt sei´ nich´ so spießig. Da ist doch nichts dabei.“ Sie blies mir Rauch ins Gesicht. Ich sank erschöpft zu ihr aufs Sofa nieder. Wollte dann wenigstens wissen, warum sie das macht. Sie rückte näher an mich heran. Legte ihren Kopf auf meine Schulter. Alles, was ihr in der letzten Zeit zugestoßen war: Eine Reihe betrüblicher Ereignisse. Nur Ärger, Stress und Chaos. In der Arbeit. Privat. Aus meiner Sicht der ganz normale Wahnsinn des Alltags eben, aber sie sah das anders. Es waren schreckliche Situationen, die mehr Zeit, Geld, Arbeit und Nerven erfordern, als sie verkraften könnte. Deshalb wollte sie das Leben auch mal ausblenden. Sich wegbeamen. Das Denken aufhören können. Am Ende dieser Erklärung war ich erstaunt. Die Frage war jetzt eigentlich nicht mehr, warum sie Drogen nimmt. Die Frage war, warum ich keine Drogen nehme ... Schließlich habe ich doch tagtäglich mit denselben Problemen zu kämpfen. Wieder beschlich mich so ein unangenehmes Gefühl. Diesmal war es in etwa vergleichbar mit dem Moment, in dem man(n) feststellen muss, dass einem die Unterhose in die Kimme gerutscht ist. Schatzi-Mausi sah mich skeptisch an und war plötzlich kurz davor, sich aufzuregen.
„Mir ist schon klar, was du denkst! Aber ich halt´ das eben so nicht aus. Ich kann mir das alles nicht so am Arsch vorbeigehen lassen, wie du!“ Also? Was tun?? Man(n) sagt Dinge, wie: „Ja, Schatzi-Mausi. Ich kann dich verstehen.“ Und außerdem noch: „Da hast du aber sowas von recht!“ Denn, wenn man den Vesuv am
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